Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Juli 2020, Nr. 154
Die junge Welt wird von 2327 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Verkommen« Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 29.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Bukowski 100

Eine Vision der Hölle

Ordentlich Dreck aufwühlen. Notes on a Dirty Old Man
Von Frank Schäfer
Bukowski:creativecommons.org:licenses:by:3.0:deed.it.jpg

Vor 100 Jahren wurde Charles Bukowski geboren, die Mutter aller Väter der Undergroundliteratur. Wie kaum einer verkörperte er das »Schreiben als Selbstbehauptungsprogramm« (F. Schäfer), eine brutale wie zärtliche Gegenwehr gegen die Zumutungen der Plebejerexistenz. Unser Autor geht vor dem Jubiläum am 16. August in loser Folge der anhaltenden Faszination Bu­kowskis auf den Grund. (jW)

Anfang der 40er Jahre treibt sich Charles Bukowski eine Weile in Miami herum und arbeitet als Packer in einem Damenbekleidungsgeschäft. Er verzehrt sich nach einer Freundin, ist aber immer noch zu schüchtern, eine Frau anzusprechen. Um seinen Frust zu kompensieren, säuft er, was reingeht, und tippt Storys, die voll sind von edlen Prostituierten, Kotzereien am Morgen danach und Selbstmordelogen. Er schickt sie an den Atlantic Monthly, weil er nicht weiß, wohin sonst. Er kennt sich nicht aus im Literaturbetrieb. Wie jeder junge Autor ohne einen einflussreichen Verwandten oder Mentor sammelt er Ablehnungen. Aber Bukowski ist hartnäckig, er probiert es weiter. Irgendwann hört er von Whit Burnett und seinem Literaturmagazin Story. Burnett hat William Saroyan entdeckt, heißt es, dessen Erzählung »The Daring Young Man on the Flying Trapeze« Bukowski beeindruckt. Burnett winkt ebenfalls ab, erkennt aber etwas in diesem jungen, wilden, ordentlich Dreck aufwühlenden Autor. »Whit Burnett war alles andere als ein Ignorant«, schreibt Bukowski sehr viel später. »Nachdem er meine Stories gelesen hatte, schickte er häufig eine eigenhändig getippte Notiz: Diese hier hätten wir fast genommen. Schicken Sie bitte mehr … Jede getippte Ablehnung war wie ein kleines Wunder für mich. Ich denke, ich habe nur wegen dieser getippten Ablehnungen weitergeschrieben …«

Schließlich bringt er eine Geschichte unter und kassiert dafür die sagenhafte Summe von 25 Dollar. Damals sind die allerdings gut das 14fache wert. »Ein Ablehnungsbescheid und seine Folgen« (»Aftermath of a ­Lengthy Rejection Slip«) ist eine Bad-luck-Story vom erfolglosen Schriftsteller namens Bukowski, den ein aufmunternder Absagebrief von Whit Burnett ins Träumen bringt. Es klingelt, der Erzähler wähnt den Herausgeber an der Tür. Welch Glanz in seiner Hütte! Er zeigt sich von seiner besten Seite, tischt Wein auf, sogar seine Freundin Millie bezirzt den wichtigen Mann, bis sich schließlich herausstellt, was man als Leser schon früh vermutet, dass es sich bei dem Besucher doch nur um einen Versicherungsvertreter handelt.

Der Story fehlt die Schärfe und rauhe Unbedingtheit seiner späteren Arbeiten, sie wirkt fast ein bisschen neckisch. Bukowski ist noch nicht warm. Dass Burnett ausgerechnet diesen kleinen Joke annimmt, liegt wohl daran, dass er selbst darin eine Rolle spielt und er sich mit dem vorteilhaften Porträt seiner selbst durchaus anfreunden kann.

Bukowski wird insgeheim auch so etwas vermutet haben, aber es überwiegt der Stolz auf die erste richtige Publikation. Er zieht im Frühjahr 1944 nach New York, in die Verlags- und Pressestadt, findet einen Job als Lagerarbeiter in Manhattan und fühlt sich schon als kommende literarische Größe. In einem Kiosk in Greenwich Village kauft er die März/April-Ausgabe von Story, sieht seinen Namen auf dem Frontcover, blättert und ist tief enttäuscht. Burnett hat seine Geschichte nicht im Hauptteil platziert, sondern auf die »End Pages« verbannt, also dort, wo die Rezensionen und Lebensläufe stehen. Der junge Schriftsteller fühlt sich gedemütigt.

Ohnehin wird er nicht warm mit New York. Durchaus im Wortsinn – er friert in seinen Westcoast-Klamotten. Außerdem zockt ihn sein Vermieter ab, die Hochbahn führt an seinem Fenster vorbei und noch dazu sind überall Menschen. Die Enttäuschung verbindet sich mit einem Gefühl der Fremdheit, die sich zu einem echten Horror auswächst. In seinen Roman »Faktotum« erinnert er sich. »Ich hörte ein Rattern und Dröhnen. Draußen, auf gleicher Höhe mit meinem Fenster, war eine Haltestelle der Hochbahn. Ein Zug hatte gerade gehalten. Ich sah in eine Reihe von New Yorker Gesichtern, die zu mir hereinstarrten. Der Zug stand noch eine Weile, dann fuhr er weiter. Es war wieder dunkel. Dann wurde es wieder hell im Zimmer. Wieder der Blick in diese Gesichter. Es war wie eine immer wiederkehrende Vision der Hölle. Jede neue Wagenladung Gesichter war hässlicher, wahnsinniger und grausiger als die vorherige … Ich hatte das Gefühl, dass ich an Wahnvorstellungen litt: Ich wurde heimgesucht von Teufelshorden, die nicht einmal der Teufel persönlich ertragen hätte.« Er muss hier weg und und zieht nach Philadelphia, in die »City of Brotherly Love«.

Frank Schäfers Buch »Notes on a ­Dirty Old Man. Charles Bukowski von A bis Z« (208 Seiten, 17,90 Euro) erscheint dieser Tage bei Zweitausendeins

Die junge Welt ist anders.

Marxistisch, überregional, genossenschaftlich. Und günstig: wochentags für 1,80 € und am Wochenende 2,20 € am Kiosk.

Ähnliche:

Wo gibt es noch konsequent linken Journalismus? Na, am Kiosk, für  1,80 €!