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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Hitchcock unter veränderten Vorzeichen

Auf ihrem neuen Album eröffnet Katie Von Schleicher interessante feministische Perspektiven
Von Christina Mohr
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Mit »Consummation« tauscht Katie Von Schleicher das Wohnzimmer gegen die große Bühne

Halb verwundert, halb erleichtert kommentiert die Ich-Erzählerin im Song »Caged Sleep« das Phänomen, unbeachtet, also auch unbelästigt davongekommen zu sein: »... no one looked at me / how strange / am I free?« Ausgangspunkt für Katie Von Schleichers zweites volles Album war das erneute Anschauen von Alfred Hitchcocks Film »Vertigo« mit verschobenem Fokus: Nicht der von Traumata heimgesuchte männliche Protagonist steht im Mittelpunkt, sondern die mysteriöse Frauenfigur, die beseitigt werden muss, weil sie lebendiges Mahnmal eines (mutmaßlichen) Missbrauchs ist. Damit folgt Von Schleicher der Interpretation Rebecca Solnits, der wir neben klugen Büchern z. B. über das Gehen und die »Frage aller Fragen« (nach Mutterschaft) den Begriff »Mansplaining« verdanken. Wem das bis hier zu verkopft ist: Keine Sorge. »Consummation« ist ein großartiges Album und topt lässig das auch schon sehr gute »Shitty Hits« von 2017 – »trotz« eindeutig feministischer Agenda, die Von Schleicher auch im Video zum vordergründig fröhlich vor sich hin tänzelnden »Wheel« auffächert: Lauter diverse Frauen, die ihre Freiheit feiern. Freiheit wovon und wozu? Ja, guckt’s halt an!

War »Shitty Hits« noch von Lo-Fi-Balladen geprägt, werden auf »Consummation« viele weitere Register gezogen: Vom skizzenhaften Opener »You Remind Me«, in dem Von Schleicher einem zarten Melodiefragment nachsinniert, bis zum vor Funkyness und Abgeh-Bock schier berstenden »Loud« spielt die Singer-Songwriterin aus Brooklyn mit Country, Kraut-, Indie- und Psychedelic-Rock. Tempo, Groove und Atmosphäre wechseln mit fast jedem Stück, ihr bisheriges Instrumentarium aus Klavier und Gitarre ergänzt Von Schleicher mit Saxophonen, Synthesizern, Handclaps und jagt ihre Gitarre durch den Verzerrer. Funktioniert bestens, und auch ihrer Stimme (ver-)traut sie mehr. Sie schöpft die ganze Bandbreite von höchsten Höhen bis zu tiefsten Tiefen aus, was den emotionalen Liedtexten entspricht. Kurzum: Mit »Consummation« tauscht Katie Von Schleicher das Wohnzimmer gegen die große Bühne, auf der sie hoffentlich auch bald spielen kann – bis dahin schadet es nicht, die ollen Hitchcock-Filme unter veränderten Vorzeichen zu gucken.

Katie Von Schleicher: »Consummation« (Full Time Hobby)

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