Gegründet 1947 Donnerstag, 9. Juli 2020, Nr. 158
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Bevor der Nah & Gut schließt

Simone Hirths Briefroman »Das Loch« rüttelt am Mythos der glücklichen Mutterschaft
Von Katharina Bendixen
RTSFGFR.JPG
Madonna hilf! Henriette Schöbel schreibt auch an die Queen of Pop

Was würde Henriette Schöbel wohl dieser Tage tun, in denen Studien zeigen, dass es vor allem die Mütter sind, die sich um das Homeschooling kümmern? In denen von Bonizahlungen für Menschen in systemrelevanten Berufen die Rede ist und nicht etwa von Tarifverträgen oder der Abschaffung der Niedriglöhne in einem Bereich, in dem 75 Prozent der Angestellten weiblich sind? Vermutlich würde sie Briefe schreiben – würde schreibend über diesen Zustand nachdenken. Henriette Schöbel ist die Protagonistin von Simone Hirths drittem Roman »Das Loch«, der kurz vor der Coronakrise erschienen ist. Vor acht Monaten ist Henriettes Sohn auf die Welt gekommen, und in diesen acht Monaten ist ihr Beruf – das Schreiben – in weite Ferne gerückt. In den wenigen Minuten, die der Alltag ihr lässt, setzt sie sich hin und schreibt Briefe. Henriette Schöbel schreibt auf Hofer-Kassazettel, auf McDonald’s-Papiersackerl, auf Weihnachtsgeschenkpapier, und immer wieder reißen ihre Briefe abrupt ab: »Sohn weint.« Oder: »Ich muss jetzt noch was einkaufen gehen, bevor der Nah & Gut schließt.« Es sind Briefe, die nicht nach Antwort verlangen, zumindest nicht von denen, an die sie gerichtet sind: Sie schreibt an Jesus und Mohammed, an Rosa Luxemburg und Madonna, an einen Frosch und ein Murmeltier. Und sie schreibt an das Loch – jenes Loch, das »der Zustand des Mutterseins und des Nichtschreibens« aufgerissen hat.

Henriette Schöbel will wissen, warum ihr Mann selbst dann noch abwesend sein darf, wenn er nicht arbeitet, und warum es bisher keine Romane gibt, in denen das Wechseln einer Windel minutiös beschrieben ist. »Das Loch« verhandelt aber viel mehr als die Verteilung der Care-Arbeit und die beste Zubereitungsart von Grießkoch. Wie in allen guten Romanen geht es letztlich um die Frage, wie wir leben wollen – beispielsweise in einer Gesellschaft, in der man sich als Mutter absolut isoliert fühlt? »Das Loch« ist aber kein weiteres »Regretting Mother­hood«-Dokument, sondern eher die Suche nach einem Modell, in dem Mutterschaft gelingen kann. Die Briefform erlaubt es Hirths Protagonistin, fern aller Grenzen nach diesem Modell zu suchen: in der Vergangenheit und in der Gegenwart, in der Literatur und in der Popkultur, in der Politik und in der Religion. In den Briefen gelingen immer wieder verblüffende Verbindungen, etwa wenn Henriette sich an Jesus wendet: »Du wurdest verraten und an ein Holzkreuz genagelt, und danach hast du trotzdem weitergemacht. Das ist natürlich nicht zu vergleichen mit einer Steißgeburt. Das macht dir niemand so schnell nach. Ich denke, das hält man nur mit viel Humor aus.«

Der Humor ist vielleicht die größte Stärke von Hirths Briefroman – ein Humor, der oft in Bitterkeit kippt, niemals aber in Larmoyanz. Ein Jahr braucht die Protagonistin, um sich aus dem Loch herauszuschreiben, in dem sie durch die Mutterschaft versunken war. Dabei helfen ihr neben den Briefen ein Aufenthaltsstipendium in Wroclaw, ein Kinderbetreuungsplatz und eine zweite Mutter, die sie im Laufe des Romans kennenlernt. Nach und nach kehren die Wörter zu ihr zurück, Wörter wie »Zuständigkeitsbereich«, »Pappenstiel«, »Erbsenzählerei«, »Frauendingsda«. »Stell dir vor, es gibt Begriffe wie Kleinfamilie und traditionelle Ehe, aber keine macht mit«, schreibt Henriette im letzten Brief, in dem sie sich von dem Loch verabschiedet. Wenn es nicht eine so schrecklich arrogante Geste wäre, könnte man ihr dafür applaudieren. Vielleicht ist es also besser, dieses Buch allen Müttern zu empfehlen. Den Vätern natürlich auch. Oder überhaupt allen. Denn diese Briefe verlangen nach Antworten.

Simone Hirth: Das Loch. Kremayr & Scheriau, Wien 2020, 272 Seiten, 22,90 Euro

Mehr aus: Feuilleton