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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 16 / Sport

Der Mann mit der Mütze

Von André Dahlmeyer
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Noch ohne Mütze, aber schon eine Legende: Amadeo Carrizo (M.) im Kreise seiner River-Plate-Kollegen (1952)

Er revolutionierte das Torwartspiel, stand ein Vierteljahrhundert im Kasten von River Plate Buenos Aires, wo er unter anderem mit Alfredo Di Stéfano und Ángel Labruna zusammenspielte. Lew Jaschin verehrte ihn und schenkte ihm seine Handschuhe. Er war der beste südamerikanische Torwart des 20. Jahrhunderts und einer der besten der Fußballgeschichte. Freitag morgen verstarb in der Klinik Zabala in Buenos Aires Amadeo Raúl Carrizo Larretape, eine der letzten echten Fußballikonen Lateinamerikas. Zehn Tage zuvor war der 93jährige dort am Rücken operiert worden.

Anfang 1945 hatte der 18jährige in seinem Heimatort Rufino, Provinz Santa Fe, den Nachtzug nach Buenos Aires genommen, 15 Stunden, im Handgepäck ein Empfehlungsschreiben von Héctor Berra, der bei der Olympiade 1932 in Los Angeles den 7. Platz im Weitsprung belegt hatte und zusammen mit Amadeos Vater bei der Eisenbahn malochte. Carrizo wurde genommen. Schon wenig später debütierte er im Kasten von River Plate und bewachte das Gehäuse des »Millionario« bis 1968, da war er 42. Er stellte Dinge auf dem Platz an, die sich nie zuvor ein Goalie auch nur vorgestellt hatte. Er war der erste Torwart-Libero, er schmiss sich den gegnerischen Angreifern auf die Botten, um ihnen den Ball abzuluchsen, so wie es ihm 30 Jahre später Toni Schumacher nachmachte. Ohne Handschuhe, wohlgemerkt, aber immer mit seiner Boina (Barett). Er führte Einwürfe aus, beherrschte das Kopfballspiel und seine Dribblings brachten die Gegner zur Weißglut und ließen die Fans frohlocken. Er war der erste, der den Ball einhändig abwehrte oder ihn mit der Brust stoppte. Bei Freistößen plazierte er sich schon mal vor der Mauer. Seine millimetergenauen 60-Meter-Konterpässe sind Legende. Zu einer Zeit, als nicht nur auf den Bolzplätzen immer der Dümmste oder Dickste ins Tor musste, verhalf Carrizo der Torwartposition zu neuer Wichtigkeit. Er erfand den Posten einfach neu. Er war der Tormann der »Máquina«, die 1945 und 1947 (mit Di Stefano) Meister wurde, sowie der »Máquinita«, die zwischen 1952 und 1957 fünf argentinische Titel holte. Eine Copa Libertadores gab es noch nicht, aber River Plate war zu dieser Zeit ganz klar das Real Madrid Südamerikas.

1957 erhielt Carrizo von Juve-Torhüter Giovanni Viola bei einem Freundschaftsspiel einen wichtigen Tip: Torwarthandschuhe! »Sie verhindern die Kratzer der Stollen, man kann den Ball besser greifen und man spürt den Aufprall viel weniger!« Fortan importierte Carrizo seine Handschuhe aus Italien. Damit kassierte er bei der WM 1958 sechs Treffer von den Tschechen. Argentinien wurde letzter in der deutschen Gruppe und musste vorzeitig nach Hause. Am internationalen Flughafen Ezeiza wurde das Team mit einem Geldmünzenhagel attackiert, Carrizos Auto ging in Flammen auf. Drei Jahre darauf gewann River Plate mit 3:2 gegen das echte Real Madrid von Di Stéfano, Gento und Puskás, das gerade zum fünften Mal hintereinander den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte. Präsident Santiago Bernabéu versuchte Carrizo abzuwerben. Erfolglos. 1964 bekam er seine Revanche in der Albiceleste. Bei der Mini-WM in Brasilien zum 50jährigen Bestehen des dortigen Verbands gewann Argentinien alle Spiele zu null: 2:0 gegen das Portugal von Eusébio (WM-Dritter 1966), 1:0 gegen das England von Bobby Charlton (Weltmeister 1966), und der amtierende Weltmeister und Gastgeber Brasilien von Pelé wurde im Estádio do Pacaembu von São Paulo gar mit 3:0 vom Platz gefegt, wobei Carizzo einen Strafstoß von Gerson parierte. Der Gewinn der »Taça das Nações« war der bis dahin größte Erfolg Argentiniens.

1970 beendete er seine Karriere bei den Millionarios in Bogotá. 2011 erklärte der argentinische Senat den 12. Juni, den Geburtstag Carizzos, per Gesetz zum »Tag des argentinischen Torwarts«. Zwei Tangos wurden ihm gewidmet, »Tarzán Carrizo« und »El gran Amadeo«. Er sagte, sein Geheimnis, älter als 90 zu werden, sei: »Vino tinto! Viel Rotwein trinken!«

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