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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Film

An der Wurzel des Terrors

Tatsächlich Helden: Olivier Assayas’ Film »Wasp Network« über den Kampf der »Cuban Five« gegen exilkubanische Machenschaften
Von Kai Köhler
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Miami im Blick: Der kubanische Kundschafter René González (r., Édgar Ramírez)

Der kubanische Pilot René González verabschiedet sich eines Morgens Anfang der 90er Jahre normal von seiner Familie, zerstört auf dem Flugplatz Funkgeräte, setzt sich in seine Maschine und landet ein paar hundert Kilometer weiter in Miami. Er gibt sich unpolitisch – doch bald hat er Kontakt zu Exilkubanern, die einen wie ihn brauchen. Mit Flügen über die Karibik spüren sie Flüchtlinge aus Kuba auf, die dann von der US-Küstenwacht gerettet werden (manche Migranten sind eben doch willkommen). González macht auch weiter mit, als Flugblätter über Havanna abgeworfen werden und dann sogar bei der Luftaufklärung für ein Terrorkommando, das eine kubanische Hotelanlage überfällt. Schließlich soll der Feind nicht mittels Tourismus an Devisen kommen. Kurz: René González ist ein Held.

Ein anderer Held ist Juan Pablo Roque. Der kubanische Luftwaffenoffizier schwimmt, kurz nachdem González die Seiten wechselte, durchs haiverseuchte Meer bis zum US-Stützpunkt Guantanamo, beantragt dort politisches Asyl und hat in Miami schnell Kontakte zum Führungszirkel des rechtsradikalen kubanischen Exils; sogar der berüchtigte Strippenzieher Jorge Mas Canosa lässt sich auf seiner Hochzeit sehen. Woher aber hat Roque, der mittellos in den USA ankam, das viele Geld? Die Braut fragt misstrauisch, denn in besten Exilkreisen kann man einschätzen, wieviel ein bestimmtes Rolex-Modell kostet. Roque weist sie brüsk ab, denn er kann nicht verraten, dass ihn mittlerweile auch das FBI bezahlt, das gerne über das Treiben der Exilanten informiert sein möchte.

Mit den Politkarrieren der beiden Piloten vergeht die erste Hälfte des gut zweistündigen Films »Wasp Network« des französischen Regisseurs Olivier Assayas. Man sieht ein Agentenspiel, in dem genrebedingt nicht immer klar ist, wer da für oder gegen wen agiert; es gibt auch menschliche Gegensätze – González leidet unter der Trennung von seiner Frau, die ihn als Verräter ansieht, während Roque als nicht unbedingt sympathischer Frauenheld triumphiert. Man wüsste kaum, worauf das Ganze hinauslaufen soll, wären da nicht der Titel und die Ankündigung, dass es um die Miami Five geht, die man auch als Cuban Five kennt. Das Netzwerk der Wespen infiltrierte die exilkubanischen Terrorgruppen. Leute wie der Koordinator Gerardo Hernández, wie González, Roque und etwa ein Dutzend anderer sind tatsächlich Helden. Sie verhinderten Terrorakte gegen Kuba und deckten auf, wie die Exilkubaner ihre Angriffe durch Drogenschmuggel finanzierten. Die US-Behörden schätzten, vorhersehbar genug, derlei Aktivitäten nicht. Sie inhaftierten diejenigen, die das Verbrechen bekämpften, und ließen die Verbrecher laufen. Fünf der 1998 Verhafteten weigerten sich, mit den US-Behörden zu kooperieren. Unter ihnen waren Hernández und González; Roque war schon zuvor nach Kuba zurückgekehrt. Sie wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Erst nach langer Zeit konnte die kubanische Regierung im Austausch gegen konterrevolutionäre Agenten die Freilassung der Miami Five erreichen.

Wie stellt nun die internationale Produktion, die fast ohne Kinoauswertung durch den US-basierten Streamingdienst Netflix übernommen wurde, diese Geschichte dar? Es gibt zwar ein paar Zugeständnisse an liberale Vorurteile, etwa wenn eine Schrifteinblendung im Vorspann beteuert, dass auf Kuba ein autoritäres Regime herrsche. Doch sogar dort wird der Blödsinn durch die Information zurückgewiesen, dass Kuba seit 60 Jahren unter einem US-Wirtschaftkrieg leidet. Eindrücklicher als jede Behauptung ist, was man in der Filmhandlung sieht. Und in der sieht man Kubaner, die den Verdacht auf sich nehmen, Verräter zu sein, um die terroristischen Feinde Kubas zu bekämpfen.

Man sieht, in einer langen Sequenz, auch die andere Seite. In El Salvador werben fanatische Exilkubaner einen unpolitischen jungen Mann an, der Geld braucht. Sie schicken ihn nach Havanna, lassen ihn dort in Hotels tödliche Bomben deponieren. Was kümmert sie das Schicksal ihres Agenten, und wozu an zerfetzte Hotelgäste denken, wenn nur der kubanische Tourismus geschädigt wird! Der Film zeigt die Gewissenlosigkeit der Anwerber wie die Ängste des überforderten Mörders. Daran, dass das Treiben der Exilkubaner verbrecherisch ist und der Kampf der kubanischen Regierung gerechtfertigt, lässt Assayas keinen Zweifel.

Das Politische gewürdigt, bleibt doch die Frage, ob »Wasp Network« ein guter Film ist. Es muss kein Nachteil sein, dass sich die Handlung sehr langsam entwickelt. Die Charaktere haben Zeit, sich zu entfalten; das betrifft besonders Édgar Ramírez, der González spielt, und Penélope Cruz als seine Frau Olga, die ihn erst für einen Verräter hält, ihm dann (kurz vor der Ausreise vom kubanischen Geheimdienst informiert) in die USA folgt und zuletzt auch mit dem Inhaftierten solidarisch ist. Diese beiden, wie alle anderen Darsteller, machen ihre Sache sehr gut. Jede einzelne Szene ist als solche durchdacht. Soweit zu den Stärken.

Anders sieht es mit der Funktion der Szenen für das Ganze aus. Die Dramaturgie schleppt; zwanzig oder dreißig Minuten herauszuschneiden, hätte dem Film gutgetan. Das Drehbuch folgt einerseits eng dem Stofflichen, dem historischen Verlauf – und bringt dann andererseits, mit dem Ziel des emotionalen Dranbleibens, Beziehungsgeschichten. Diese beiden Ebenen sind nur wenig vermittelt. Damit passt das für die Kinoleinwand gedrehte Werk gut zu der Streaming-Firma, die es nun verbreitet. Man muss gar nicht immer auf den Bildschirm starren – wenn man nach drei Minuten Ablenkung wieder aufmerksam wird, ist kaum je etwas allzu Wichtiges geschehen. Es gibt auch selten ein Bild, das im großen, dunklen Kinosaal besser wirken würde als auf dem heimischen Laptop. Großes Kino bringt also »Wasp Network« nicht – doch politische Aufklärung.

»Wasp Network« auf Netflix

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