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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Ein langsames Sterben

Fußballregionalliga in Zeiten von Covid-19: Viele Klubs kämpfen ums Überleben
Von Rouven Ahl
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»Unser Kackverband muss endlich mal was machen«: Hajo Sommers, Präsident von Rot-Weiß Oberhausen

Die Klubs der Regionalliga gehen schweren Zeiten entgegen. Viele von ihnen mussten bereits zuvor Jahr für Jahr um die Aufrechterhaltung ihrer Etats kämpfen. Durch die finanziellen Auswirkungen der »Coronakrise« könnte so manchem Verein endgültig die Existenzgrundlage entzogen werden.

An vielen Orten herrscht daher derzeit große Unsicherheit – aber auch Wut. »Unser Kackverband muss endlich mal was machen, sonst wird es ein langsames Sterben«, schimpfte Hajo Sommers, Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, gegenüber dem Kicker (Montag). Nicht nur Sommers fordert eine klare Ansage der Verbände darüber, wie es nun weitergehen soll. »Wir erwarten einen konkreten Plan und Lösungen, wie die Vereine wirtschaftlich durch diese Krise kommen sollen«, fordert Thomas Sobotzik, Geschäftsführer der Kickers Offenbach, gegenüber jW. »Wir sind derzeit im Schwebezustand und spielen tagtäglich unterschiedliche Szenarien durch, da sich die Situation täglich und teilweise stündlich verändert.«

DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge hat jedoch bereits deutlich gemacht, dass aus Frankfurt wenig Hilfe zu erwarten sei: »Eine unmittelbare finanzielle Unterstützung einzelner Amateurvereine ist dem Deutschen Fußballbund definitiv nicht möglich.« Zumindest in Form von Steuer- und Versicherungsentlastungen könne aber Unterstützung kommen. Ob diese Maßnahmen ausreichen würden, ist allerdings fraglich. Daher sind die Vereine momentan auf sich selbst gestellt. Thorsten Sterna, Leiter der Abteilung Medien und Kommunikation bei Rot-Weiß Oberhausen, bezweifelt auf Anfrage von jW, »ob man von den Verbänden zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt etwas erwarten kann.« Jeder sei eben auf dem gleichen Informationsstand, was das Virus angeht.

Vereine wie Oberhausen oder Rot-Weiß Essen haben indes schon Kurzarbeit beantragt. Laut Sterna hätten bei RWO die Spieler »den Ernst der Lage erkannt« und seien sich im klaren darüber, dass auf diese Weise Jobs von anderen Angestellten erhalten werden könnten. Der FC Memmingen aus der Regionalliga Bayern hat derweil zu noch drastischeren Maßnahmen gegriffen. Der Verein veröffentlichte letzte Woche auf der eigenen Homepage ein zunächst für die interne Information gedachtes Schreiben des ersten Vorsitzenden Armin Buchmann. Dort heißt es: »Wir sind uns alle einig darüber, dass nur bei einer maximalen Reduzierung der Ausgaben die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit des FC Memmingen gewährleistet werden kann.« Aus diesem Grund würden »alle veränderbaren Zahlungsverpflichtungen« eingestellt. Diese beinhalten unter anderem die Lohnleistung sowie die Zahlungen der Betreuer- und Ehrenamtspauschalen aus dem Trainings – und Spielbetrieb.

Oberhausen und Kickers Offenbach versuchen derweil, durch den Verkauf von sogenannten »Geisterspieltickets« Gelder zu erwirtschaften. Dabei handelt es sich mehr oder weniger um Spenden von Fans an den Verein, da bei Geisterspielen eben keine Zuschauer zugelassen sind. Auch der Traditionsklub aus Essen bietet die virtuellen Tickets an.

Im Gegensatz zu Oberhausen-Präsident Sommers hat der RWE-Vorsitzende Marcus Uhlig Hoffnung, noch in dieser Saison Karten für tatsächlich stattfindende Spiele anbieten zu können. Der Saisonabbruch, von dem Sommers ausgeht, wäre für Uhlig der »absolute Worst Case«, wie er der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung sagte. Der Verein Rot-Weiß Essen baue vor allem darauf, dass »möglichst viele Heimspiele vor möglichst vielen Zuschauer stattfinden.« Denn dann könne der Verein Einnahmen über Eintrittskarten, Merchandise oder über das Catering generieren. »Wenn dieses Geschäftsmodell seine Existenzgrundlage verliert, werden auch wir ernsthafte Probleme kriegen«, so Uhlig.

Für die Bundesligaklubs haben die Einnahmen aus dem Ticketverkauf aufgrund der hohen Fernsehgelder längst an Bedeutung verloren; für die Vereine in den Regionalligen sind sie zumeist die Haupteinnahmequelle. Wie Thorsten Sterna erklärt, gehe es bei den Bundesligisten vorrangig darum, Sponsoring- und Medienverträge zu erfüllen. Das sei in den beiden höchsten deutschen Spielklassen auch bei Spielen ohne Zuschauer möglich. Die dritte Liga sei ebenfalls zentral vermarktet und könne so »besser über die Runden kommen als wir Regionalligisten.«

In der vierten Liga gebe es keine Zentralvermarktung oder TV-Einnahmen. »Jeder Verein stützt seine Finanzplanung von Spieljahr zu Spieljahr auf die Zusagen mittelständischer Unternehmen. Wir wissen nicht mal in Zeiten außerhalb von Corona, ob die Firmen entsprechend ausgelastet sind, dass sie ihre Zusagen einhalten können«, beschreibt Sterna eine Situation, die durch Covid-19 noch schwieriger geworden ist.

Banden, Anzeigen und Videoclips der Sponsoren müssten im Stadion von Publikum gesehen werden, das Eintritt zahlt. Mit diesem Geld planen die Vereine in der Regionalliga ebenfalls. Sterna: »Es klingt vielleicht vermessen, aber die Sorgen der Großen hätten wir in dem Moment gerne.«

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