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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Fernsehen

Papa wäre stolz auf uns

Valium fürs Volk: Ein Rückblick auf den ARD-Dreiteiler »Unsere wunderbaren Jahre«
Von Berthold Seliger
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»Sie können, nein, sie wollen nicht anders«

Ich bin da beim Zappen in Covid-19-Zeiten in etwas hineingeraten. Es nannte sich »Unsere wunderbaren Jahre« und lief bis Mittwoch abend bei der ARD. Der sendereigene Videotext bejubelte das dreiteilige Dingens als »TV-Event« und als »mitreißendes Gesellschaftspanorama des Wirtschaftswunder-Deutschlands«. Erzählt wurde vom Sauerland der Jahre 1948 bis 1954. Im Intro sahen wir: vier Kohlmeisen, D-Mark-Münzen, edles Porzellan und anderes Geschirr. Vielleicht sollten die Kohlmeisen für die vier Frauen im Zentrum des Films stehen, eine Fabrikantenehefrau und ihre drei Töchter.

Die Frauen mussten im Verlauf der quälend langen viereinhalb Stunden sterile Sätze aufsagen wie: »Mein Vater hat alles für die Metallwerke gegeben, Tag und Nacht«. Doch auch die Männerfiguren waren Degeto-­typische »Charaktermasken«. Ihre »gesellschaftlichen Verhältnisse« sollten »als ihre eignen persönlichen Verhältnisse erscheinen« (Marx, »Kapital«). Der Fabrikant, größter Arbeitgeber von Altena, wird als ein guter Deutscher dargestellt. Allerdings hat sein Metallwerk Stacheldraht an das KZ Bergen-Belsen geliefert – die Schuld wird vor Gericht zunächst eifrig geleugnet; als aus sowjetischen (!) Unterlagen aber der Beweis erbracht wird, hängt der Fabrikant sich auf.

Die tragischen Figuren im TV-Event sind allein die Deutschen, sie haben (geringe, will uns der Film weismachen) Schuld auf sich geladen, aber es ging eben irgendwie nicht anders, und eigentlich haben sie doch alles gut gemeint, man hat doch den jüdischen Apotheker gerettet – und bevor der Fabrikant sich aufhängt, wird in der Familie Hausmusik betrieben …

Geschichte wird im bundesdeutschen Fernsehen bevorzugt anhand von Figuren aus Adel, Ober- oder wohlhabender Mittelschicht abgehandelt, nie aus Sicht von Arbeitern oder Angehörigen der Unterschicht (jedenfalls nicht mehr seit den 70er Jahren, als es Serien wie »Acht Stunden sind kein Tag« von Rainer Werner Fassbinder oder »Die Knapp-Familie« mit Eckhard Henscheid als einem der Drehbuchautoren gab). Heute bevölkern Bergdoktoren, Traumhotel-Besitzer, Traumschiff-Kapitäne, Manager, Adelige oder Industrielle die eintönige deutsche Fernsehwelt. Und natürlich hin und wieder ein Alibiarbeiter. In »Unsere wunderbaren Jahre« ist das Tommy, der als Pazifist aus dem Krieg zurückkehrt (»hinter ihnen liegt ein entsetzlicher Krieg«, tönt die ARD-Pressestelle) und geschworen hat, nie wieder ein Gewehr anzurühren. Aber dann wird er doch Schützenkönig, weil er eben so gut schießen kann und eine der Fabrikantentöchter erobern will.

Alle Motive dieses Films, der vorgibt, »uns unsere eigene Geschichte und Gegenwart näherzubringen«, ja sogar »uns auch heute noch Orientierung zu geben« (so WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn), ergeben sich aus den Liebesgeschichten der drei Fabrikantentöchter – es handelt sich um eine Schnulze, wie sie auch auf dem »Traumschiff« oder bei »Sturm der Liebe« spielen könnte. Sie können, nein, sie wollen nicht anders. Diese Sorte Fernsehen hat eine entschieden ideologische Funktion, sie ist »Valium fürs Volk«.

Dies lässt sich gut an der Rolle des Arbeiters Tommy beleuchten. Der kennt das »Kapital« von Marx – »kann man mal lesen, wenn man neue Wege gehen will« –, taugt aber höchstens als Liebhaber der Fabrikantentöchter (und der Plural ist hier wörtlich zu verstehen), und als er schließlich erkennt, dass die von ihm geliebte Ulla sich nie für ihn entscheiden wird, weil der Fabrikantenvater gegen diese Beziehung ist, geht Tommy gefrustet nach – »Ostberlin«, wie die Hauptstadt der DDR hier genannt wird. Dort hat er eine Affäre mit einer rothaarigen (sic!) Ökonomie-Professorin namens Sibylle Himmelreich (noch mal sic!), die dafür sorgt, dass er Ökonomie studieren kann und ihr ein Kind macht, weil ihr Ehemann zeugungsunfähig ist. Doch kommt das Professorenehepaar im Zuge des 17. Juni 1953 in Stasi-Haft, und Tommy erkennt: Er muss zurück in den Westen, wo alles besser ist. »Wie kann man für einen Staat arbeiten, der seine eigenen Leute …« Was er genau sagen will beziehungsweise soll, bleibt offen, aber wir haben auch so verstanden: Hier geht es um Freiheit, und die gibt’s nur in der Bundesrepublik. Und so wird Tommy, nach Altena zurückgekehrt, mir nichts dir nichts vom Arbeiter zum Produktionsleiter der Metallwerke.

Zu all dem läuft extrem schlechte Musik. Jede pseudodramatische Wendung wird mit üppigen Streichertremoli bedacht, zur ehelichen Vergewaltigungsszene werden wir mit einer Art triefender, fugierter Kirchenmusik mit Sopranchören belästigt. Und als sich schließlich alles erwartungsgemäß zum Guten wendet, erklingt eine schnulzige Indiana-Jones-für-Arme-Melodie. »Papa wäre stolz auf uns«, das ist die bewusst antifeministische Message.

Sie versuchen, ihre wirre Geschichte wie eine griechische Tragödie zu erzählen, in der alle irgendwie unentrinnbar mit allen verwoben sind – es kommt aber nur ein dumpfes Sauerländisches Provinzschmierenstück heraus.

Debatte

  • Beitrag von Josie M. aus J. (26. März 2020 um 15:09 Uhr)
    Also, abgesehen davon, dass die ostdeutsche Realität bedauerlicherweise zu kurz kam, ganz so gnadenlos würde ich diesen Dreiteiler »Unsere wunderbaren Jahre« doch nicht verreißen wie der Autor Berthold Seliger.

    Ich fand nämlich, dass durchaus sichtbar wurde, dass der Titel sarkastisch gemeint war und uns damaligen »Westdeutschen« – mir, Jahrgang 44, als an der holländischen Grenze Geborener – ein gnadenloser Spiegel über die Verlogenheit und praktizierte Heuchelei vorgehalten wurde, der zeigte, dass unsere damalige Gesellschaft so gut wie nichts gelernt hatte. Der aufrechte Fabrikanten-Papa hatte zwar einem einzigen Juden das Leben gerettet, andererseits aber von der Judenvernichtung während des »Dritten Reiches« profitiert. Und er hatte wie auch alle anderen Bewohner des Ortes nichts dazu beigetragen, dass die Nazis die Apotheke des jüdischen Mitbewohners nicht beschlagnahmten.

    Ja, es entsprach der damaligen Zeit, dass in den Familien auch noch Hausmusik gemacht wurde, mit der sie sich nach dem Krieg in eine »heile Welt« flüchteten wie auch in den Alkohol, in dem man die traumatischen Erinnerungen und das eigene schlechte Gewissen ertränkte. Auch da kann ich aus den Erfahrungen in meiner eigenen Herkunftsfamilie berichten.

    Und dass selbst die in den 50ern erwachsen gewordenen Töchter sich noch nicht wirklich emanzipieren konnten, siehe: »Papa wäre stolz uns gewesen!«, ist ein Abbild der damaligen westdeutschen Realität. Sarkastischer geht es doch nicht! – Meine Generation gehörte dann zu den »68ern«.

    Josie Michel-Brüning, 38448 Wolfsburg

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