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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Eine Fläche voller grüner Bläschen

Klassiker für durchseuchte Zeiten: Der Science-Fiction-Film »The Andromeda Strain« von 1971
Von Peer Schmitt
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»Erste biologische Krise des Raumfahrtzeitalters« (Paula Kelly und Arthur Hill)

Als Schneideraumsklave der Filmproduktionsfirma RKO hatte Robert Wise mit Mitte 20 enormes Glück. Er wurde abkommandiert, den Schnitt des Debüts eines Enfant terrible zu überwachen: »Citizen Kane« (Orson Welles, 1941). Der Job brachte Wise eine Oscar-Nominierung ein, und auch wenn »Citizen Kane« dann lediglich den Oscar für das beste Drehbuch gewann, war Wises Platz in der Filmgeschichte bereits gesichert. Er hatte zufällig entscheidend an etwas mitgearbeitet, aus dem der Film der Filme werden sollte.

Wenig später wurde aus Wise selbst ein Regisseur, der über Dekaden hinweg genredefinierende Filme ablieferte: den Boxerfilm »Somebody up There Likes Me« nach der gleichnamigen Autobiographie von Rocky Graziano (1956, »Die Hölle ist in mir«, auch »Eine Handvoll Dreck«), die Filmadaption von Leonard Bernsteins »West Side Story« (1961) oder den dunkel sexualisierten Horrorfilm »The Haunting« (1963, »Bis das Blut gefriert«).

Sein explizit pazifistischer Science-Fiction-Film »Der Tag, an dem die Erde stillstand« von 1951 wies bereits einen ziemlich eigenwilligen Stil auf: »›The Day the Earth Stood Still‹ zeigte deutlich Robert Wises Vorliebe für ein Filmemachen mit dokumentarischem Einschlag, das sich an der vordersten Front gesellschaftlicher Probleme bewegte« (Richard C. Keenan, »The Films of Robert Wise«, Scarecrow Press, 2007).

Auch die 1970er eröffnete Robert Wise wieder mit einem Science-Fiction-Film, legte aber, anders als noch in den 50ern, den Schwerpunkt weniger auf die humanistische Botschaft, sondern auf das Bild der Technik, auf die Akten der »Science«: »Man könnte genausogut die künstlerische Vision eines Computerprogramms bestaunen« (John Kenneth Muir, »Science Fiction and Fantasy Films of the 1970s«, 2013).

Ein Großteil des Films zeigt ­Mikro- und Xenobiologen sowie medizinisches Personal bei der Arbeit im Labor. Die Wissenschaftler sind nicht immer Herren der Lage, können sich aber auf ihre Maschinen meist verlassen. Techno­optimismus: Die wahren Helden dieses Films sind Großrechner, Roboter und Elektronenmikroskope (Astronauten und Politiker spielen auch noch eine Rolle, meist keine rühmliche). Kurzum, dieser Film war 1971 schon sehr weit vorne.

Die Rede ist von »The Andromeda Strain«, deutscher Titel: »Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All«, obwohl in dem Film der einzige relevante Staub im Wortsinne der Wüstenstaub in New Mexico ist, eine Verfilmung eines im Pseudosachbuchstil gehaltenen Bestsellers von Michael Crichton aus dem Jahre 1969. Der Stoff wurde 2008 in einer recht miserablen TV-Miniserie wieder aufgegriffen.

»The Andromeda Strain« ist in diesen von den Themen Seuche und Virus beherrschten Zeiten wieder von höchster Aktualität. Immerhin behandelt er »die erste biologische Krise des Raumfahrtzeitalters« (»the first biological crisis of the space age«, Muir, a. a. O.). Er beginnt mit einer pseudodokumentarischen Schrifttafel: »This film concerns the four-day history of a major American scientific crisis«. Gedankt wird der Air Force und dem Labor, genauer dem »Wildfire Laboratory in Flatrock, Nevada«.

Es folgt der Vorspann, der die graphische Oberfläche eines Computerbildschirms nachahmt, auf dem vorgeblich authentische Geheimdokumente, zu monochromen geometrischen Formen angeordnet, ein unheimliches Ballett der klandestinen Forschung tanzen.

Dann fällt eine Weltraumkapsel auf ein Kaff in New Mexico (Einwohnerzahl 68). Die Bewohner sind mysteriöserweise über Nacht sämtlich verstorben. Ihr Blut ist zu rotem Sand kristallisiert. Es gibt zwei seltsame Überlebende. Ein apokalyptischer alter Säufer mit offenem Magengeschwür, der vorzugsweise Feuerzeugbenzin kübelt, und ein schreiendes Neugeborenes. Deren scheinbare Immunität wird später des Rätsels Lösung sein (»wir müssen die Sache wie jedes andere wissenschaftliche Problem angehen«).

Zu den besten Sequenzen des Films gehört die, in der Militärpersonal im Weltraumanzug das anscheinend kontaminierte Wüstenkaff untersucht, als wäre es ein fremder Planet, nebenbei die Lämmergeier von den Leichen vertreibt und die Verstorbenen im Schlafzimmer vorfindet wie die Archäologen die Versteinerten in Pompeji. Vorsichtshalber wird Seuchenalarm gegeben.

Der zuständige Oberwissenschaftler wird abberufen. Noch hält er die Teetasse in der Hand, mit der er später Roboterarme steuern wird. Seine Familie fragt nach: »Wieder mal ein Laborunfall?« – »Nein, diesmal ist es etwas anderes.«

Es gilt, einen Mikroorganismus aus dem Weltall zu isolieren, zu analysieren und am Ende irgendwie unschädlich zu machen. Die seitdem im Genre (und in so gut wie jedem epidemiologischen Diskurs) tief verwurzelte Verschwörungsparanoia bleibt nicht aus. Der Organismus ist vielleicht doch das Ergebnis einer Recherche nach der perfekten biologischen Waffe. Politik und Militär wollen schon eine Atombombe über New Mexiko abwerfen, können aber von wissenschaftlicher Vernunft daran gerade noch mal gehindert werden.

Von bleibender Schönheit ist das Bild von der Entdeckung und Isolation des Organismus: ein smaragdgrüner Fleck auf einem bleistiftspitzengroßen Steinchen aus dem All. Vergrößert wird aus dem Fleck eine Fläche voller grüner Bläschen, die sich gelegentlich pulsierend in rotbraune Sechsecke verwandeln. Später hat der Organismus die Form eines Kristalls. Grün wie die Schrift auf den Computerbildschirmen der frühen 70er.

Eine kettenrauchende Wissenschaftlerin, die unter dem Rauchverbot in der Quarantäne besonders zu leiden hat, entdeckt als erste das furchterregend Unaufhaltsame: »Good God, it’s growing!« Es wächst und wächst. Wie Vernunft und Bedrohung.

»The Andromeda Strain« (»Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All«), Regie: Robert Wise, USA 1971, 125 Min., kann auf Streamingplattformen geliehen werden

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