Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €!
Gegründet 1947 Freitag, 25. September 2020, Nr. 225
Die junge Welt wird von 2356 GenossInnen herausgegeben
Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €! Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €!
Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €!
Aus: Ausgabe vom 14.07.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Ausbeutungsverhältnisse

Inmitten düstrem Teufelswerk

Im britischen Leicester arbeiten Beschäftigte der Textilindustrie nicht erst seit Corona unter katastrophalen Bedingungen
Von Christian Bunke
Virus_Outbreak_Brita_65841671.jpg
Prekäres Leben: Nicht nur in der jetzigen Krise. Angehörige der Arbeiterklasse in Leicester (30.6.2020)

Die nordenglischen Baumwollfabriken des 19. Jahrhunderts wurden in Gedichten, Liedern und Artikeln aufgrund der in ihnen herrschenden Arbeitsbedingungen immer wieder gerne als »teuflisch« bezeichnet. In der mittelenglischen Stadt Leicester wird nun durch die Coronapandemie beispielhaft deutlich, dass derlei »teuflische Werke« keineswegs der Vergangenheit, sondern weiterhin der Gegenwart auch der heimischen Textilbranche Englands angehören.

Rund 1.000 solcher Ausbeuterbetriebe soll es in der Stadt laut Informationen der britischen nationalen Statistikbehörde geben. Sie sind in Hinterhöfen, geschlossenen Industriebetrieben oder ehemaligen Einkaufszentren angesiedelt. Hier arbeiten größtenteils Menschen mit indischem oder pakistanischem Migrationshintergrund. Oft wohnen sie in völlig überbelegten, von den Unternehmen gestellten Wohnungen. Die in diesen Fabriken gezahlten Löhne sollen zwischen vier und fünf Pfund pro Stunde betragen, teilweise nur drei Pfund. Der gesetzliche Mindestlohn in Großbritannien liegt bei knapp unter neun Pfund pro Stunde.

In diesen Fabriken und Massenunterkünften für die Arbeiter konnte sich Covid-19 gut verbreiten, Leicester befindet sich deshalb seit Anfang Juli im »Lockdown«. In einem Interview mit dem gewerkschaftsnahen Nachrichtendienst Union News erhob George Atwall, der regionale Organisator der Nahrungsmittelgewerkschaft BFAWU, am 13. Juli schwere Vorwürfe gegen die Unternehmer der Stadt. Viele von ihnen hätten Hygienevorschriften und soziale Distanzierungsmaßnahmen systematisch missachtet. In vielen Fabriken gebe es keine offizielle gewerkschaftliche Vertretung. BFAWU-Mitglieder berichteten von »nicht akzeptablen Arbeitsbedingungen in zu vielen Fabriken«. Auch in den Betrieben von »Boohoo« gebe es keine gewerkschaftliche Organisation. Boohoo zählt zu den großen Herstellern von Billigtextilien in Großbritannien. Dem Konzern wird vorgeworfen, auch während der Pandemie mit fast 100prozentiger Kapazität weiterproduziert zu haben. »Unsere Gewerkschaft weiß, dass gefährliche Arbeitsbedingungen in diesen Fabriken definitiv zur Verbreitung des Virus beigetragen haben«, so George Atwall weiter gegenüber Union News. »Viele Arbeiter haben allerdings zu große Angst vor ihren Bossen, um öffentlich dagegen aufzutreten.«

Atwall stellt hier einen Zusammenhang zur Kürzungspolitik der konservativ geführten britischen Regierung her. Sie hatte 100 Millionen Pfund bei der britischen Arbeitsschutzbehörde eingespart und angewiesen, weniger Inspektionen an Arbeitsplätzen durchzuführen. Britische Gewerkschaften schätzen, dass diese Einsparungen alleine in der Baubranche dazu geführt hätten, dass es zwischen 35 und 40 Prozent mehr Todesfälle am Arbeitsplatz gebe. »Als Gewerkschaft haben wir kein Vertrauen, dass die Regierung ernsthaft etwas unternimmt«, so Atwall weiter. »Die Regierung hilft Arbeitern nur, wenn Gewerkschaften und ihre Mitglieder selbst Druck aufbauen.«

Erste Schritte in diese Richtung scheinen inzwischen gemacht zu werden. So organisierte die unter anderem an Schulen aktive Bildungsgewerkschaft NEU gemeinsam mit der BFAWU und gewerkschaftslinken Initiativen wie dem »National Shop Stewards Network« am 11. Juli ein Onlinetreffen, um »Leicesters Arbeiter und Nachbarschaften zusammenzubringen, und um die Organisation unserer Verteidigung zu besprechen«. Leicester habe eine der höchsten Infektionsraten Großbritanniens, Regierung und Konzerne hätten kein Interesse an der Gesundheit arbeitender Menschen. Es sei deshalb nötig, in dieser Frage selbst aktiv zu werden.

Wann, wenn nicht jetzt?

Die letzten Tage, um das stark vergünstigte und zeitlich begrenzte Aktionsabo der Tageszeitung junge Welt zu bestellen, sind angebrochen: Bis Montag, 28. September gibt es das Protest-Abo, um die junge Welt drei Monate lang für 62 € zu lesen.

Eine gute Gelegenheit, um die Tageszeitung gegen Kapitalismus kennenzulernen. Auf zum Endspurt!

Ähnliche:

  • Die britische Labour-Partei richtet sich wieder an ihrem neolibe...
    28.05.2020

    Neoliberale Wende

    Großbritannien: Labour wählt neuen Generalsekretär. Rechter Parteiflügel positioniert sich gegen Gewerkschaften
  • Boris Johnson appellierte am Sonntag an die Menschen, wieder an ...
    12.05.2020

    Kein Zebrastreifen

    Großbritannien: Kritik an Lockerung der Coronamaßnahmen. Regierung will Wirtschaft hochfahren
  • Bauarbeiter nehmen am Dienstag an einer Schweigeminute am Chelse...
    29.04.2020

    Kein Schutz für Arbeiter

    Großbritannien: Gewerkschaften begehen »Workers Memorial Day«. Schließung von Baustellen gefordert

Mehr aus: Kapital & Arbeit