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Aus: Ausgabe vom 27.04.2020, Seite 8 / Inland
Kochen, Homeschooling und Job

»Viele sind mit ihren Kräften am Ende«

Sozialverbände verlangen Soforthilfen für arme Familien in der Coronakrise. Ein Gespräch mit Maria Loheide
Interview: Gitta Düperthal
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Eltern und Kinder kommen bei der Corona-Pandemie nach fünf Wochen ohne Schule und Kita an ihre Belastungsgrenzen (16. April, Hannover)

Die Diakonie Deutschland und andere Sozialverbände fordern eine Soforthilfe für arme Familien in der Coronakrise. Wer ist in der Pandemie existentiell gefährdet, und was ist zu tun?

Bund und Länder müssen jetzt differenziertere Maßnahmen ergreifen als bisher. Die schrittweise Öffnung der Kitas galt bisher nur für eng gefasste systemrelevante Berufe, im Gesundheits- und Pflegebereich, im Supermarkt, bei Feuerwehrleuten etc. Es ist nicht sinnvoll, nur auf die Berufsgruppen zu schauen, die den Laden am Laufen halten. Jetzt muss unbedingt darauf geachtet werden, wie Familien überhaupt die Krise überstehen können. Für viele fällt ein tägliches kostenfreies Mittagessen weg, das ihre Kinder in Kindergärten oder Schulen einnehmen konnten. Familien geraten unter Druck. Eltern müssen in Kurzarbeit, werden entlassen oder stehen als Selbständige vor dem wirtschaftlichen Ruin und haben keine Kinderbetreuung. Es ist damit zu rechnen, dass durch eine Wirtschaftskrise die Zahl der Hartz-IV-Haushalte steigt und damit absehbar auch die Zahl armer Kinder. Deshalb fordern wir für diese Familien 100 Euro mehr für Erwachsene und 80 Euro mehr pro Kind.

Wie kommt es, dass diejenigen, die am dringendsten Unterstützung brauchen, bisher bei Soforthilfen vergessen wurden?

Es ging zunächst darum, Infrastruktur und Gesundheitssystem am Laufen zu halten und auf eine große Zahl von Infizierten vorzubereiten. Nicht im Blick waren Menschen, die schon extrem belastet sind und an der Armutsgrenze leben, etwa im Niedriglohnbereich. Sie müssen beim Jobcenter aufstocken oder sind erwerbslos. Da Tafeln teilweise geschlossen und günstige Lebensmittel und Hygieneartikel oft vergriffen sind, haben sie große Probleme. Neben der Herausforderung, mit wenig Geld die Kinder gesund zu ernähren, ist die Schulzeit zu Hause ein Problem. Vielen fehlt die technische Ausstattung.

Welche Hilfen gibt es bislang?

Vorgesehen ist erst jetzt, dass bedürftige Schüler in Deutschland einen Zuschuss von 150 Euro für den Kauf eines Laptops oder anderen Gerätes für den Unterricht zu Hause erhalten sollen. Das reicht nicht. Ein Beispiel einer Familie mit drei Kindern: Sie besitzt gemeinsam einen Laptop. Der Vater arbeitet im Homeoffice, benötigt den Computer ebenso wie die Kinder. Einige Familien haben kein WLAN. Was jetzt besonders problematisch ist, weil Schulen und Kitas sich an die Kinder wenden, um mit ihnen zu kommunizieren oder das Lernen zu ermöglichen. Einige Familien besitzen keinen Drucker, sie können Lern- und Beschäftigungsmaterial nicht ausdrucken. In einer Familie, in der beide Eltern im Homeoffice berufstätig sein mussten, kam vom Lehrer per E-Mail die Anregung, dass die Kinder, wenn sie mit den Lateinhausaufgaben nicht weiter wüssten, die Eltern fragen sollten. Einkaufen, Kochen, Homeschooling und der eigene Job – viele sind mit ihren Kräften am Ende.

Was müssten Bundes- und Landesregierungen jetzt veranlassen?

Schulen und Kitas müssen langsam wieder den Betrieb aufnehmen – selbstverständlich unter strengen Schutzvorkehrungen. Wenn zu Hause für die Schule gearbeitet wird, muss Geld aus dem Rettungsschirm zur Verfügung gestellt werden, um die technische Ausstattung für bedürftige Familien zu finanzieren. Die Situation der Familien muss darüber entscheiden, welche Kinder als nächstes Zugang zur Notbetreuung und spezieller Förderung erhalten. Familien müssen jetzt mit schnellen, unbürokratischen Hilfsmaßnahmen entlastet werden. Alleinerziehenden, kinderreichen Familien, solchen in engen Wohnverhältnissen und Kindern mit hohem Förderbedarf muss ein Krisenzuschlag gewährt werden. Es gilt, ihnen Zugang zur Betreuung zu erleichtern.

In welcher Form ist eine spezielle Förderung notwendig?

Familien, die bislang schon von Jugendämtern betreut wurden, müssen mit Blick auf das Kindeswohl besonders berücksichtigt werden. Angesichts extrem hoher physischer und psychischer Belastung von Familien, muss auch über zusätzliches pädagogisches Personal gesprochen werden.

Maria Loheide ist sozialpolitischer Vorstand der Diakonie Deutschland

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

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