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Aus: Ausgabe vom 03.06.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kinderbuch

Das Hohelied der Mäßigung

Carola Benedettos und Luciana Cilientos gutgemeinte »Storys für Kinder, die die Welt retten wollen«
Von Thomas Schaefer
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Kämpfen lernen – etwa am Beispiel der kenianischen Umweltaktivistin Wangari Maathai (1940–2011)

Oft und gern erzählte die wunderbare Christine Nöstlinger von einer Kinder- und Jugendliteraturtagung, die vermutlich in den frühen 1970er Jahren stattgefunden hat. Auf der wurde Otfried Preußler, Schöpfer des »Kleinen Wassermanns« und des »Räubers Hotzenplotz«, als »Traditionalist« angegangen, wie sie der Taz berichtete: »Und da saß Preußler dann in einer Diskussion samt Ehefrau und drei Töchtern, alle so 180-Zentimeter-Walküren. (…) Preußler hat sich so aufgeregt, dass er ohnmächtig wurde, so dass ihn die vier Weiber hinaustragen mussten. Solche Diskussionen gibt es heute überhaupt nicht mehr.« Nein, die gibt’s nicht mehr. Und es gäbe vermutlich auch keinen derart heftigen Streit, wie ihn die Anfang des Jahres verstorbene Gudrun Pausewang auslöste, als sie 1988 für ihren Roman »Die Wolke«, der die Folgen eines GAUs in einem AKW beschreibt, mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Die Wahrheit ist auch dem jungen Menschen zumutbar, das ist nach wie vor Common sense. Fragt sich nur, wie man die Wahrheit vermittelt.

Etwa am Beispiel von Vorbildern. Das ist die Prämisse von Carola Benedettos und Luciana Cilientos Buch »Storys für Kinder, die die Welt retten wollen«. Der Titel ist allerdings irreführend. Denn »Storys« haben die beiden Italienerinnen nicht gesammelt, sondern die Lebensgeschichten von Menschen, die auf ihre Weise versuch(t)en, »die Welt« zu »retten«. Eine Formulierung, die natürlich zu hoch gegriffen ist. Ich kann mir nicht helfen, aber Kinder ab neun Jahren (die Zielgruppe des Buches), die vorhaben, die Welt zu retten, kann ich mir kaum vorstellen. Aber egal. Auch weiß ich nicht, ob das Buch seinen Adressaten gerecht wird, wenn es Fachbegriffe und Fakten erwähnt, die Wissen voraussetzen, das Kinder kaum haben dürften. Wenn der unvermeidliche Eckart von Hirschhausen im Vorwort sein »Lieblingsplakat« von Fridays for Future zitiert, »Why get education when nobody listens to the educated?« (Warum sich bilden, wenn niemand auf die Gebildeten hört?), dürften die derart Belehrten nicht lange zuhören. Eher kindgerecht sind Vereinfachungen, die Erwachsenen doch ein bisschen übel aufstoßen dürften, etwa wenn behauptet wird, »niemand möchte Produkte kaufen, die zur Ausrottung von Tieren und zur Zerstörung der Wälder beitragen«. Schön wär’s. Auch der ehemalige US-Vizepräsident Albert »Al« Gore wird als potentieller Weltretter behandelt: »In ihren zwei Amtszeiten drehen Bill Clinton und Al Gore den Spieß also um: Zum ersten Mal erlassen sie strenge Auflagen für den Einsatz von Pestiziden« und tun überhaupt jede Menge Gutes. So war das damals?

Gore ist einer der Prominenten, die das Buch als Vorbilder würdigt, ebenso VIPs wie Leonardo DiCaprio und Emma Watson. DiCaprio etwa »fängt klein an. Während all seine Schauspielkollegen riesige Autos fahren, benutzt er ein Elektroauto«. Man stelle sich vor! Und Watson erteilt doch tatsächlich bei einem Bangladesch-Besuch »ein paar Unterrichtsstunden in Mathematik in der Schule, die für die Kinder der Arbeiterinnen gebaut wurde«.

Die Mehrzahl der Vorgestellten ist weniger berühmt, dafür aber engagierter. In deren Porträts gewinnt das Buch einen Ernst, der seinem Thema gerecht wird. Denn sie zeigen, dass es lebensgefährlich sein kann, wenn man wirklich darangeht, die Welt zu retten, gibt es doch starke Kräfte, die das zu verhindern trachten. Die wirtschaftlichen Interessen, die für den maladen Zustand der Erde verantwortlich sind, illustriert gut die Geschichte der ­Guatemaltekin Rigoberta Menchú Tum, deren Kampf für den Erhalt der ökologischen Unversehrtheit ihrer Heimat vor allem der um den Besitz von Land, für gerechte Ressourcenverteilung und mithin dezidiert politisch ist.

Mantraartig wiederholen Bene­detto/Ciliento, dass es darum gehe, die Natur zu schützen, die Artenvielfalt zu bewahren, demütig mit der Schöpfung umzugehen: »Wir müssen eine Wirtschaft schaffen, die sieben Milliarden Menschen versorgt, ohne die Erde zu zerstören, und dürfen uns nicht mehr zum Konsum und zum Kaufen drängen lassen. Wir brauchen Mäßigung, Qualität und Einfachheit.« Wie die Variation einer immer gleichen Geschichte und deshalb auf Dauer etwas monoton werden die Lebensläufe der porträtierten Vorbilder erzählt: Aus Kindern, die in und mit der Natur aufgewachsen sind, werden Erwachsene, die für den Erhalt und die Wiederanpflanzung von Wäldern kämpfen, gegen die Verschmutzung von Flüssen, gegen Industrien, die Lebensgrundlagen zerstören. Gegen den Kapitalismus, so könnte man es mit einem Begriff zusammenfassen, der freilich nie genannt wird. Und immer wieder, am prominentesten natürlich am Beispiel Greta Thunbergs, wird der jungen Leserschaft eingeschärft, dass jede und jeder einzelne etwas bewirken kann. Das ist ehrenwert und gut gemeint. Ob es gut gemacht ist, müssen die Menschen ab neun Jahren beurteilen – jene, die die Welt retten wollen.

Carola Benedetto/Luciana Ciliento: Storys für Kinder, die die Welt retten wollen. Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming. Illustriert von Roberta Maddalena Bireau. Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen. Rowohlt-Taschenbuchverlag, Hamburg 2020, 263 Seiten, 20 Euro

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