Gegründet 1947 Sa. / So., 6. / 7. Juni 2020, Nr. 130
Die junge Welt wird von 2301 GenossInnen herausgegeben

Déjà-vus

Von Helmut Höge
Helmut_Hoege_Logo.png

Das Gefühl, eine Situation so schon einmal erlebt zu haben, nennt sich Déjà-vu. Längst beschäftigen sich etliche Wissenschaftler mit dem Phänomen, vor allem in den USA. In einem Artikel der Zeit von 2006 hieß es, Forscher nähmen an, »dass einem Déjà-vu eine ganz reale Erinnerung zugrunde liegt. Demnach haben wir die vermeintlich vertraute Situation tatsächlich schon einmal erlebt, aber nur unbewusst gespeichert. Die anderen betrachten Déjà-vus als Resultat von kurzzeitigen Störungen oder Minianfällen im Gehirn. Ihnen zufolge haben Déjà-vus genauso wie Halluzinationen nichts mit der Wirklichkeit zu tun«.

Pseudoplagiate, also eine andere Art der Déjà-vus, sind besonders in der Kunst an der Tagesordnung. Wenn man nur halbwegs gründlich vorgeht, stößt man dauernd darauf, z. B. in der großen Ausstellung »Making Things Public« (2005) im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien, die der ZKM-Leiter Peter Weibel mit dem Wissenschaftssoziologen Bruno Latour kuratierte. Es ging in ihr um »Demokratie«. Der Ausstellungsbeitrag des Philosophen Peter Sloterdijk bestand aus einem Plan für ein aufblasbares Parlament, das mit einem Hubschrauber über »barbarischen« Staaten abgeworfen werden soll, um dort die Einführung der Demokratie zu initiieren.

Einen ähnlichen Plan beschrieb der dänische Arktisforscher und Schriftsteller Jørn Riel 1970 in seinem Roman »Das Haus meiner Väter«: In Grönland landete eines Tages vor der Inuitsiedlung Ukusik ein Schiff namens »Zivilisation«, dem der Missionar Vater Brian entstieg. In der Siedlung gab es nur einen Christen, alle anderen huldigten einem schamanistischen Animismus, wie die christliche Ethnologie den Glauben der »kleinen Völker des Nordens« nennt. Vater Brian hielt eine Rede, in der er andeutete, nur wenn sie von ihrem »Aberglauben« abschwören würden, kämen sie in den Himmel. Nun war aber für die Inuit ausgerechnet der Himmel nur etwas für schlechte Menschen, eine Strafe gewissermaßen. Vater Brian war jedoch noch nicht am Ende. Er errichtete eine aufblasbare, fünfsäulige Kapelle. Ich stelle sie mir wie eine umgedrehte Hüpfburg vor. Das Aufblasen dauerte Tage, mangels Interesse der Inuit und der Besatzung der »Zivilisation« musste der Zigarrenraucher Vater Brian die Kapelle alleine aufblasen. Am Ende scheiterte seine Mission: Die Kapelle geriet in den Besitz des lokalen Pelzhändlers und diente ihm fortan als Lagerplatz. Vater Brian zog auf einem Hundeschlitten gemeinsam mit einer Inuitfrau weiter nach Norden.

Ein Freund hatte ebenfalls ein Déjà-vu: Er lebt in einer schönen Altbauwohnung, aus der seine Vermieter ihn freilich raushaben wollen, weil er noch einen alten Vertrag hat und sie von einem neuen Mieter mehr als das Doppelte verlangen könnten. Sie haben sich schon alle möglichen Schikanen überlegt. Als er 2019 für ein paar Tage hatte verreisen müssen und sich nach seiner Rückkehr ins Bett legte, überfielen ihn Flöhe. Richtig glauben konnte er das allerdings erst nach einem Besuch bei seinem Hausarzt. Er ist sich fast sicher, dass er das Ungeziefer, anscheinend durch den Briefschlitz in seiner Wohnungstür geworfen, den Hausbesitzern verdankt. Eine ähnliche Strategie verfolgte bereits »Die Powenzbande«, wie ein Erfolgsroman von Ernst Penzoldt aus dem Jahr 1930 heißt, in dem es eine ebenso kinder- wie listenreiche Familie mit unbestimmten Einkünften schafft, sich durch die Wirren der Geschichte zu schlagen. Einmal greifen sie auch zur Waffe »Ungeziefer«, indem sie Flöhe sammeln, die sie im geeigneten Moment in den Wohnungen der kleinstädtischen Honoratioren freilassen.

Mehr aus: Feuilleton