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Aus: Ausgabe vom 20.05.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
»Lästige Nervensäge«

Niederländische Stahlkocher in Wut

Konzern feuert Regionalchef von Tata Steel. Belegschaft leistet spontan Widerstand
Von Gerrit Hoekman
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Größtes zusammenhängendes Industriegebiet der Niederlande: Tata-Steel-Fabrik in IJmuiden

Der Konzern spricht von »einvernehmlichem Rücktritt«, die Gewerkschaft von knallharter Kündigung: Der angekündigte Abschied von Theo Henrar, dem langjährigen Direktor von Tata Steel Nederland in IJmuiden, zum Monatsende wirkte wie eine Initialzündung. Am Dienstag machte die Belegschaft ihrem Ärger lautstark Luft.

Wegen der Coronapandemie waren die Prostestierenden nicht zu Fuß, sondern mit rund 350 Autos auf das Werksgelände gekommen und hupten, was die Signalanlagen hergaben, wie auf einem Video des öffentlich-rechtlichen Medienzulieferes NOS auf Twitter zu hören ist. Laut dem Lokalsender NH Nieuws beteiligten sich etwa 1.300 Menschen an dem Protest.

Henrar war 33 Jahre im Betrieb und seit 2008 Direktor der niederländischen Sparte des indischen Konzerns, der seinen Sitz in Mumbai hat. Bereits am Montag hatte ein Teil der Beschäftigten spontan die Arbeit niedergelegt, nachdem morgens die Nachricht von Henrars Entlassung die Runde machte. »Henrar trat immer für die Interessen von IJmuiden ein. Er war eine Galionsfigur. Das ist dramatisch«, sagte Roel Berghuis von der Gewerkschaft FNV Metaal am Montag bei NH ­Nieuws online.

»Henrar hat eine besondere Führerschaft gezeigt, auch in schweren Zeiten«, fanden die Chefs von Tata Steel Europe in London warme Abschiedsworte. In den Ohren der Belegschaft ist das Heuchelei. »Er war ein alter Stahlkocher und besaß das Vertrauen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter«, erklärte ein Angestellter, der seinen Namen nicht nennen wollte, am Montag bei NH Nieuws. »Es fühlt sich an, als ob eine lästige Nervensäge« beseitigt werde.

Der Gesamtbetriebsrat sprach in einer Pressemitteilung vom Montag von Vertrauensbruch, besonders in diesen Zeiten. Er sagt eine »harte Auseinandersetzung mit der Führung« von Tata Steel Europe voraus. Nach Ansicht des Gremiums sollen die Niederländer die Verluste der Standorte in Großbritannien wettmachen. »Darum müssen die Kosten in IJmuiden verringert werden. Obwohl wir über Jahre hinweg immer Gewinn gemacht haben«, sagte der Vorsitzende Frits van Wieringen am Montag in der Nachrichtensendung Nieuwsuur.

Tata Steel Nederland ist mit aktuell 9.000 Mitarbeitern einer der wichtigsten »Arbeitgeber« in der Provinz Noord-Holland. Das Werk ist mit einer Fläche von 750 Hektar das größte zusammenhängende Industriegebiet in den Niederlanden. FNV Metaal vermutet, dass Henrars Abgang viele Jobs in der Region kosten wird. »Ich finde es sehr ärgerlich, dass er geht«, äußerte sich Wirtschaftsminister Eric Wiebes am Montag bei NH Nieuws.

Im November vorigen Jahres hatte der Konzern eine »Reorganisation« angekündigt – ein bekannter Euphemismus für Massenentlassungen. Mindestens 1.000 Arbeitsplätze sollen demnach in IJmuiden »wegfallen«. Ein Teil davon soll nach Indien verlagert werden. Wegen der Coronapandemie hatte der Konzern den Plan zunächst auf Eis gelegt.

»Falls das so weitergeht, dann wird die Angelegenheit mit jedem Tag weiter eskalieren«, prognostizierte van Wieringen bei Nieuwsuur. Er habe das auch der Zentrale in Mumbai mitgeteilt. »Ich hoffe, dass es nicht passiert, sonst haben wir ein großes Problem im Betrieb.«

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