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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Cocktailparty

Von Pierre Deason-Tomory

Mittwoch, 25. März

Die Kassen im Rewe-Markt wurden heute morgen endlich mit einem Plexiglasspuckschutz ausgerüstet. Der Sicherheitsmann am Supermarkteingang hat eine neue Anweisung auswendig gelernt: Immer nur einer. Nicht zu zweit neigehn! Ich darf rein, das Paar hinter mir wird aufgehalten: Immer nur einer. Nicht zu zweit neigehn! Die Frau übersetzt das ihrem Begleiter in Gebärdensprache, der antwortet irritiert mit den Händen, der Scherge schaut wichtig und streicht sich über die Securityweste. Die Frau bittet um eine Ausnahme, er antwortet ihr: Immer nur einer. Nicht zu zweit neigehn! Der muss früher bei Monty Python gearbeitet haben: Zur Hinrichtung? Jeder nur ein Kreuz!

Die Situation der Obdachlosen wird immer aussichtsloser. Die Wärmestube hinter dem Hauptbahnhof kann nicht mehr genug warmes Essen ausreichen. Es wird um Spenden gebeten. Ein Laden, der von ultrareichen Hilfsorganisationen betrieben wird, bittet um Spenden. Weil das Geld, das sie vom Staat bekommen, um das Elend zu bewirtschaften, in der Krise natürlich nicht ausreicht. Warum nicht die Reserven angreifen, die man sich in guten Zeiten angefuttert hat? Die Antwort auf diese Frage sollte einen Molotowcocktail füllen, aber der macht jetzt niemanden satt.

Am Vormittag lief bei Mutter im Wohnzimmer die Bundestagsdebatte über das 750-Milliarden-Krisenpaket der Bundesregierung. Als ich mit ihr den Einkaufszettel schreibe, redet gerade ein Anzug mit Krawatte im Fernsehen über, ja, was eigentlich? So sehr ich mich bemühe, ich verstehe nicht, was er mir sagen will. Den kenn’ ick nich’, sagt Mutter. Ick ooch nich’, muss ich antworten. Aber wenn man ihm zuhört und dann nicht weiß, welcher Partei er angehört, Mama, dann wird’s einer von uns sein. Beim Mittagessen kommt von ihr die Bestätigung: Es war tatsächlich ein Sozialdemokrat.

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