Gegründet 1947 Sa. / So., 11. / 12. Juli 2020, Nr. 160
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Immobilienbranche in der BRD

Schritt über die Grenze

Größter deutscher Immobilienkonzern Vonovia kauft sich in niederländisches Unternehmen ein
Von Gerrit Hoekman
imago0090391715h.jpg
Drang nach außen: Der deutsche Immobilienkonzern Vonovia expandiert ins Nachbarland Niederlande

Die Wohnungsgesellschaft »Vonovia SE« aus Bochum erwirbt eine Beteiligung von 2,6 Prozent am niederländischen »Vesteda Residential Fund«. Das teilte das deutsche Dax-Unternehmen am Freitag auf seiner Internetseite mit. Über den Kaufpreis ist Stillschweigen vereinbart worden. »Damit macht Vonovia den ersten Schritt in den niederländischen Wohnimmobilienmarkt«, so der Konzern.

Vesteda besitzt vor allen in der »Randstad«, der dicht besiedelten Region zwischen Den Haag, Rotterdam, Amsterdam und Utrecht, ungefähr 27.000 Wohnungen mit einem Gesamtwert von acht Milliarden Euro und hat damit das größte Wohnimmobilienportfolio in den Niederlanden. Vesteda konzentriert sich auf Wohnungen im mittleren Preissegment.

»Der Mietmarkt für diese spezifische Zielgruppe ist in den Niederlanden immer noch viel zu klein«, sagte ein Vertreter von Vesteda im April laut dem Internetportal »Property NL«. Zuletzt gab das Unternehmen im April den Neubau von 72 Wohnungen in Gouda und im Mai die für August geplante Renovierung von 215 Wohnungen in Rijswijk bei Den Haag bekannt.

In Amsterdam sind Investorenprojekte wie von Vesteda oft nicht mehr profitabel genug, weil sie in den ersten 20 Jahren nur die Mieten im Rahmen der Inflation plus einem Prozent erhöhen dürfen, berichtete die Tageszeitung Het Parool am 3. Februar. Das ist bei einer Inflation von 2,8 Prozent immer noch ziemlich happig und deutlich mehr, als die Lohnsteigerungen der Mieter ausmachen.

»Sicherlich ist ein Anteil von 2,6 Prozent nur ein kleiner Schritt in den niederländischen Wohnungsmarkt. Aber wir haben jetzt eine ideale Ausgangsposition, wenn sich weitere Gelegenheiten ergeben sollten«, erklärte jüngst der Vorstandsvorsitzende von Vonovia, Rolf Buch, das Engagement bei Vesteda. »Die Niederlande sind neben Österreich, Schweden und Frankreich einer der vier Zielmärkte für Wohnimmobilien von Vonovia außerhalb Deutschlands.«

2018 hatte Vonovia eine Beteiligung von zehn Prozent am französischen Immobilienfonds »Foncière Vesta« erworben. Innerhalb von Deutschland wird immer wieder mal über eine Fusion mit dem Konkurrenten »Deutsche Wohnen SE« spekuliert. »Wir gucken uns konstant alle Optionen an«, wurde Buch am 16. Juni im Handelsblatt zitiert.

Auch Vesteda ist zufrieden: »Mit Vonovia stärken wir den Kreis derjenigen Anteilseigner, die langfristig orientiert und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind«, lobte der Vorstandsvorsitzende Gertjan van der Baan. »Wir freuen uns darauf, bei Themen wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz und bezahlbares Wohnen eng zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen.«

Bezahlbares Wohnen? Gesellschaftliche Verantwortung? Anscheinend verfolgen die Niederländer keine Nachrichten aus Deutschland, sonst wüssten sie, dass diese beiden Begriffe zu Vonovia passen wie das Wort Empathie zu einem Wolf im Angesicht einer Schafherde. Drastische Mieterhöhungen nach teurer Sanierung und hanebüchene Nebenkostenabrechnungen – in jüngster Vergangenheit ist viel Kritik an den Methoden des mit 360.000 Wohnungen größten Immobilienkonzerns in Deutschland laut geworden, bis hin zu Stimmen, die eine Verstaatlichung forderten.

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit