Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Gegründet 1947 Mittwoch, 8. April 2020, Nr. 84
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Probeabo abschließen und weiterempfehlen Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Aus: Ausgabe vom 18.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Politische Aufklärung

Durchatmen

Eine Episode über die echt erschöpfende Seite der Politik
Von Stefan Siegert
Bild100_Party_62606256.jpg
»Und dann haben wir die Uiguren mit fünf Kästen Corona vergiftet.« – Neulich auf der Hausparty bei Springer (»Aktivist« Joshua Wong aus Hongkong, l., und BRD-Außenminister Heiko Maas verstehn sich, 9.9.2019)

Anfang Februar 2020. Eine Geburtstagsparty. Sektglas in der Hand, stehen wir auf dem Flur, prosten dem Geburtstagskind zu und singen. Ich treffe auf einen Bekannten, der schon oft dabei war. Wir kommen schnell ins Gespräch. Die Schwiegermutter ist gestorben. Es fällt mir auf, er erzählt, keine Ahnung wa­rum, ich finde einen Tick zu demonstrativ, wie sehr es ihm ein Anliegen gewesen sei, die Tote für ihren letzten Weg neu einzukleiden. Er stammt aus der Türkei. Die Schwiegermutter war eine Deutsche. Obwohl er, wie er sagt, vom Gefühl Türke ist, spricht er idiomatisch deutsch, denn er lebt seit langem im Land und weiß sehr gut, wie man sich als Türke und Deutscher in der Bundesrepublik fühlt.

In der Politik waren wir uns immer einig. Er ist gegen die Faschisten, ihm missfällt das offene Weltherrschaftsstreben der US-Mächtigen, er verurteilt die antirussische NATO-Kumpanei der EU und verfolgte, als dort noch Frieden war, die Entwicklung in den Kurdengebieten Nordsyriens mit Sympathie.

Wir setzen uns mit vollen Gläsern an den noch weithin freien großen Tisch im leeren Wohnzimmer und diskutieren. Das Wohnzimmer füllt sich. Wir kommen irgendwann an den Punkt, wo ich an Perspektiven denke. Wohin treibt es uns? Was hält er beispielsweise von China? Hätte ich nur nicht gefragt.

Uiguren, Tibet, Hongkong, keine Freiheit, keine Menschenrechte, die volle Dröhnung. Ich sehe dabei zum wiederholten Mal nicht gut aus. Anstatt für eine Weile in Deckung zu gehen, halte ich gegen. Aber gegenhalten, das geht mir zu spät auf, ist zwecklos. Dem westweltweit frisch aufgewiegelten Volkszorn kommt eins im Moment, da er hochkocht, nicht bei, du gehst einfach erst einmal unter.

Es wäre hilfreich, in solchen, der revolutionären Linken immer öfter begegnenden Momenten, daran zu denken: Die Empörung der Menschen wird jedesmal global entflammt, indem ihnen schwere Verstöße gegen Werte vorgelogen werden, die ihnen soviel bedeuten wie uns, zutiefst humane Werte, gegen die die Nachrichtenerfinder und -verbreiter aus Gründen der Aufrechterhaltung westlicher Welthegemonie seit Jahrhunderten jeden Tag verstoßen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Was wir an diesem Kernsatz unseres Selbstverständnisses seit langem übersehen: Zum Sein gehören auch die in der Moderne unfassbar erfolgreichen Manipulationsarmeen des Imperiums. Das heißt, mein deutsch-türkischer Freund, ein kritischer, kluger Mensch, er ist Biologe, gehört nicht zu den Gegnern, wenn er gegen China giftet, er gehört zu den Opfern.

Ich habe Glück an diesem Abend. Er lässt mich, der ich ihn mit meiner antiimperialistischen Ohnmachtswut argumentativ plattgemacht habe, nicht einfach am Tisch sitzen und geht weg, nein, er weist mich empört zurecht, nennt mich überheblich, verbohrt und dogmatisch. Er hat recht. Ich atme tief durch und bitte ihn um Nachsicht, ich versuche, zu erklären. Ob es etwas nützt, wird sich zeigen.

Besser wäre gewesen, ich hätte ihn möglichst ruhig darauf hingewiesen, dass ich anderen Informationsquellen folge als er und mich in den vom Westen gezielt fabrizierten moralischen Massenhysterien an die Wand gedrückt fühle und recht allein auf der Welt. Ich hätte ihn darauf aufmerksam machen sollen, dass ich – vom nie stattgefundenen Angriff vietnamesischer Torpedoboote auf US-Kriegsschiffe im Golf von Tonkin als »Begründung« für den Vietnamkrieg im August 1964 bis zu den jüngsten Enthüllungen über die nachgewiesenermaßen gefälschten Berichte der OPCW zum erlogenen Giftgasangriff der syrischen Armee auf Duma im April 2018 – seit einem halben Jahrhundert immer wieder dieselben Erfahrungen mit den Medien des Westens gemacht habe.

Ich kam in der Hitze der Debatte nicht drauf. Ein Zeichen politischer Schwäche. Darüber nachzudenken mag helfen. »Man tut, was man kann«, sagt der Parteisekretär Wunschgetreu in Erwin Strittmatters wunderbarem DDR-Roman »Ole Bienkopp«, »die Welt ist noch nicht fertig«. Dem wäre nichts hinzuzufügen.

Regio:

Mehr aus: Feuilleton