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Aus: Ausgabe vom 11.07.2020, Seite 12 / Thema
Umweltverschmutzung

Das ausgelagerte Problem

Plastikmüll führt nicht nur hierzulande zu Umweltverschmutzungen. Deutschland gehört zu den größten Exporteuren von Kunststoffabfällen nach Südostasien – eine Spurensuche
Von Marvin Oppong
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Der Müll stapelt sich – aber nicht bei uns. Eine Gruppe Menschen sucht auf einer Mülldeponie in Bekasi, Indonesien nach verwertbaren Plastikteilen (2.3.2019)

Deutschland ist ein Land, das in Sachen Umweltschutz weit voraus ist, heißt es oftmals. Doch Fakt ist: In Deutschland wird viel mehr Verpackungsmüll produziert als in anderen vergleichbaren Ländern Europas. Die Recyclingquote bei Kunststoffverpackungsabfällen in Deutschland lag 2018 mit rund 40 bis 50 Prozent weit unter der in Ländern wie zum Beispiel Zypern, Litauen oder Slowenien.

Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe hat sich der Verpackungsmüll aus Plastik in den letzten 25 Jahren von 19 auf 37 Kilogramm pro Kopf und Jahr gar verdoppelt. Für die Deutsche Umwelthilfe ist eine »Gescheiterte Abfallpolitik der Bundesregierung« Schuld daran. Sie kritisiert, dass die Bundesumweltministerin auf freiwillige Selbstverpflichtungen mit Handels- und Industriekonzernen setze. Die Deutsche Umwelthilfe hat einen Negativpreis ins Leben gerufen und fordert Verbraucherinnen und Verbraucher dazu auf, »beim täglichen Einkauf die absurdesten Einweg-Plastikverpackungen zu fotografieren und unter dem Hashtag #Verpackungswahnsinn zu melden«. Mit einer ab 2021 geltenden, neuen Richtlinie will die EU besonders umweltschädliche Einweg-Plastikprodukte wie Strohhalme aus Plastik verbieten.

Zahlen zum Plastikexport

Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik von 2018 landen in Deutschland jährlich rund 116.000 Tonnen Makroplastik aus Verpackungen und Produkten in der Umwelt. Ein Großteil des Kunststoffabfalls ist Verpackungsmüll aus Plastik. Nur ein Teil davon wird recycelt, ein Teil wird verbrannt, ein anderer Teil landet auf Deponien.

In der Vergangenheit wurde viel Plastikmüll nach China exportiert, aber auch nach Malaysia oder nach Indonesien. Nach Recherchen der »Süddeutschen Zeitung« haben deutsche Firmen im Jahr 2018 100.000 Tonnen Kunststoffabfälle aus Deutschland nach Malaysia verschifft.

Zum 1. Januar 2018 hat China die Einfuhr von Kunststoffabfällen verboten. Das Verbot hatte weitreichende Auswirkungen auf den globalen Handel mit Plastikmüll und hat Importländer für Plastikmüll in anderen Regionen der Welt, wie etwa Polen, attraktiver gemacht. Im Juli 2019 verkündete Indonesien öffentlichkeitswirksam, 49 Container mit Plastikmüll nach Europa zurückgeschickt zu haben. Laut einem Bericht der »Jakarta Post« enthielten die Container laut Deklarierung Plastikabfälle, die in Indonesien zu neuen Plastikprodukten weiterverarbeitet werden sollten, welche wiederum für den Export bestimmt waren. Was von der neuen Linie PR der jeweiligen Regierungen ist und wie leicht oder schwer es ist, Plastikmüll in südostasiatische Länder zu verschiffen, lässt sich schwer sagen. Die indonesische Regierung habe erklärt, keinen Plastikmüll mehr anzunehmen, doch das sei »in den großen Häfen schwer zu kontrollieren«, so Manfred Santen von Greenpeace.

Die Gesetzgebung zum Recycling hat eine gewisse Lücke: Zwar ist es verboten, Müll zu exportieren, doch der Export von Plastik, das als Recyclingmaterial bestimmt ist, zählt nicht als Export von Plastikmüll. »Nur wenn es sich um frei handelbare Sekundärrohstoffe handelt, die in den Importländern begehrt sind und für die teilweise hohe Preise bezahlt werden, ist dies legal. Wenn importierte Abfälle allerdings nur abgelagert oder verbrannt werden, handelt es sich um eine reine Abfall-Beseitigung und damit um eine illegale Verbringung des Abfalls«, erklärt ein Sprecher des Bundesumweltministeriums.

Die Grenze zwischen dem, was noch als Rohstoff gilt und dem, was schon als Müll anzusehen ist, ist nicht immer leicht auszumachen; letztlich entscheidet dies der Abnehmer vor Ort. Zudem ist schwer zu kontrollieren, ob als Recyclingmaterial deklarierte Ware, nachdem sie durch eine Vielzahl von Händen geht, am Ende wirklich recycelt oder doch nur verbrannt oder auf wilde Deponien verbracht wird – mit entsprechenden Folgen für die Umwelt.

In dem Dokumentarfilm »Take back!« auf Youtube¹ zeigt der indonesische Umweltaktivist Prigi Arisandi eindrucksvoll, wie er unter Legende Plastikmüll aus Industrieländern ankauft und diesen zur freien Verfügung geliefert bekommt, darunter leere Plastikverpackungen von Lebensmitteln oder eine leere Zahnpastatube. Gleichzeitig zeigt er arme Bevölkerung auf der indonesischen Insel Java, die ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, Plastikmüll, der aus Haushalten in Industrieländern stammt, zu recyceln oder, wenn dieser sich nicht mehr recyceln lässt, unter freiem Himmel, nicht ausreichend gegen die giftigen Dämpfe geschützt und mit entsprechenden Folgen für Luft und Grundwasser zu verbrennen.

Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) erklärt, dass Abfälle lediglich »als Basis für Recyclingrohstoffe exportiert« würden, nicht etwa, damit sie in Indonesien verbrannt werden. »Wie indonesische Importeure spezifisch das angekaufte Material einsetzen, entzieht sich unserer Kenntnis«, so der Lobbyverband. »Der Müllexport an sich ist verboten. Es geht um den Export von Abfällen zum Recycling.«

Laut BDE gab es in der Zeit vor Inkrafttreten des chinesischen Einfuhrverbots, zum Stichtag Juli 2017, in Deutschland ein Kunststoffabfallaufkommen von insgesamt 6,15 Millionen Tonnen. Davon wurde eine Million Tonnen Kunststoffmüll exportiert, was 17 Prozent entspricht.

2017 hat Deutschland laut »Tagesschau« 600 Tonnen Plastikmüll nach Indonesien exportiert. Im Jahr 2018 waren es dann ganze 49.500 Tonnen.

Laut einer Greenpeace-Studie über Daten zum globalen Plastikmüllhandel im Zeitraum 2016 bis 2018 und die Auswirkungen von Chinas Plastikmüll-Einfuhrverbot von April 2019 war Deutschland zumindest zeitweilig der größte Exporteur von Plastikmüll nach Indonesien.²

Beim Bundesumweltministerium bestätigt man einen entsprechenden Anstieg deutscher Plastikexporte nach Indonesien. Nach Angaben aus der Außenhandelsstatistik wurden 2016 noch 170 Tonnen Kunststoffabfälle nach Indonesien exportiert, 2017 waren es bereits 565 Tonnen, 2018 64.459 Tonnen und im Jahr 2019 nach vorläufigen Zahlen 34.338 Tonnen.

Die Spur des Mülls verfolgen

Für diesen Beitrag wurde mehrere Monate lang die Spur der Plastikexporte von Deutschland nach Indonesien verfolgt. Die Recherche wurde durch ein Crowdfunding finanziert.

Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft bestätigte auf Anfrage, dass aus Deutschland im gesamten Jahr 2018 insgesamt 64.500 Tonnen Plastikmüll nach Indonesien ausgeführt worden seien und im Jahr 2019 34.338 Tonnen. Dass der von der Tagesschau berichtete Wert »niedriger« sei, »dürfte sich aus der Schätzung für das Restjahr ergeben, da die Zahl unterjährig erhoben wurde«, so ein Sprecher des Branchenverbands. Und weiter: »Der Anstieg der Exporte aus Deutschland nach Indonesien dürfte mit dem Importstopp Chinas zum Jahresbeginn 2018 im Zusammenhang stehen.« Die produzierende Wirtschaft in »rohstoffarmen Ländern wie auch China« sei »auf Rohstofflieferungen angewiesen« Man dürfe Handelsaktivitäten »nicht generell als Müllverschiffung diskreditieren.«

Eine, die etwas zu deutschen Müllexporten nach Indonesien wissen könnte, ist die staatliche deutsche Entwicklungsorganisation GIZ, die weltweit Projekte, die auch mit Müll zu tun haben, durchführt und auch in Indonesien tätig ist. Auf Anfrage teilte die GIZ mit, man unterstütze im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) »Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft zum Schutz von Meer und Korallen«. Gemeinsam mit »Städten, Gemeinden sowie Firmen« entwickle die GIZ hier »Konzepte und Regeln, mit Müll umzugehen«. Darüber hinaus berate die GIZ im Auftrag des BMZ und der EU »neben weiteren Ländern in Südostasien auch Indonesien seit August 2019 in der Plastikmüllvermeidung«. Im Rahmen des Projekts »Rethinking plastics – circular economy solutions to marine litter« entwickle man »mit örtlichen Ministerien Regelungen und Standards zur Plastikmüllvermeidung bzw. zum Recycling«. Daran würden sich »Pilotprojekte zur Umsetzung anschließen«.

Nach Aussage von Manfred Santen, einer der Autoren der Greenpeace-Studie, ist es »schwer herauszukriegen«, wer Plastikmüll von Deutschland nach Indonesien exportiert. Es sei am wahrscheinlichsten, dass eines der großen Recyclingunternehmen in Deutschland Plastik nach Indonesien exportiere. Also wurden für die Recherche die größten Recyclingunternehmen in Deutschland angeschrieben.

Der Branchenriese Remondis erklärte auf Anfrage, keinen Plastikmüll nach Asien zu exportieren. »Generell liegt nach unserem Kenntnisstand der Abfallexport nach Asien spätestens seit dem waste import ban im unteren einstelligen Bereich.« Man verfüge über »keine Erkenntnisse« darüber, »welche Unternehmen überhaupt noch diesen Weg nehmen«, so ein Sprecher. Bei Veolia hieß es, man habe »zu keinem Zeitpunkt ›Müll‹ im Sinne von Abfall zur Beseitigung nach Südostasien exportiert«.

Laut der Außenhandelsstatistik des Statistischen Bundesamts wurden im ersten Halbjahr 2019 »Abfälle, Schnitzel und Bruch von Kunststoff« im Umfang von 27.625 Tonnen mit einem Wert von 6,3 Millionen Euro nach Indonesien exportiert. Offiziell gilt das hier transportierte Material nicht als Müll, doch was mit Bruch von Kunststoff in Indonesien passiert, lässt sich hierzulande nur schlecht nachvollziehen.

Eine Untersuchung des Programms für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen von Juli 2019 kommt zu dem Ergebnis, dass »die meiste illegale Nutzung von Plastikmüll in Asien geschehen dürfte«. Illegale Müllbehandlung »nimmt durch Chinas Müll-Einfuhrverbot zu«.

»Eine fundierte Aussage über die Größenordnung möglicher illegaler Abfalltransporte« lasse sich »nicht treffen«, so Ruth Haliti vom Zoll. »Hinsichtlich der durchgeführten Anzahl der Kontrollen werden keine Statistiken geführt.« Zu durchgeführten Kontrollen und zur Frage illegaler Müllexporte nach Indonesien war von der indonesischen Botschaft in Deutschland auf Anfrage keine Auskunft zu erhalten.

»Exporte von deutschem Plastikmüll finden aus den Häfen Hamburg, Rotterdam und Antwerpen statt«, weiß Rüdiger Kühr, Direktor des Programmes für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen.

Das Schweigen der Konzerne

Für die Recherche wurden daraufhin der Hamburger Hafen und Dutzende Unternehmen im Hamburger Hafen angeschrieben – Container- und Massengutunternehmen ebenso wie Massengut-Umschlagsunternehmen und Reedereien. Nur wenige Unternehmen reagierten überhaupt. Der Hamburger Hafen erklärte: »In der Regel haben wir keine Kenntnisse, welche Waren in den Containern, die wir an unseren Terminals umschlagen, sind.« Kenntnisse über die Inhalte der Container hätten jedoch »die Frachtführer, die Spediteure, die Exporteure und natürlich der Zoll«. Doch auch der Zoll konnte auf Anfrage keine Auskunft zu Unternehmen geben, die Plastik von Deutschland nach Indonesien exportiert haben.

Bei einer Spedition im Hamburger Hafen war man auskunftsfreudiger. Er hoffe auf negative Berichterstattung, damit dieser Müllhandel endlich aufhöre, so ein Mitarbeiter. Er gab den Tipp, an die großen Müllexporteure, deren Namen dort jedoch nicht bekannt seien, heranzutreten. Diese hätten meist direkt »Waste Product«-Kontrakte mit allen großen Reedereien. Wasteprodukte seien ein großer Bestandteil der Ladung Richtung Fernost.

Also wurden zunächst die großen Reedereien kontaktiert. Von Cosco, Maersk, MSC und CMA war auf Anfrage keine Stellungnahme zu erhalten. Der Branchenriese MSC teilte zunächst mit: »Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihre Anfrage nicht bearbeiten können und generell mindestens eine Woche Vorlaufzeit benötigen«, so Anna Ritter, Marketing Coordinator. Wenige Stunden später dann hieß es, dass man »Details dieser Art nicht veröffentlichen« dürfe und ohnehin »keinen freien Zugang zu diesen Informationen« besitze. »Zudem muss jede Presseanfrage vorab mit unserem Media Team in Genf abgestimmt werden. Da dieses für die Kommunikation von 155 Agenturen weltweit verantwortlich ist, nimmt die Abstimmung leider viel Zeit in Anspruch.«

Der Insider gab auch den Tipp, nach Reedereien zu suchen, die spezielle Raten im Bereich »Export Far East« anbieten oder nach Speditionen, die eine Abteilung »Verkauf Export Waste Plastik« haben. Alle großen Spediteure hätten eigene Spezialabteilungen für Waste Produkte.

Bei DB Schenker hieß es dazu auf entsprechende Anfrage: »DB Schenker exportiert keinen Müll.« Man biete jedoch als Logistik-Dienstleister »den Transport von Sekundärrohstoffen zwischen Teilnehmern des Wertstoffkreislaufs« an. Hierbei handle es sich jedoch »nicht um Müll, sondern um im Recyclingkreislauf gesammelte und sortierte Abfälle«. Die Empfänger säßen »auch in Ländern Südostasiens«. DB Schenker transportiere »Plastik, und zwar in Form von Granulat«, aber auch »in Form von Folien«, »im Auftrag einer Vielzahl verschiedener Auftraggeber und verarbeitet dabei Sendungen mit fast 100 verschiedenen Zielländern, darunter auch Indonesien«. Angesichts »vieler Tausender Aufträge« könne man »über die Herkunft, Beschaffenheit und Sortierung der verschiedenen transportierten Materialien keine Auskunft erteilen«.

Bei Kühne + Nagel nahm man auf Anfrage keine Stellung zur Frage von Geschäftsbeziehungen mit Indonesien, wo das Unternehmen Dependancen unterhält. Bei DHL hieß es, dass »der Export von Plastikmüll« nicht zum Geschäftsmodell gehöre. Bei Panalpina/DSV teilt man mit: »Die DSV Air & Sea GmbH verfügt über keine eigene/spezialisierte Abteilung für die Bearbeitung/den Transport von Plastikmüll. Im 2020 hat die DSV Air & Sea GmbH keine Frachtsendungen mit Plastikmüll nach Indonesien bearbeitet.«

Ein Mitarbeiter einer angeschriebenen Spedition im Hamburger Hafen gab den Rat, sich »an die großen Spediteure« zu wenden, diese seien »in solche Geschäfte involviert«. Er nannte die Unternehmen DHL, Panalpina/DSV, Schenker und Kühne + Nagel. Doch wenn es entsprechende Ausfuhren gibt – wer exportiert denn nun Plastik nach Indonesien? Die Suche geht weiter.

Der Insider gibt noch den Tipp, dass eine Firma aus Norddeutschland, die auf die Verwertung von Produktionsrückständen aus der Kunststoffindustrie spezialisiert und nach eigenen Angaben europäischer Marktführer ist, in der Zolldatenbank über Exporte mit der entsprechenden Zolltarifnummer eingetragen und in dem Geschäft tätig sei. Doch ein Mitglied der Geschäftsführung erklärt in einem Telefonat glaubhaft, dass man »mit klassischem Export gar nichts bis wenig zu tun« habe. Er nennt jedoch die Namen zweier weiterer Unternehmen.

Eines davon ist die TM Recycling GmbH. Sie sortiert, behandelt und verwertet alle Arten von Kunststoffen und betreibt auch Handel mit dem Ausland. Der Co-Geschäftsführer der Firma teilt auf Anfrage mit, Produktionsabfälle exportiere man »eher weniger«, da der Vertrieb »darauf nicht ausgerichtet« sei. Am Export von Plastik nach Südostasien sei man beteiligt. Die Namen der Abnehmer in Indonesien gebe man jedoch »nicht preis«. Indonesische Fabriken fragten ausschließlich nach Polyethylenfolien. »Um sicherzustellen, dass nur saubere PE-Folien verladen werden«, verlange der indonesische Staat seit einigen Jahren eine Verladeinspektion. Bei der Verladung wählten Inspektoren »willkürlich Ballen aus, die geöffnet werden müssen. Diese werden dann begutachtet, wieder verpresst und markiert.« Danach würden die Container versiegelt.

Die Spur nach Schleswig-Holstein

Schließlich führt die Recherche zur RDB plastics GmbH. Die Firma mit Sitz im schleswig-holsteinischen Aukrug ist nach eigenen Angaben »eines der größten Unternehmen für den Handel und das Recycling von Kunststoffen«. RDB plastics gehört zum Alba-Konzern, der seinen Sitz in Berlin hat und das gleichnamige, bundesweit bekannte Basketball-Team Alba Berlin sponsert.

Die Pressearbeit für RDB plastics macht die Pressestelle der Alba Group. Dort bestätigt man auf Anfrage, dass die Alba Group 2018 »rund 100.000 Tonnen« Plastik nicht nur nach China, Vietnam und Malaysia, sondern auch nach Indonesien geliefert habe, im Jahr 2019 85.000 Tonnen an Kunden in diesen Ländern verkauft wurden und im ersten Halbjahr 2020 32.000 Tonnen. »Genaue Daten für einzelne Länder nennen wir wegen unserer Wettbewerber nicht«, so Henning Krumrey, Leiter der Unternehmenskommunikation und der Beziehungen zur Politik der Alba Group.

»Die Ausfuhr von Müll ist gesetzlich verboten und wird von uns daher nicht durchgeführt«, so der Alba-Sprecher. Man exportiere »ausschließlich Vorprodukte für die Rezyklatherstellung nach Asien«. Es handle sich »um sortenreines Material« und um »Rohstoffhandel«. Die Kunden seien »zertifizierte Recyclinganlagen, die zum großen Teil nicht nur von den örtlichen Prüfern zertifiziert und von den Behörden überwacht werden, sondern auch von deutschen Prüfingenieuren vor Ort nach deutschen Vorschriften zertifiziert werden.« Ein Drittel der Anlagen verfüge jedoch nur über eine Zertifizierung nach indonesischen und nicht nach deutschen Vorschriften. Die konkreten Namen der Anlagen in Indonesien wollte man nicht nennen: »Mit Blick auf unsere Wettbewerber nennen wir keine Namen unserer Kundenbeziehungen«, hieß es dazu. Man äußere sich, so Krumrey »zu einzelnen Stoffströmen und Lieferungen einzelner Konzernunternehmen wegen der Wettbewerber nicht. Zu Kundenbeziehungen gebe man »generell keine Auskunft und zwar sowohl wegen des Wettbewerbs als auch, weil die meisten Verträge der Verschwiegenheit unterliegen«.

Ein Mitarbeiter von RDB plastics erklärt am Telefon, dass die Firma Plastik von Entsorgungsunternehmen, darunter Remondis und Veolia, ankaufe. RDB plastics kaufe Plastik an, das beispielsweise in Abholcontainern an einem nahegelegenen Logistikzentrum von Aldi gesammelt werde und zu dem etwa Verpackungsmaterial gehöre. Das Plastik werde zu Würfeln mit einem Gewicht von 300 bis 400 Kilogramm verpresst, dann RDB plastics angeboten und dann von RDB plastics angekauft.

Ein Remondis-Sprecher erklärte hierzu, man äußere sich »zu Geschäftsbeziehungen grundsätzlich nicht«. Veolia teilte mit: »Die unsererseits zur Verwertung an RDB veräußerte Tonnage und konkreten Preise kommentieren wir öffentlich nicht.« Zwar würden »Folien aus Gewerbeabfällen« aus niederdichtem Polyethylen in Veolia-Werken zu Ballen »gepresst und den Recyclingunternehmen oder Händlern in unseren Betrieben zur Abholung zur Verfügung gestellt«. Man habe aber »keine Plastikfolien vom ALDI-Zentrallager in Nortorf erhalten«. Der Veolia-Sprecher teilte zudem mit: »Wir behalten uns vor, Ihre Fragen und unsere Antworten inklusive der Zeitangaben unserer Korrespondenz zum Zwecke der Transparenz interessierten Dritten online zur Verfügung zu stellen.«

Bei Alba hieß es dazu: »Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu bestehenden oder möglichen Kunden generell nicht äußern.« Ein Aldi-Sprecher bestätigte, dass z.B. Folien »vor Ort zu Ballen gepresst« würden. Diese »sortenreinen Abfälle«, die »sehr gut recycelt« werden könnten, würden an »zertifizierte Entsorgungsunternehmen übergeben«. Man bitte jedoch um Verständnis, dass man sich »nicht zu den vertraglichen Beziehungen mit einzelnen Entsorgungsunternehmen äußern« könne. Auf die Frage, ob RDB plastics Plastik weiterverkauft hat, das in Indonesien verbrannt oder auf andere Weise als durch Recycling entsorgt wurde, hieß es bei der Alba Group: »RDB plastics vertreibt sortenreine Kunststoffe, also Rohstoffe, an Verarbeiter in Europa und Übersee, zur Herstellung von Recyclingkunststoffen.«

Auf der Branchenseite Recycleinme.com gibt RDB plastics an, auch mit »Produktionsabfall« aus Polypropylen und Polystrol sowie mit »housing mix«, also Haushaltsabfällen, zu handeln. In einem Brancheneintrag von RDB plastics auf Alibaba.com bietet die Firma außerdem Produkte an wie zu Paketen geschnürte Produktverpackungen, »PC/TV-Teile« oder »Zahnpastatuben«.

Abfall, also verunreinigtes Plastik, das sich aufgrund organischer Verunreinigungen schlechter recyceln lässt, wäre kein »sortenreines Material«, wie vom Alba-Sprecher erklärt. Bei Alba hieß es dazu: »Sortenrein« bedeute, dass es sich um Material nur einer Art, zum Beispiel Polypropylen, handelt. »Dieses Material kann durchaus verschmutzt sein. Und auch wenn es verschmutzt ist, lässt es sich gut recyceln.« Bei »housing mix« handle es sich »nicht um Haushaltsabfälle«, sondern um »Kunststoffgehäuse von Elektrogeräten« und um »sortenreine Hartkunststoffe, beispielsweise Eimer, Kanister sowie Gehäuse von Fernsehern und Computern, frei von Fremdstoffen«. Bei den PC/TV-Teilen handle es sich ebenfalls um »sortenreine ABS- oder PS-Fraktionen wie z.B. reine Computer- oder TV-Gehäuse, frei von Fremdstoffen«. Es handelt sich also nicht um Elektroschrott. Bei den Produktverpackungen handle es sich »um Produktionsabfälle«, die »frei von jeglichen Verunreinigungen« seien. Auch die Zahnpastatuben seien »sortenrein«, es handle sich »nämlich um Produktionsabfall aus der Industrie. Diese Zahnpastatuben waren noch nie befüllt.«

Die Recherche zeigt: Die weltweiten Handelsströme von Plastikmüll sind verworren und wenig durchsichtig. Ab dem 1. Januar 2021 wird die sogenannte Verbringung von Kunststoffabfällen in der OECD und der EU verschärft. »Sie dürfen in Zukunft nur noch frei gehandelt werden, wenn sie fast störstofffrei sind und zum Recycling bestimmt«, so das Bundesumweltministerium. »Für den Export anderer Kunststoffabfälle wird künftig weltweit eine Zustimmung der Behörden der Export- und der Importstaaten erforderlich sein.« Dadurch soll die Kontrolle über Kunststoffausfuhren verbessert werden und der Export »in Länder verhindert werden, die über keine angemessene Infrastruktur für die umweltgerechte Behandlung von Kunststoffabfällen verfügen«. Dann sollen auch Exporte aus der EU in Nicht-OECD-Staaten verboten sein. Dazu zählt auch Indonesien.

1 Siehe https://www.youtube.com/watch?v=je53mQS8aGQ&feature=youtu.be

2 Vgl. die Studie »Data from the global plastics waste trade 2016-2018 and the offshore impact of China’s foreign waste import ban«, Seite 17, 1. Diagramm

Marvin Oppong schrieb an dieser Stelle ­zuletzt in der Ausgabe vom 11. Mai 2016 über die Zusammenarbeit von Medienverlagen mit ­Lobbyverbänden.

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