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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Corona

»Vielleicht ist bald die ganze Welt gesperrt«

»Corona-Tagebuch« zweier Eltern mit Kleinkindern
Von Katharina Bendixen und David Blum
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»Können wir mal von was anderem reden?«

Katharina Bendixen (geb. 1981 in Leipzig) schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene, David Blum (geb. 1983 in Potsdam) arbeitet als Redakteur in einem Verlag und als Reisebuchautor. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern (4 und 1) leben sie in Leipzig.

12. 3., David:

Morgens ins Büro. Eine Kollegin hat Schnupfen, wir machen Witze. Eine andere Kollegin erzählt von ihrer Enkelin, die seit Tagen mit 40 Grad Fieber im Bett liegt. Alle müssen jetzt gesund bleiben, als gäbe es keine anderen Krankheiten mehr. Sie geht eine rauchen. Risikogruppe, sagt mein Kopf. Bis nächste Woche, sagen wir zum Feierabend. Wer von uns glaubt noch daran? Homeoffice für die meisten – vor ein paar Tagen wäre das noch undenkbar gewesen.

14.3., Katharina:

Ich weiß noch genau, wann mir die Gefahr bewusst wurde: Ich kam aus dem Schreibatelier, eine halbe Stunde später musste ich wieder los, um die Kinder zu holen. David war schon zu Hause. Er kam auf den Flur und sagte: »Ich habe dir einen Link geschickt, einen Bericht aus Italien.« Ich schaute mir erst die anderen Mails an. Mein Roman ist gerade in Vermittlung, ich warte ständig auf Nachricht vom Agenten. Natürlich hatte er nicht geschrieben.

In dem Bericht, den David mir geschickt hatte, erzählte ein italienischer Arzt von den Zuständen in den Krankenhäusern, und ich bekam zum ersten Mal wirklich Angst.

Auf dem Heimweg vom Kindergarten rückte die Angst wieder weg. Wie immer lief ich mit den beiden Kindern durch den Wald zurück, wir spielten eine Weile auf der großen Lichtung. Das war vor neun Tagen. Seit kurzem lese ich erst die Nachrichten, dann meine Mails.

15.3., David:

Wir nutzen jetzt beide Katharinas Atelier zum Arbeiten, wechseln mittags, heute habe ich den Vormittag. Habe Mühe, mich zu konzentrieren. Ist das nicht alles sinnlos, wird in der Zukunft noch jemand unsere Bücher lesen? Nachmittags mit den Kindern in den Volkspark, L. wirft Äste in den Mülleimer. Später spielen L. und J. mit den Nachbarskindern im Hof. Die anderen Eltern glauben nicht, dass es bei uns wie in Spanien oder Italien kommt. Abends Nachrichten auf allen möglichen Kanälen konsumiert.

15.3., Katharina:

Es steht in den Sternen, ob mein Roman überhaupt vermittelt wird. Ich muss also weiter schreiben, etwas Neues, auch wenn klar ist, dass das mit diesem Druck nicht funktioniert. Und der Text hakt, David und ich müssen die Geschichte besprechen. Das haben wir sonst dienstags gemacht, wenn der Große bei Oma und Opa übernachtet und wir etwas Freiraum haben. Plötzlich haben wir nur noch zwei Abendstunden für uns. In denen müssen wir eigentlich Freundschaften pflegen, irgendwie auch die Beziehung, und sind nach 14 Stunden mit zwei Kleinkindern für alles zu erschöpft. »Was tun mit der Corona-Freizeit?« – wir brauchen keine Tips, wir haben keine Freizeit.

»Was ist jetzt mit deinem Text?« sagt David, ohne den Blick vom Rechner abzuwenden. »Du hast 15 Minuten.«

Nach der dritten Minute springt das Babyfon an, der Kleine ist aufgewacht. Ich lege mich neben ihn, schlafe selbst mit ein.

17.3., David:

Vormittags wieder im Volkspark, auffällig viele Väter allein mit ihren Kindern unterwegs. Sind die Berufe der Männer alle irrelevant im Gegensatz zu denen der Frauen? Warum sind es dann die Frauen, die in Elternzeit gehen? Versuche L. im Park in Spiele mit Stöckern zu verwickeln, er will zurück nach Hause. Auf dem Heimweg den ersten mit Atemmaske gesehen. Hat sie sich aufgesetzt, bevor er in den Bioladen ging.

18.3., Katharina:

Auch wenn David und ich uns fast zwanghaft in die Kinderbetreuung und den Haushalt teilen, herrscht in einer Hinsicht plötzlich eine erschreckend klassische Rollenverteilung: David liest Nachrichten, schickt mir Links, will reden. Ich sage: »Ich will das nicht hören.« Oder: »Können wir mal von was anderem reden?« Überfliege die Meldungen nur. Mache mir eine neue Regel: Nach 21 Uhr keine Nachrichten mehr, weil ich sonst mit Herzrasen im Bett liege und nicht einschlafen kann.

18.3., David:

Streit mit Katharina, weil morgen der Heizungsableser kommt. Die Welt mag untergehen, aber vorher präsentieren wir Ihnen noch Ihre Nebenkostenabrechnung. Ich will den Mann nicht in die Wohnung lassen, sie schon. Grund: Wenn er unseretwegen ein zweites Mal kommt, müssen wir zahlen. Existenzängste. Alle Ausgaben gehen nach wie vor von unserem Konto ab, auch die Gebühren für die Kinderbetreuung, und das bei vier Arbeitsstunden pro Person pro Tag. Fernsehansprache der Kanzlerin: Wir müssen alle unseren Beitrag leisten. Langsam wird eine Sprache gefunden. Man lebt jetzt »unter Corona«, »mit Corona« oder »in Zeiten von Corona«. Neue Abschiedsformeln: Kommen Sie gut durch diese aufregende Zeit. Alles Gute in dieser wilden Zeit. Bleibt gesund in dieser wirren Zeit. An der Inflation der Adjektive sollst du die Krise erkennen.

20.3., Katharina:

David und ich überlegen, wo wir schreiben, wenn die Ausgangssperre kommt. Auf dem Dachboden? Im Keller? In der Wohnung zu arbeiten, kommt nicht infrage, dafür sind die Kinder zu klein. Sie sind gerade für alles zu klein. Immerhin wäscht sich der Große seit kurzem freiwillig die Hände, wenn wir nach Hause kommen. Dafür weigert er sich jeden Tag, nach draußen zu gehen. Verschanzt sich in seinem Zimmer, zieht sich nicht an.

»Wir müssen heute raus, vielleicht ist bald die ganze Welt gesperrt.« Als ich an einem Tag total verzweifelt bin, sage ich tatsächlich diesen Satz. Fällt mir nichts Besseres ein, als die Maßnahmen gegen eine Pandemie als Druckmittel für einen Vierjährigen einzusetzen?

»Vielleicht ist bald die ganze Welt gesperrt«, wiederholt er gutgelaunt und zieht sich endlich an. Für ihn ist das eine gute Nachricht: Bald muss er die Wohnung nicht mehr verlassen.

21.3., David:

Was ich nie machen wollte: Whats-App installieren. Jetzt lassen wir damit die Großeltern vorlesen; schon eine Viertelstunde, in der zumindest ein Kind abgelenkt ist, hilft. Telefonat mit meinem Großvater kommt hinzu: Er hat Typhus erlebt, Diphtherie, Krätze – alles nicht zu vergleichen. Tschernobyl fällt ihm noch ein, da war ich drei Jahre alt und habe in einem Ort irgendwo bei Dresden mit einem Ast gegen eine große Glocke geschlagen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Frank Albrecht, Berlin: Ein Traum Neulich hatte ich einen seltsamen Traum. Anfangs habe ich wieder mal vom Mauerfall geträumt. Das ist noch nichts Besonderes, schließlich wird er uns ja seit 30 Jahren oft genug immer wieder im Fernseh...
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