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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Die Wolke

Vom Alltag in der ­roten Zone in Rom. Von Peter Wawerzinek
Von Peter Wawerzinek
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Zu meinen neuen Beschäftigungen in der Festungszeit zählt das Lesen von Comics, die etwas mit tödlichen Krankheiten zu tun haben. Bei »Die Simpsons« springt so ein Virus von süßen Katzen auf die gesamte Menschheit und alle Medien über. Ich stieß auf einen Band namens »Asterix in Italien«. In ihm brüllen die Zuschauer einen Wagenlenker namens Coronavirus nieder, der als hundsgemein und übel gilt. Allerdings nur in den englischen und französischen Ausgaben, für die Deutschen wurde Coronavirus durch Caligarius ersetzt und der Namenswechsel damit begründet, dass der deutsche Comickonsument Viren im allgemeinen für etwas sehr Ekliges hält. Vielleicht rührt daher die Affinität zum Klopapier?

Zu »Tim und Struppi« muss ich etwas ausholen. Ich bin wegen den beiden und ihrem Schöpfer einmal für ein Wochenende nach Brüssel geflogen, um mich in dem ihnen gewidmeten Museum umzutun. Als ich nach Stunden voller innerer Erregungen wieder herauskam, lag da ein Mann am Ende der Straße auf der steilen Treppe wie krank, besoffen oder tot. Ich umschlich den Kerl, sah ihn atmen, roch an ihm, sprach ihn an, bis er die Hand ein wenig anhob und lässig abwinkte, mit dieser Geste: Nix von dem, was du vielleicht denkst. Mir geht es bestens hier am Boden liegend. Zisch ab!

Eine grusligere Wolke als dessen Suff-Fahne fiel mir plötzlich ein, und ich durchkämmte das gesamte Internet, um mit Nummer 29 endlich einen Film wiederzufinden, der mir früher schon sehr gut gefallen hat: »Die sieben Kristallkugeln«. Es geht um eine archäologische Expedition, ein Inkagrab, eine Mumie, und eben die seltsame Krankheit, die die Teilnehmer nach und nach befällt.

Zu Hause habe ich drei kleine Automodelle mit Tim-und-Struppi-Figuren als Insassen. Ich nenne eine Blechkiste mit Tim-und-Struppi-Motiven mein eigen, nutze sie hauptsächlich für Mandelgebäck. Aus Brüssel habe ich mir den großen ultimativen indigoblauen Pappkarton mitgebracht. Er beherbergt eine tolle Puppenbühne. Die gehäkelten Fingerfiguren habe ich in der Welt zusammengekauft, um einmal das Tim-und-Strickpuppis-Stück zu erfinden, das mir schon lange vorschwebt. Jetzt hätte ich in meiner römischen Gefangenschaft die Gelegenheit dazu, und habe weder Karton noch Bühne noch meine schicken Fingerpuppen dabei.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

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