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Aus: Ausgabe vom 27.06.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Reisereportage

Wo Füchse heilig sind

Unaufgeregtes Japan jenseits touristischer Hotspots. Tradition umrahmt von faszinierenden Naturdenkmälern. Ein Besuch auf Kyushu
Von Susanna Hagen
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Der riesige Krater, den der Vulkan Aso geformt hat, ist der drittgrößte der Welt und noch immer aktiv (Kumamoto, 14.9.2015)

Tradition und Moderne prallen in Japan aufeinander wie in kaum einem anderen Land: Zen-Ästhetik und Popkultur, exzellente Kochkunst und schnellebiger Konsumismus, komplizierte Rituale und Topinfrastruktur. Die tief im Alltagsleben verwurzelte Kultur und der dominante technologische Fortschritt vertragen sich dem Augenschein nach gut miteinander und machen den Inselstaat zu einem faszinierenden Reiseziel. Als solches erlebte Japan in den vergangenen Jahren einen wahren Ansturm an internationalen Besuchern. Die zog es vor allem nach Tokio und Kyoto, wo an den Hotspots bis zur Coronapandemie Massen an Touristen aufeinandertrafen. Dabei existiert abseits der Kultstädte ein stilleres, über weite Strecken naturbelassenes und ländliches Japan, in das es sich ebenso einzutauchen lohnt. Meine Suche nach alternativen Reisezielen führte mich nach Kyushu, auf die südlichste Hauptinsel des japanischen Archipels, die selbst bei erfahrenen Asienreisenden noch als weißer Fleck auf der Landkarte gilt.

Alles klappt wie am Schnürchen. Von Tokio aus erreiche ich in einem knapp zweistündigen Flug die Inselhauptstadt Fukuoka. Die 1,6-Millionen-Stadt wird auch als »Tor nach Asien« bezeichnet, denn das südkoreanische Festland liegt nur wenig mehr als 200 Kilometer entfernt, während es nach Tokio mehr als 1.000 Kilometer sind. Die Bahnfahrt vom Flughafen ins Zentrum dauert knappe fünf Minuten. Einfacher geht es nicht. Doch bald nach Verlassen des riesigen Hakata-Bahnhofs wird klar: Hier bin ich Analphabetin. »An das Gewirr für mich unentzifferbarer Leuchtschriften werde ich mich gewöhnen«, spreche ich mir Mut zu. Erst als der überaus höfliche Concierge im Viersternehotel über ein englisches »Welcome« nicht hinauskommt, werde ich stutzig, und als Jetlag und Hunger mich in eine nahe Kneipe (Izakaya) treiben, bleibt mir auch dort nur die Gebärdensprache zur Verständigung. Kein Wunder, denn westliche Besucher sind rar auf Kyushu, nicht nur in der Nebensaison. Verirrt habe ich mich dank mobilem Hotspot, gut ausgeschilderten U-Bahn- und Zugstationen und vielen hilfsbereiten Menschen dennoch nicht auf meiner Tour, die vom Norden der Insel bis ins Zentrum führte.

Von Schrein zu Schrein

Ausgerüstet mit meinem »Japan Rail Pass«, einem bis zu drei Wochen gültigen und kostengünstigen Ticket extra für Touristen, reihe ich mich in die ordentliche Warteschlange am Bahnsteig ein. Der Expresszug braucht genau eine Stunde bis Kashima, von dort aus geht ein Bus zum Yutoku-Inari-Schrein, der mir als einer der wichtigsten seiner Art empfohlen wurde. Der Weg führt durch eines der charakteristischen roten Eingangstore (Torii) und ist von Läden gesäumt, die Sake, Tee, getrockneten Fisch, Süßes und allerlei Krimskrams feilbieten. Die Shinto-Gottheit Inari ist unter anderem für Fruchtbarkeit und Reis zuständig, lerne ich. Und für Füchse (Kitsune), die als heilige Tiere, Wächter und Glücksbringer gelten. In den Berg gebaut, beeindruckt der Schrein vor allem durch seine Größe und die konsequente Farbgebung in Zinnoberrottönen. Steile Stufen führen zum Hauptgebäude, in dem gerade ein Shinto-Priester zugange ist. Für ein paar Yen-Münzen dürfen Gläubige die großen Glocken läuten, die an Seilen vor dem Schrein hängen, um damit der Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche näherzukommen.

Die in den meisten Reiseführern nur wenig beschriebene Provinzhauptstadt Saga liegt an derselben Bahnlinie und birgt Sehenswertes, wie zum Beispiel den Saga- oder den Yasaka-Schrein. Beide erscheinen so einsam, als hätten sie nur für mich geöffnet. Fast allein bin ich auch im Geschichtsmuseum in der Burg von Saga, deren Ursprung in das 16. Jahrhundert zurückreicht. Die Konstruktion des Hauptgebäudes wurde nach zwei Bränden originalgetreu nachgebaut und zeigt raffinierte Holzbaukunst. Das Gebäude ist mit 700 Reismatten (Tatami) ausgelegt, und die interaktiven Exponate verführen zu einer Zeitreise in Socken. Allein die Dimensionen der Zeremonienhalle, die 45 Meter lang ist, lässt die Atmosphäre zu Zeiten der Shogune und Lehensfürsten erspüren.

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Für Touristen besonders günstig: Quer durch Japan mit dem Hochgeschwindigkeitszug, Shinkansen (Kumamoto, 27.4.2016)

Frühmorgens fährt der Hochgeschwindigkeitszug, Shinkansen, mit seiner raketenähnlichen Front im Hakata-Bahnhof ein, um dann mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde Richtung Kumamoto zu rasen. Im Waggon, dessen bieder-gediegenes Interieur einen Kontrapunkt zum hypermodernen Äußeren des Zuges setzt, sind außer mir nur drei weitere Passagiere. 50 Minuten später empfängt mich meine Reiseführerin Ikue-san am Bahnhof von Kumamoto. Um ihren Hals baumelt ein Namensschild auf dem »Kiki« steht. Gemeinsam mit Fahrer Nishi-san, einem gepflegten Herrn in seinen 60ern, der seinen ganzen Stolz, einen nagelneuen Toyota, mit weißen Spitzenüberzügen und -vorhängen ausgestattet hat, machen wir uns auf den Weg in die Berge. Auf der zweistündigen Fahrt Richtung Osten, vorbei an Reisterrassen und Feldern, wo Süßkartoffeln und Kohl wachsen, laben wir uns an frisch geernteten Mandarinen aus Nishi-sans eigenem Hain. »Er ist gleichzeitig Nebenerwerbsbauer und Nebenerwerbsfahrer«, kichert Kiki. Ihr Englisch ist nahezu perfekt, so dass ich auf der Fahrt viele Dinge erfahre, die mir sonst entgangen wären.

Hundert Meter hohe Basaltwände säumen die sechs Kilometer lange Takachiho-Schlucht. Eine Rudertour auf dem kobaltblauen Fluss Gokase, vorbei an einem Wasserfall, wird im Reiseführer als magisches Erlebnis angepriesen. Das ist mir nicht gegönnt, denn eine chinesische Reisegruppe – die einzige weit und breit – besetzt flink alle zehn verfügbaren Boote. Kiki tröstet mich mit dem japanischen Schöpfungsmythos, in dem die Sonnengöttin Amaterasu die Hauptrolle spielt. Am nahen Takachiho-Schrein ist die Höhle zu sehen, in die sich die Sonnengöttin einst vor ihrem bösen Bruder flüchtete und damit Erde und Himmel in völliger Dunkelheit zurückließ. Erst durch eine List der anderen Götter gelang es, sie wieder herauszulocken. Seither hat sie das Land der aufgehenden Sonne nie wieder verlassen. Ein beruhigender Gedanke. Als nächstes geht es zum Kamishikimi-Kumanoimasu-Schrein, der – tief in den Wäldern versteckt – ebenso schwer zu finden wie auszusprechen ist, aber dafür besonders mystisch.

Im Schatten des Vulkans

Stirnrunzelnd deutet Nishi-san auf den Rauch über dem Aso-Kuju-Nationalpark, unserem nächsten Ziel, fast genau im Zentrum von Kyushu. Durch die vulkanischen Aktivitäten der letzten 270.000 Jahre und eine große Eruption vor etwa 90.000 Jahren entstanden hier einzigartige Vulkankegel, die jetzt die Landschaft prägen und als UNESCO-Geopark geschützt sind. Viele Touristen sehe ich nicht, obwohl der Krater des mit 1.700 Metern höchsten in Japan aktiven Vulkans Aso wegen seiner atemberaubenden Szenerie zu den Highlights der Insel zählt. Bemerkenswert ist die riesige Caldera, die er geformt hat. Mit 25 mal 18 Kilometern ist sie die drittgrößte der Welt und umfasst fünf weitere vulkanische Erhebungen, unter dem Namen Aso-Gokaku bekannt. Eine davon, der Nakadake, zeigt immer noch Aktivität. Der letzte große Ausbruch ist zwar mehr als drei Jahre her, aber da er gerade gefährliche heiße Asche speit, bleibt mir der Blick in seinen Krater und die damit einhergehende Wanderung verwehrt. Der fruchtbare Boden auf dieser Hochebene dient als Weide für die wohlgenährten Pferde und Rinder, deren Fleisch die Hauptrolle in vielen lokalen Spezialitäten spielt. Die rund 50.000 Menschen, die verteilt auf drei Gemeinden in der Caldera leben, haben sich mit dem Vulkan arrangiert. Seit vielen Generationen schützen sie seine Umgebung – im Gegenzug genießen sie das gute Wasser und die heißen Quellen der vulkanischen Region. Ach ja, und Füchse soll es hier auch geben.

Was früher als normaler Bestandteil des japanischen Alltags galt, wird heute als besonderes Vergnügen gewertet: ein Besuch in einem traditionellen »Badehotel« an einer der heißen Quellen. Im malerischen Kurokawa wähle ich den Ryokan Kurokawaso, der neben öffentlichen auch private Thermalwasserbecken bietet. Dem Dresscode entsprechend ziehe ich den Yukata-Hausrock an, der in dem Tatami-Zimmer bereitliegt, in dem ich die Nacht auf einem Futon verbringen werde. Dermaßen adjustiert fühle ich mich fast japanisch und kann die angenehm entspannende Atmosphäre noch intensiver genießen. Das öffentliche Becken ist zwischen Felsen gebettet und von einem Zen-Garten umgeben. Ich nicke den beiden anderen Frauen zu, die sich hinter Dampfschwaden im 43 Grad heißen Wasser suhlen. Nach dem Bad bestätigt sich Kyushus Ruf als Paradies für Feinschmecker. Während auf der ganzen Insel stets beste Meeresfrüchte, Feuertöpfe und viele andere Gaumenfreuden auf den Tisch kommen, muss das, was in den Ryokans serviert wird, der Höhepunkt der japanischen Kulinarik sein. Ein typisches »Kaiseki«-Abendessen besteht aus einer Speisenfolge von bis zu 20 Gerichten, jeweils in einer appetitlich kleinen Menge und als Augenschmaus auf wunderschöner Keramik dargereicht.

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Eintauchen in die Geschichte: Die mehrfach wiederaufgebaute Burg Kumamoto thront auf einem Vulkanhügel in der gleichnamigen Stadt (Februar 2020)

»Ich hoffe, die Burg meines Vaters gefällt Ihnen«, ruft mir die falsche Prinzessin am Eingang zu, wo sie gemeinsam mit einem prächtigen Samurai die Besucher empfängt. Wäre da nicht ein Kran, würde man nichts von den Schäden ahnen, die das gewaltige Erdbeben vom April 2016 angerichtet hat. Seit Herbst 2019 thront die imposante Burg Kumamoto wieder in aller Pracht auf ihrem Vulkanhügel über der Stadt. Die Rekonstruktion der Innenräume, Nebengebäude und Burgmauer wird noch einige Jahre dauern. Einzig der 400 Jahre alte Wehrturm, dessen Fundament vor 20 Jahren gegen Erdbeben gesichert worden war, steht fast unbeschädigt da. Kumamoto ist der letzte Programmpunkt meiner Reise und eine besonders sympathische Stadt mit viel Grün, die mit ihren 800.000 Einwohnern überschaubar wirkt. Zufrieden lasse ich mir nach einem Spaziergang im Suizenji-Park im Teehaus nach allen Regeln der Kunst einen Matchatee samt Mochi-Leckerei servieren und male mir aus, wie ein berühmter Samurai des 17. Jahrhunderts diesen Wandelgarten anlegen ließ, der die Landschaft Japans samt dem Vulkan Fuji widerspiegelt.

Bauchnabelgeld und Landflucht

Bei aller Faszination der japanischen Kultur ist nicht zu übersehen, dass es die Menschen in dem für gesellschaftliche Veränderungen wenig offenen Land nicht leicht haben. Dies drückt sich auch in sozialen Phänomenen aus, die in Japan oft seltsame Namen bekommen. So steht »heiso okane« für das »Bauchnabelgeld«, das Ehefrauen für schlechte Zeiten heimlich vom Haushaltsgeld abzweigen. Als »hikikomori« gelten jene Mitbürger, die sich von sämtlichen sozialen Kontakten zurückziehen und oft jahrelang das Haus nicht verlassen, um sich dem Druck von Schule, Studium oder Arbeitswelt zu entziehen. Zu denken gibt der Ausdruck »karoshi«, die Bezeichnung für »Tod-durch-Überarbeiten«. Offiziell werden jährlich zudem unter dem Begriff »karojisatsu« durchschnittlich rund 2.000 Selbstmorde von Beschäftigten erfasst, die an der immensen Arbeitslast zerbrechen.

Ob es für die Ungleichbehandlung von Frauen einen Namen gibt, hat sich mir auf meiner Reise nicht erschlossen. Jedenfalls verdienen Frauen erheblich weniger als Männer. Obwohl gut ausgebildet, finden sie in den ländlichen Gebieten meist nur schlechtbezahlte Halbtagsjobs. Auch in Kyushu fliehen immer mehr junge Frauen vom Land in ein kinderloses Singleleben in die Stadt und entgehen so auch den ihnen traditionell zugedachten Rollen als Mutter, Hausfrau, Feldarbeiterin und Altenpflegerin. Zurück bleibt eine völlig überalterte Landbevölkerung, die kaum mit den Anforderungen ihrer landwirtschaftlichen Betriebe fertig wird. In der Präfektur Fukuoka wird die Landflucht nun erfolgreich bekämpft, indem Startup-Unternehmen gefördert und attraktive Ganztagsjobs für Frauen geschaffen werden.

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