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Aus: Ausgabe vom 13.05.2020, Seite 6 / Ausland
Kuba / USA

Vernebeln und täuschen

Nach Angriff auf Kubas Botschaft in USA: Washington schweigt weiter. Medien veröffentlichen durchgesickerte Informationen
Von Volker Hermsdorf
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Nach dem Anschlag: Kubas Botschafter in den USA, José Ramón Cabañas, deutet auf ein Einschussloch in der Wand im Botschaftsgebäude (Washington, 1.5.2020)

Bei einer Anhörung am morgigen Donnerstag muss das Bezirksgericht der Hauptstadt Washington D. C. darüber entscheiden, ob Alexander Alazo, der am 30. April mit einem AK-47-Sturmgewehr einen Anschlag auf die kubanische Botschaft in Washington verübt hatte, weiterhin im Gefängnis bleibt. Am 4. Mai hatte Richter Michael Harvey die Haft angeordnet, weil Alazo »eine Gefahr für die Gesellschaft« darstelle. Der Anwalt des Täters fordert hingegen, ihn bis zum Prozess gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen.

Während die US-Regierung sich auch zwei Wochen nach den Schüssen immer noch nicht zu dem Angriff geäußert hat, werden im Internet und in den Medien zunehmend Details darüber verbreitet. Dabei würden jedoch offenbar nur Informationen veröffentlicht, »von denen hochrangige US-Beamte wollen, dass sie durchsickern«, kritisierte Missionschef José Ramón Cabañas gegenüber der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina.

Nicht geistig verwirrt

Havannas Außenminister Bruno Rodríguez wirft der US-Führung mittlerweile »komplizenhaftes Schweigen« vor. Im Gegensatz zu dem Tempo, mit dem die US-Regierung Kuba ohne jeden Beweis öffentlich beschuldigt hatte, »akustische Angriffe« auf ihr diplomatisches Personal in Havanna zu verüben, zeige Washington jetzt keinerlei Interesse an einer Aufklärung der terroristischen Attacke, kritisierte auch die kubanische Journalistin Norelys Morales in ihrem Blog »Isla Mia«.

Zugleich gebe es aber ein großes Interesse, »ein bestimmtes Meinungsbild über die Vorgänge am 30. April zu streuen, wonach der Anschlag die Tat eines Verstörten gewesen sei«, kommentierte das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas Granma am Dienstag vergangener Woche. So behaupteten das in Miami publizierte Contraportal »ADN Cuba« und andere US-Medien, »neue Erkenntnisse verstärkten den Eindruck«, dass Alazo geistig verwirrt sei.

Ein völlig anderes Bild ergibt das vom US-Journalisten Tracey Eaton in seinem Blog »Cuba Money Project« veröffentlichte Protokoll des Washingtoner Bezirksgerichts vom 4. Mai. Vernommen von Beamten des Secret Service und einem Sonderermittler des US-Außenministeriums gestand Alazo darin, die Tat langfristig geplant und sorgfältig vorbereitet zu haben. Er gab unter anderem zu, zwei Wochen vor dem Anschlag die rund 350 Kilometer lange Strecke von Pennsylvania nach Washington D. C. mit dem Auto abgefahren und das Botschaftsgebäude ausgespäht zu haben.

Laut Staatsanwaltschaft erklärte der 42jährige, in Kuba geborene Täter, dem die USA »politisches Asyl« gewährten, außerdem, er hätte auch auf den Botschafter geschossen, »weil er der Feind ist«. An seinen politischen Motiven ließ der bekennende Trump-Anhänger keinen Zweifel. Er »hasse die Kubaner«, betonte Alazo. Eine kubanische Fahne, die er vor den Schüssen verbrennen wollte, hatte er mit der Aufschrift »Trump 2020« bekritzelt.

All das spreche nicht für die Tat eines geistig verwirrten, sondern eines klar denkenden Menschen, der in der Lage sei zu planen, zu organisieren sowie konsequent und mit Umsicht zu handeln, analysierte der ehemalige kubanische CIA-Doppelagent Raúl Capote die Vorgänge in Granma. Dem verbalen Terrorismus der US-Regierung gegen sein Land sei nun der bewaffnete Terrorismus gefolgt, bewertete Kubas Botschafter die bisher bekannten Tatsachen.

In »Nebelwand aufgezogen«

Auch zwei Wochen nach der Tat sind wichtige Details noch nicht aufgeklärt. So gibt es etwa – außer den Verbindungen des Täters zu evangelikalen Kreisen – kaum Informationen über seine sozialen Kontakte. Auch eine Aussage der Ehefrau gegenüber dem Secret Service, wonach Alazo sich 2018 einen Monat in der BRD aufgehalten hatte, führte offenbar zu keinen weiteren Recherchen. »Die Art und Weise, wie der US-Geheimdienst und andere US-Behörden das Strafverfahren handhaben«, sei verdächtig, kommentierte der guatemaltekische Journalist und frühere Aufklärer des kubanischen Geheimdienstes, Percy Francisco Alvarado Godoy, in seinem Blog »Descubriendo Verdades«. Es werde »eine Nebelwand aufgezogen«. Das ständige Durchsickern von Informationen ohne eine offizielle Erklärung deute darauf hin, dass die Öffentlichkeit manipuliert werden soll, so Godoy.

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