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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 8 / Betrieb & Gewerkschaft
Basisgewerkschaften in der BRD

»Müssen zu Arbeitskämpfen und Streiks aufrufen«

Die Basisgewerkschaft FAU veranstaltet in Frankfurt am Main »Systemwandel«-Konferenz. Ein Gespräch mit Dörthe Stein
Interview: Gitta Düperthal
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Die Basisgewerkschaft FAU konferiert am Freitag über den »Systemwandel«

Die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU) in Frankfurt am Main will auf ihrer am Freitag beginnenden Konferenz »Klima, Digitalisierung, Gewerkschaften und Arbeitskampf 4.0« über »Systemwandel« diskutieren. Da haben Sie viel vor?

Grundsätzlich warten auf die anarchosyndikalistische FAU dieselben Herausforderungen wie auf andere Gewerkschaften auch. Aufgrund unserer kapitalismuskritischen Haltung positionieren wir uns möglicherweise nur klarer als andere. Aus unserer Sicht besteht die wesentliche gewerkschaftliche Aufgabe darin, sich vom Imperativ des ewigen Wirtschaftswachstums abzuwenden. Die Gleichungen, wonach mehr Wirtschaftswachstum mehr Arbeitsplätze und mehr Produktivität mehr Lohn bedeuten würden, gehen nicht auf. Die soziale und ökologische Frage bleibt so unbeantwortet – im nationalstaatlichen wie globalen Kontext. Klimagerechtigkeit heißt: Die Kosten unseres Wirtschaftens dürfen nicht weiter auf dem Rücken des globalen Südens oder auf dem der Armen unserer Gesellschaft abgewälzt werden.

Wirtschaftslobbys und Konservative behaupten: Ein solcher »Systemwandel« sei nicht machbar, weil sonst Arbeitsplätze wegfallen würden …

Es wird sowieso Verwerfungen durch die Digitalisierung der Produktion geben. Selbst wenn man der Maxime der Wachstumsbefürworter folgen würde, gäbe es weniger Arbeit. Wir sagen: Arbeit ist kein Selbstzweck. Die sozialen Kosten einer Umstellung der Wirtschaft sind von der Gesellschaft kollektiv zu tragen.

Wo muss aus Ihrer Sicht gehandelt werden?

Wir werden auf unserer Konferenz diskutieren, wie eine sozial und ökologisch nachhaltige Produktion in Zeiten zunehmender Digitalisierung zu gestalten ist. Wie kann eine Versorgung derjenigen aussehen, die das kapitalistische System als »nicht verwertbar« ausspuckt. Es geht um Verteilungsgerechtigkeit, soziale Sicherung und gerechte Bildung. Wenn wir Einfluss auf besagte Entwicklungen nehmen wollen, die hauptsächlich in den Industrienationen stattfinden, werden wir auf die Wirtschaft Druck ausüben müssen – insbesondere auf die ITK-Branche, zu der Unternehmen aus der Informationstechnologie (IT) und Telekommunikation (TK) gehören. Von politischen Parteien wird es keine adäquaten Lösungen geben. Eine freiwillige Selbstverpflichtung von Wirtschaftsunternehmen reicht sowieso nicht. Deshalb müssen soziale Bewegungen und Gewerkschaften gemeinsam zu Demonstrationen, Arbeitskämpfen und Streiks aufrufen.

Letzteres würden andere Gewerkschaften auch so unterschreiben. Was kennzeichnet die von der FAU propagierte »direkte Aktion«?

Im Gegensatz zu anderen setzen wir nicht auf Stellvertreterpolitik. Nicht die Apparate oder Funktionäre entscheiden über die Aktionsform und den Zeitpunkt, sondern die Betroffenen selbst. Das hat den Vorteil stärkerer Partizipation. Der Widerstand wird nicht durch wenige kanalisiert oder ausgebremst.

Wie kann eine antikapitalistische Zukunft aussehen?

Über die Produktion und die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums muss gemeinschaftlich entschieden werden. Das erfordert langfristig eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Wir streben Bündnisse mit allen Organisationen an, die sich sozialen und ökologischen Fragen widmen und die weltweiten Migrationsbewegungen dabei im Blick haben. Das ist natürlich mit autoritären Versuchen, die Krise des Kapitalismus zu lösen, einer Abschottungspolitik und einem Standortnationalismus unvereinbar.

Sehen Sie in anderen Gewerkschaften einen Trend zur Diskussion um einen »Systemwandel«?

Bei Vertretern in den Organisationsapparaten können wir dies noch nicht erkennen, für sie scheint die Stammklientel finanziell starker Branchen noch im Vordergrund zu stehen. Die Gewerkschaftsbasis ist da schon weiter; aus deren Netzwerken heraus gibt es gute Veröffentlichungen zu einem geforderten Systemwandel.

Dörthe Stein ist Referentin und Sprecherin der FAU in Frankfurt am Main

https://unions4future.blogspot.com/

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