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Aus: Ausgabe vom 17.02.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Kirche und Homosexualität

Pharisäer in Not

Homosexualität in der katholischen Kirche: Frédéric Martel über Liebe und Sex im Zeichen des Zwangs
Von Markus Bernhardt
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Es gibt Gerüchte: Benedikt XVI. und sein persönlicher Sekretär Georg Gänswein (Rom, 30.11.2005)

Sodom – der Titel des Buches von Frédéric Martel mag reißerisch klingen, der Inhalt ist es keineswegs. Auf über 600 Seiten schildert der 1967 geborene Franzose, der als Journalist und Soziologe tätig und selbst schwul ist, die tatsächlichen Zustände hinter den Mauern des Vatikans und in der katholischen Kirche. »Der Vatikan ist eine der größten homosexuellen Communitys der Welt«, lautet die Kernthese des Autors, womit er erst einmal nur wiederholt, was für die meisten Menschen, die sich in ihrem Leben einmal ernsthaft mit der Funktionsweise von abgeschotteten Männerbünden befasst haben, keine große Überraschung darstellen dürfte.

Martel behauptet in der Einleitung seines Buches, dass »der Schein einer Institution« noch nie so trügerisch gewesen sei; auch »die Bekenntnisse zum Zölibat und die Keuschheitsgelübde«, hinter denen sich eine »ganz andere Wirklichkeit« verberge, seien zutiefst unglaubwürdig. Und er belegt dieses Behauptungen. Vier Jahre hat er nach eigenen Angaben für das Buch recherchiert und dabei fast 1.500 Personen – auch aus dem Vatikan – in 30 Ländern in persönlichen Gesprächen befragt. Darunter waren 41 Kardinäle, 52 Bischöfe und Monsignori, 45 Apostolische Nuntien, ausländische Botschafter und mehr als 200 Priester und Seminaristen. Ein Team aus Korrespondenten, Dolmetschern und lokalen Beratern hat ihn dabei unterstützt.

Martel geht es nicht um »Enthüllungen« und schon gar nicht darum, Menschen persönlich zu diskreditieren. Er hat sogar einige Gesprächspartner und Ereignisse anonymisiert. Der Autor will einen Einblick in die abgeschottete Welt des katholischen Pharisäertums und der Doppelmoral liefern. Und er bleibt dabei nicht nur beim Thema Homosexualität. Gestreift wird etwa auch der Kampf des Vatikans gegen die Befreiungstheologie in Lateinamerika.

Das Buch ist in vier Kapitel aufgeteilt, die sich mit dem amtierenden Papst Franziskus und seinen drei Vorgängern befassen. Viele Informationen wirken auf den ersten Blick, als seien sie der Klatschpresse entnommen. Etwa, wenn es um im Vatikan praktizierte, sogenannte »Chemsexpartys«, also Gruppensex unter Einfluss chemischer Drogen geht. »Lange dachte ich, das seien Gerüchte, wie es im Vatikan so viele gibt«, gibt selbst der Autor zu. Und doch wurde all das bestätigt, als im Sommer 2017 mit Monsignore Luigi Capozzi ein hochrangiger Priester wegen dieser Vorwürfe von der vatikanischen Polizei festgenommen wurde.

Die Verlogenheit der Kirche in Sachen Homosexualität macht den Leser vielfach sprachlos. Martel schätzt die Zahl schwuler Männer in der Kirchenhierarchie auf mindestens 50 Prozent; einzelne Gesprächspartner des Autors gehen von mehr als 70 Prozent aus. Und dann liest man, wie Benedikt XVI. 2005 als frisch gewählter Papst die Glaubenskongregation aufforderte, Homosexualität in einem neuen Text schärfer als bisher zu verurteilen, da »die homosexuelle Kultur unaufhörlich« wachse. Dabei wird auch in Martels Buch kolportiert, dass der 2013 erfolgte Rücktritt Benedikts weniger mit dem Gesundheitszustand des deutschen Papstes als vielmehr etwas mit der Thematik Homosexualität zu tun gehabt habe.

In seinem Epilog versucht sich Martel an einer unaufgeregten Einschätzung der tatsächlichen Lebensgewohnheiten von homosexuellen Männern im Vatikan: »Wenn im katholischen Klerus Schwulsein die Regel und Heterosexualität die Ausnahme ist, bedeutet das noch lange nicht, dass die Homosexualität als kollektive Identität angenommen wird. Auch wenn es sich mangels Alternativen um eine Verlegenheitsnorm handelt, erscheint sie in der Praxis äußert individuell und derart verschleiert und verdrängt, dass sie sich weder im Lebensstil noch in der Kultur äußert.« Obwohl es viele Schwule in der Kirche gebe, bildeten diese keine Gemeinschaft und auch keine Lobby, so Martel. Und dennoch existierten gemeinsame Codes.

Einzelne homosexuelle Beziehungen im Vatkian gelten als offene Geheimnisse, andere werden mit aller Macht bestritten. Würde die katholische Kirche Homosexualität nicht verteufeln, wie sie es bis heute tut, dürfte es nicht von Interesse sein, ob ein Würdenträger Beziehungen zu Männern, Frauen oder niemandem pflegt. Da die Doppelmoral der katholischen Kirche jedoch unzählige Opfer zur Folge hatte und hat, muss es im Sinne der Aufklärung darum gehen, diese Doppelmoral zu entlarven. Martels Buch ist ein gelungener Beitrag hierzu. Viele Kleriker sind – wirft man einen Blick auf einschlägige Internetseiten – bei der Lektüre rot angelaufen: mitunter sicher tatsächlich aus Scham, öfter aber wohl vor Wut.

Frédéric Martel: Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan. S. Fischer, Frankfurt am Main 2019, 671 Seiten, 26 Euro

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