Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 09.05.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der gefährlichste Fehler

Wenn Revolutionäre den eigenen Wunsch mit der Wirklichkeit verwechseln: Vor 100 Jahren schrieb Lenin über »linken Radikalismus« (Teil IV)
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Parlamentsdebatte im deutschen Reichstag um 1905

Soll man sich an den bürgerlichen Parlamenten beteiligen?

Die deutschen »linken« Kommunisten beantworten diese Frage mit größter Geringschätzung – und mit größter Leichtfertigkeit – verneinend. Ihre Argumente? In dem oben angeführten Zitat (siehe Teil II dieser Serie, jW) haben wir gelesen: »... jede Rückkehr zu den historisch und politisch erledigten Kampfformen des Parlamentarismus ... ist mit aller Entschiedenheit abzulehnen ...«

Das ist bis zur Lächerlichkeit anmaßend gesagt und offenkundig falsch. »Rückkehr« zum Parlamentarismus! Gibt es in Deutschland gar schon eine Sowjetrepublik? Doch wohl nicht! Wie kann man also von einer »Rückkehr« reden? Ist das nicht eine leere Phrase?

Der Parlamentarismus ist »historisch erledigt«. Im Sinne der Propaganda ist das richtig. Aber jedermann weiß, dass es von da bis zur praktischen Überwindung noch sehr weit ist. Den Kapitalismus konnte man bereits vor vielen Jahrzehnten, und zwar mit vollem Recht, als »historisch erledigt« bezeichnen, das enthebt uns aber keineswegs der Notwendigkeit eines sehr langen und sehr hartnäckigen Kampfes auf dem Boden des Kapitalismus. (…) Zehn bis 20 Jahre früher oder später, das ist, mit dem welthistorischen Maßstab gemessen, gleichgültig, das ist – vom Standpunkt der Weltgeschichte aus gesehen – eine Kleinigkeit, die man nicht einmal annähernd berechnen kann. Aber gerade deshalb ist es eine haarsträubende theoretische Unrichtigkeit, sich in einer Frage der praktischen Politik auf den welthistorischen Maßstab zu berufen.

Der Parlamentarismus ist »politisch erledigt«? Das ist eine ganz andere Sache. (…)

Erstens. Die deutschen »Linken« haben entgegen der Meinung so hervorragender politischer Führer wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bekanntlich schon im Januar 1919 den Parlamentarismus für »politisch erledigt« gehalten. Wie bekannt, haben sich die »Linken« geirrt. (…) Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zuzugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse und dann auch der Masse. Wenn die »Linken« in Deutschland (und in Holland) diese ihre Pflicht nicht erfüllen, wenn sie nicht mit größter Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Vorsicht an das Studium ihres offenkundigen Fehlers gehen, so beweisen sie gerade dadurch, dass sie nicht eine Partei der Klasse, sondern ein Konventikel, nicht eine Partei der Massen, sondern eine Gruppe von Intellektuellen und einigen wenigen Arbeitern sind, die die schlechtesten Eigenschaften der Intellektuellen kopieren.

Zweitens. In derselben Broschüre der Frankfurter Gruppe der »Linken«, aus der wir oben ausführliche Zitate angeführt haben, lesen wir: »Die Millionen der im Banne der Zentrumspolitik« (der Politik der katholischen Zentrumspartei) »noch marschierenden Arbeiter sind gegenrevolutionär. Die Landproletarier stellen Legionen gegenrevolutionärer Truppen (...)

Man merkt an allem, dass das allzu schwungvoll gesagt und übertrieben ist. Aber die hier dargelegte grundlegende Tatsache ist unbestreitbar, und dass die »Linken« sie anerkennen, zeugt besonders anschaulich von ihrem Fehler. Wie kann man denn davon reden, dass der »Parlamentarismus politisch erledigt« sei, wenn »Millionen« und »Legionen« Proletarier nicht nur für den Parlamentarismus schlechthin eintreten, sondern sogar direkt »gegenrevolutionär« sind!? Es ist klar, dass der Parlamentarismus in Deutschland politisch noch nicht erledigt ist. Es ist klar, dass die »Linken« in Deutschland ihren eigenen Wunsch, ihre eigene ideologisch-politische Stellung für die objektive Wirklichkeit halten. Das ist der gefährlichste Fehler, den Revolutionäre machen können. (…) Gerade hier sehen wir wiederum, dass die »Linken« nicht zu urteilen verstehen, dass sie nicht als Partei der Klasse, als Partei der Massen zu handeln verstehen. Ihr seid verpflichtet, nicht auf das Niveau der Massen, nicht auf das Niveau der rückständigen Schichten der Klasse hinabzusinken. Das ist unbestreitbar. Ihr seid verpflichtet, ihnen die bittere Wahrheit zu sagen. Ihr seid verpflichtet, ihre bürgerlich-demokratischen und parlamentarischen Vorurteile beim richtigen Namen zu nennen. Aber zugleich seid ihr verpflichtet, den tatsächlichen Bewusstseins- und Reifegrad eben der ganzen Klasse (und nicht nur ihrer kommunistischen Avantgarde), eben der ganzen werktätigen Masse (und nicht nur ihrer fortgeschrittensten Vertreter) nüchtern zu prüfen.

Wladimir Iljitsch Lenin: »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus«, Moskau 1920. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Band 31. Dietz-Verlag, Berlin 1970, Seiten 41–444

Die Teile I bis III dieser Auszüge erschienen in den jW-Wochenendbeilagen am 18. und 25. April sowie am 2. Mai

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