Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Aufstieg am grünen Tisch

Frauenfußballteam des SV Meppen wird erstklassig – und das als Ligavierter
Von Oliver Rast
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»Beinahe etwas romantisch«: Die Fußballerinnen des SV Meppen

Nein, erklären kann sie es noch immer nicht. Sarah Schulte ist Kapitänin der Fußballerinnen des Zweitligisten SV Meppen: »Wir hatten einige Ausfälle, viele junge Spielerinnen im Team, trotzdem unbegreiflich«, sagte die Mittelfeldakteurin im jW-Gespräch. Ein 0:8 nach 90 Minuten gegen den 1. FFC Frankfurt II stand am 1. März auf dem Spielbogen. Wohlgemerkt: Die Frankfurter Reserve war Tabellenschlusslicht der zweiten Frauenbundesliga. Was Schulte, Team und Trainerstab noch nicht wissen konnten: Der 16. von regulär 26 Spieltagen sollte der letzte Saisonauftritt gewesen sein, coronabedingt. Am Montag nachmittag entschied der »Außerordentliche Bundestag« des Deutschen Fußballbundes (DFB) die Mitte März unterbrochene Spielzeit abzubrechen, zuvor sprachen sich 13 von 14 Zweitligisten für ein vorzeitiges Saisonende aus.

Ein Abbruch mit Folgen. Für die Emsländerinnen aus Meppen jedenfalls. Das Team rückt als Vierplazierter des Klassements (acht Siege, drei Remis und fünf Niederlagen) von Liga zwei in Liga eins auf. Per Dekret, am grünen Tisch des DFB entschieden. Das lässt sich anders als die der Acht-zu-null-Pleite erklären. Die Frauen von Werder Bremen thronen unangefochten mit 40 Punkten an der Spitze, gefolgt von der jeweils zweiten Garde des VfL Wolfsburg und der TSG Hoffenheim. Beide sind als B-Elf für das Oberhaus nicht aufstiegsberechtigt. Deshalb sprach der DFB den Meppenerinnen das Aufstiegsrecht des Zweitplazierten zu.

»Ganz unerwartet kam die Entscheidung nicht«, so Markus Lohle, kaufmännischer Leiter der SVM-Frauen, gegenüber jW. Weiter sagte er: »Je länger eine Saison läuft, desto aussagekräftiger ist der Tabellenstand«. Richtig sei aber auch, dass bei einer Wertung nach der Hinrunde die Borussinnen aus Gladbach aufstiegsberechtigt gewesen wären. Und klar, ein sportlicher Aufstieg nach einem regulären Saisonende wäre allen Beteiligten lieber gewesen. Man könne aber auch anders rechnen: »An 13 von 16 Spieltagen rangierten wir auf einem Aufstiegsplatz«, so Lohle. Und das mit einem eher mäßigen Schnitt von 1,69 Punkten pro Spiel in der Rumpfsaison.

Apropos Kickerinnen im Emsland: Der Grundstein für den Erfolg der SVM-Frauen liegt in der Gemeinde Gersten mit ihren 1.200 Einwohnern; genaugenommen beim SV Victoria. Die Victorianerinnen gründeten 2004 die damalige zweite Bundesliga Nord mit, spielten dort recht solide, landeten regelmäßig im Mittelfeld, was bekanntlich als gesichert gilt. Doch irgendwann forderte der Zweitligabetrieb den Klub organisatorisch zu sehr heraus, folgerichtig trat zur Saison 2010/11 die Frauenfußballabteilung dem SV Meppen bei. In der Saison 2017/18 qualifizierte sich das Team für die nunmehr eingleisige zweite Bundesliga, in der vergangenen Saison verpasste es den Aufstieg um einen Punkt.

»Unterm Strich«, fand Lohle, »ist der Schritt in die erste Liga der Lohn unserer jahrelangen, systematischen Förderung des Fußballs von Mädchen und Frauen in Meppen.« Das sieht Coach Theodoros Dedes, der zuvor die B-Juniorinnen trainierte, ähnlich, auch wenn es »ein großer Sprung« ist, wie er jW sagte. »Aber«, hakte Spielerin Schulte ein, »seitdem die zweite Liga eingleisig ist, ist das Niveau gestiegen.« Spielerisch, taktisch. Das Gefälle zwischen Ober- und Unterhaus sei kleiner geworden. Richtig ist aber auch: »Mit den ganz großen Kalibern werden wir nicht mithalten können«. Mit den Wolfsburgerinnen und Spielerinnen des FC Bayern also.

Das Emsland ist eine Art Niemandsland, grenzt an die Niederlande. Wie lockt man talentierte, in der Erstliga erfahrene Spielerinnen in diese Einöde? Mit dem Salär kaum. Mehr als eine monatliche Aufwandsentschädigung plus Bahnkarte ist oft nicht drin. Viele Fußballerinnen studieren, drücken die Schulbank, einige wenige gehen arbeiten neben ihrer sportlichen Leidenschaft. Also, mit welchen Lockmitteln? Kurz überlegen müssen alle drei – Leiter, Trainer, Spielerin. Gründe fallen ihnen dann aber ein. »Meppen ist ein hervorragender Ausbildungsbetrieb, auch ein Sprungbrett«, betonte Schulte. »Wir sind bescheiden, bodenständig und regional verankert«, wußte Dedes. Ein Verein, bei dem viel selbstorganisiert werde, es familiär zugehe. »Beinahe etwas romantisch«, so der Coach. Kaufmann Lohle: »Spielerinnen, die woanders nicht zum Einsatz gekommen sind, haben bei uns die Chance auf Spielzeit.« Kurzum: Das »Gesamtpaket« stimme in Meppen halt.

Naiv will aber niemand sein: Allen Verantwortlichen auf und neben dem Platz ist klar, der Kader muss verstärkt werden, um erstligareif zu sein. Denn sonst klingelt es vielleicht wieder achtmal im Spiel und in Serie. »Wir werden aber gewiss nicht das Aufstiegsteam auswechseln und elf neue bringen«, so Dedes. Punktuelle Verstärkungen auf einigen Positionen brauche es schon, meinte Schulte, im Sturm, im Mittelfeld, im Kasten.

Bislang waren Bundesligaaufsteigerinnen Absteigerinnen in spe. Topkandidat dürfte mit Beginn der neuen Saison im September der SV Meppen sein. Deshalb kann das Klassenziel nur der Klassenerhalt sein. Aber: »Vielleicht ist sogar eine gute Plazierung drin.« Als Kapitänin wagte sich Schulte vor.

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