Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Gegründet 1947 Montag, 30. März 2020, Nr. 76
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Probeabo abschließen und weiterempfehlen Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Aus: Ausgabe vom 17.02.2020, Seite 2 / Inland
Geschichte

»Keine Sensation, aber Beweise für BND-Spionage«

Akten offenbaren Praktiken des BRD-Auslandsgeheimdienstes. Papiere landeten auch im Springer-Verlag. Ein Gespräch mit Hans Modrow
Interview: Frank Schumann
Abgeordnete_verlange_64337107.jpg
Besucherzentrum des Bundesnachrichtendienstes in Berlin (5.11.2019)

Vor zwei Jahren klagten Sie vorm Bundesverwaltungsgericht in Leipzig auf die Herausgabe der Spitzelakten, die der BND in Jahrzehnten über Sie angelegt hatte. Was ist daraus geworden?

Das Verfahren war insofern erfolgreich, als die Richter den BND verpflichteten, bei Berücksichtigung der Geheimhaltungsinteressen und der Schutzfrist für Archivgut von 30 Jahren, die relevanten Akten herauszurücken. Der BND wahrt zwar seine Interessen mit Schwärzungen in den Akten und mit der Selektion seiner Papiere, aber ich kann nicht behaupten, er käme den ihm auferlegten Verpflichtungen nicht nach.

Was heißt das?

Nun, zu Beginn des vorigen Jahres lieferte er die Unterlagen von 1988 und jetzt kamen die von 1989.

Gleichzeitig spielte der BND der Welt am Sonntag (WamS) Kopien zu. In der gestrigen WamS waren sie faksimiliert zu sehen, auf einer ganzen Seite.

Da die mir zugestellten BND-Konvolute in gleicher Weise gebunden waren, liegt dieser Verdacht nahe.

Im Zentrum des WamS-Beitrags stand ein konspiratives Treffen in der sowjetischen Botschaft in Berlin am 24. November 1989. Dort habe Gorbatschows Emissär Walentin Falin dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Krenz und dem DDR-Ministerpräsidenten Modrow den Marsch geblasen. Die WamS überschrieb darum den Beitrag mit: »Als Moskau zur Einheit drängte«.

Das ist wohl die übliche journalistische Übertreibung. Es heißt dort aber auch: »Nun kann das Treffen erstmals dokumentiert werden – anhand einer Akte des Nachrichtendienstes.« Egon Krenz hat über dieses Treffen in seinem Buch »Wir und die Russen« (Edition Ost, 2019) berichtet, ich selbst erwähnte es ebenfalls in einigen Publikationen und Interviews. Insofern hat das Blatt nicht unrecht: Diese Dokumente belegen, dass – entgegen anderslautenden Ansichten – eben doch noch nicht alles bekannt und auf dem Tisch ist.

Inwiefern? Immerhin lautet die Botschaft des Beitrags, der BND wusste erstens Bescheid und zweitens saßen in der DDR-Führung Zauderer, denen Moskau erst sagen musste, was die Stunde geschlagen hat.

Ich sehe das anders. Hier wird versucht, mit Hilfe des BND Deutungshoheit über unsere Geschichte zu erlangen. Ich darf daran erinnern, dass ich auf die Herausgabe meiner Akten nicht zur Befriedigung meiner persönlichen Neugier geklagt hatte, nachzulesen in meinem Buch »Ich will meine Akte« (Edition Ost, 2018). Mir ging und geht es unverändert um die Widerlegung der Lüge, nur die Dienste der DDR spionierten im Westen. Nein, auch die BRD-Dienste haben systematisch und flächendeckend in der DDR Menschen bespitzelt und in deren Biographien eingegriffen.

So spektakulär sind die vom BND fixierten Aussagen über das Treffen in der Botschaft jedoch auch wieder nicht. Erstens hatte Pullach den aus verschiedenen Quellen gespeisten Bericht erst am 20. Dezember auf dem Tisch, zweitens sind etliche Details schlicht falsch. Mein Freund Markus Wolf nahm an diesem Treffen nicht teil, wie darin behauptet wurde, sondern Botschafter Kotschemassow. Und das Treffen fand nicht am 17. November statt, wie es hieß. Da hatten sich die Spezis um eine Woche vertan.

Aber es scheint so, dass der BND Informanten sogar in der Staats- und Parteiführung sitzen hatte.

Das glaube ich auch. Allerdings folge ich nicht den Verdächtigungen Breschnews, der schon in den 70er Jahren Honecker vor einem Spion im Politbüro meinte warnen zu müssen. Auch in den 80er Jahren gab es ähnliche »Hinweise« aus Moskau oder anderen dubiosen Quellen. Ich schließe aus den mir bisher zugänglich gemachten BND-Unterlagen, dass westliche Dienste zumindest im Umfeld des Politbüros Quellen besaßen, die entweder abgeschöpft wurden oder/und bewusst Interna verrieten.

Was fehlte in der jüngsten Lieferung der BND-Akten?

Zum Beispiel die Observationsberichte über meine politischen Gespräche im September 1989 in Baden-Württemberg. Oder meine Begegnung mit Bundeskanzler Kohl in Davos, als mich dieser bat, dass wir nicht mehr seine Telefonate abhören sollten. Was ich ihm zusichern konnte: Wir hatten das MfS längst schon aufgelöst. Ich hätte ihn allerdings auffordern müssen, dass sie im Gegenzug ihre Spionage gegen uns einstellen sollten. Die ging, zumindest was meine Person betraf, bis 2012 weiter.

Hans Modrow war Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED in Dresden und vom 13. November 1989 bis 12. April 1990 der letzte Vorsitzende des Ministerrates der DDR

Ähnliche:

  • »Produktiv, pro DDR«, so hieß es am 25.2.1990 auf einem Transpar...
    10.01.2020

    Vorhersehbarer Verrat

    Schon Ende 1989 zeichnete sich ab, dass die Sowjetunion die DDR fallen lassen würde. Dennoch vertraute die DDR-Regierung Michail Gorbatschow.
  • Der offizielle Teil: Der sowjetische Staats- und Parteichef Mich...
    11.07.2019

    Das vergessene Gespräch

    Vorabdruck. Anfang November 1989 traf Egon Krenz in Moskau mit dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow zusammen

Regio:

Mehr aus: Inland

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!