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08.04.2020, 20:11:28 / Inland
Dokumentiert

Öffentlicher Appell: Gleichbehandlung für alle!

Pandemie: Ärztinnen und Ärzte fordern medizinisch notwendige Vorsorge in Unterkünften für Geflüchtete
In einer Flüchtlingsunterkunft in Mettmann (Foto) gibt es einen
In einer Flüchtlingsunterkunft in Mettmann (Foto) gibt es einen bestätigten Coronafall. Die mehr als 80 Bewohner befinden sich in Quarantäne

Die junge Welt dokumentiert im Folgenden einen öffentlichen Appell von bisher 43 Ärztinnen und Ärzten (Stand 7. April 21 Uhr):

Die Infektionen mit Sars-CoV-2 nehmen rasant zu. Die Übertragung des Virus erfolgt direkt von Mensch zu Mensch über Tröpfchen und indirekt über kontaminierte Oberflächen. Die Bayerische Staatsregierung hat einen Maßnahmenkatalog für die Bevölkerung erlassen, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Wesentliche Punkte sind darin das Verbot von Menschenansammlungen und eine Ausgangsbeschränkung: Die Wohnung darf nur noch verlassen werden, um einzukaufen, zum Arzt, zur Apotheke oder an die frische Luft zu gehen (allein, mit Familienangehörigen oder maximal einer Person der häuslichen Gemeinschaft). Auf Grund der in den Ankerzentren und Unterkünften für Geflüchtete vorherrschenden Enge, der Mehrfachbelegung von Zimmern (auch mit Nicht-Familienangehörigen) sowie der gemeinschaftlichen Nutzung von Toiletten, Duschen und Küchen steigt die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung bzw. die Infektionsgefahr. Geflüchtete werden so zu einer Risikogruppe – wie Menschen höheren Alters und/oder mit chronischen Erkrankungen (insbesondere in Institutionen).

In der aktuellen Situation (6. April 2020) fordern wir darum folgendes Vorgehen:

1. Testung aller Bewohner einer Einrichtung auf Sars-CoV-2 (PCR) gemäß WHO-Empfehlung –
abweichend von den aktuell gültigen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, da unter den derzeitigen Unterbringungsverhältnissen damit zu rechnen ist, dass Bewohner bereits Virusträger ohne Krankheitssymptomatik sind und somit andere Bewohner anstecken können.

2. Unter der Bedingung, dass Bewohner nur bei verdächtiger Symptomatik getestet werden: Ist Sars-CoV-2 nachgewiesen, sind diejenigen mit schwerer Symptomatik in ein Krankenhaus einzuweisen. Um eine Infektion weiterer Bewohner zu verhindern, werden auch diejenigen, die nur milde Symptome haben, in eine Unterkunft verlegt, in der nur positiv Getestete versorgt werden.

3. Negativ Getestete in den offenen Unterkünften müssen für zwei Wochen in Quarantäne bleiben. Sofern sie keine Symptomatik entwickeln, sind sie nach diesen zwei Wochen erneut zu testen. Sollte der Test wieder negativ ausfallen, kann die Quarantäne aufgehoben werden. Sollten in diesem Zeitraum aber Symptome auftreten bzw. der abschließende Test auch ohne Symptomatik positiv auf Sars-CoV-2 ausfallen, so ist wie unter Punkt 2 zu verfahren. In den Ankerzentren und -Dependancen ist sowohl für negativ Getestete als auch für in Quarantäne Befindliche die psychosoziale Betreuung durch Fachpersonal von außen zu gewährleisten.

Diese Forderungen konzentrieren sich ganz darauf, wie in der aktuellen Lage die Ausbreitung von Sars-CoV-2 medizinisch angemessen eingedämmt werden könnte. Wir sind uns bewusst, dass in Unterkünften für Geflüchtete für jegliches Vorgehen ein besonderes Spannungsverhältnis besteht zwischen Maßnahmen zum Schutz vor einer exponentiellen Ausbreitung von Sars-CoV-2 einerseits und der Wahrung individueller Würde und Persönlichkeitsrechte andererseits – vergleichbar den Herausforderungen bei der Versorgung von Alten, Pflegebedürftigen u.a. in Institutionen.

Dezentrale Unterbringung von Geflüchteten in kleinen Wohneinheiten statt in Massenunterkünften (inklusive Ankerzentren)!

Kontakt/Rückfragen an Dr. med. Gerhard Schwarzkopf-Steinhauser: g.schwarz-stein@t-online.de

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