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Aus: Ausgabe vom 12.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Fracking

»Blutbad in der US-Ölindustrie«

Kurssturz, drohende Pleiten – Branche ist alarmiert. Washington denkt über Staatshilfen nach
Von Jörg Kronauer
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Frackinganlage von Chevron in Midland, Texas (August 2019)

In der US-Frackingindustrie macht sich seit dem Wochenende Alarmstimmung, fast schon Panik breit. Der Einbruch des Ölpreises im Februar aufgrund der Coronakrise hatte in der Branche ernste Sorgen ausgelöst. Fracking ist teuer, es erfordert in relativ kurzen Abständen kostspielige Bohrungen; sinkt der Ölpreis zu stark, dann rentiert es sich recht schnell nicht mehr. Entsprechend stürzten die Kurse von US-Frackingunternehmen zu Wochenbeginn, als der saudisch-russische Preiskrieg den Ölpreis in den Kollaps trieb, reihenweise ab – um 39 (Parsley Energy), 45 (Diamondback Energy) oder sogar 52 Prozent (Occidental Petroleum). Erste Firmen gaben eine Verringerung ihrer Förderaktivitäten bekannt. Scott Sheffield, Chef des Frackingunternehmens Pioneer Natural Resources, ließ sich mit der Einschätzung zitieren, bei einem anhaltend niedrigen Ölpreis könnten binnen zwei Jahren bis zu 50 Prozent der Branchenfirmen bankrott gehen. Ein Experte der New Yorker Investmentgesellschaft Van Eck mutmaßte, bei einem Ölpreis von 40 US-Dollar könnten allenfalls ein oder zwei Dutzend Frackingfirmen überleben. Schrillere Stimmen sprachen von einem »Blutbad in der US-Ölindustrie«.

Etwaige Pleiten von US-Fracking­unternehmen drohen dabei Folgen zu verursachen, die weit über die Branche hinausreichen. Fracking ist kapitalintensiv; die Ölfirmen, deren Zukunft nun in Frage steht, sind oft stark verschuldet. Auch große US-Banken haben erhebliche Summen in die Branche investiert. Genannt werden unter anderem JP Morgan, die Citibank und die Bank of America. Die Aussicht, Frackingunternehmen könnten im großen Stil zusammenbrechen – dies zu einer Zeit, zu der zu den zahlreichen globalen Handelskonflikten nun auch noch die Coronakrise hinzukommt –, treibt so manchem US-Finanzmanager die Schweißperlen auf die Stirn.

Tatsächlich werden im Weißen Haus bereits erste Überlegungen angestellt, die Frackingindustrie mit Staatshilfen vor dem womöglich drohenden Kollaps zu retten. Zu den ökonomischen Risiken kommt hinzu, dass US-Präsident Donald Trump sich die Förderung der Branche auf die Fahnen geschrieben hat; gerät sie ins Wanken, dann könnte das gravierende Folgen für die bevorstehende Präsidentenwahl haben, zumal zu den Staaten, die traditionell zwischen Demokraten und Republikanern umkämpft sind, auch solche gehören, die zuletzt – so zum Beispiel Pennsylvania – einen Frackingboom erlebten. Trump hat am Montag bereits mit Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman telefoniert, um ihm den Ölpreiskrieg gegen Russland auszureden, es half nichts. Harold Hamm, Gründer und Chef des Frackingunternehmens Continental Resources, verlangt mittlerweile Maßnahmen gegen Riad und Moskau. Hamm ist einer der Berater des US-Präsidenten in Energiefragen.

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