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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 12 / Thema
Beethoven 250

Musiker einer neuen Zeit

Vorabdruck. Als bürgerlicher Revolutionär hoffte Ludwig van Beethoven auf eine Welt jenseits der Feudalherrschaft. Um komponieren zu können, war er indes auf adlige Mäzene angewiesen
Von Stefan Siegert
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Beethoven-Wandbild in Bonn

In diesen Tagen erscheint im Reclam-Verlag Stefan Siegerts Buch »Ludwig van Beethoven. 100 Seiten«. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum auszugsweisen Vorabdruck. (jW)

Mit Napoleon Bonapartes Aufstieg vom Korporal zum unbesiegbaren General und mächtigen Ersten Konsul eines machtlosen Direktoriums hat sich die Revolution in Frankreich totgesiegt. Aus Verteidigungskriegen sind Eroberungsfeldzüge geworden, aus Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit eine Losung, die den Völkern nicht Befreiung bringt, sondern Unterwerfung. Napoleon, ein Revolutionär in seiner Art, stampft die bis in Einzelheiten noch heute funktionierende moderne Republik aus dem Boden. Er beseitigt, wo sie der kapitalistischen Ökonomie im Weg steht, die jahrhundertealte Feudalordnung, geht mit den Eliten von gestern Kompromisse ein und paktiert mit denen von morgen, den Machthabern der Banken, des Handels, der entstehenden Industrie. Im Konkordat mit Papst Pius VII. gibt er im Sommer 1801 der katholischen Kirche in der Revolution enteignete Immobilien zurück. Die Kurie anerkennt dankend Republik und Glaubensfreiheit und ordnet sich einstweilen unter.

»Geschrieben auf Bonaparte«

Am 8. April 1802 schreibt Beethoven an seinen Leipziger Verleger Hoffmeister. Zu Ehren Bonapartes hatte sich die Gräfin von Kielmannsegge vom großen Meister eine Revolutionssonate gewünscht. Die Antwort: »Reit Euch denn der Teufel insgesamt meine Herren – mir vorzuschlagen, eine solche Sonate zu machen? – Zur Zeit des Revolutionsfiebers – nun, da wäre das so etwas gewesen, aber jetzt, da sich alles wieder ins alte Gleis zu schieben sucht, Bonaparte mit dem Papste das Konkordat geschlossen – zu diesen neuangehenden christlichen Zeiten – so eine Sonate? (…) – hoho! – da lasst mich aus, da wird nichts daraus.«

Wenige Zeilen später bietet er die Sonate dann doch feil. Aber die Verknüpfung mit der Revolution stellt er erst in der 3. Sinfonie Es-Dur her, der »Eroica«. Missing Link ist die Gestalt Napoleons. Ursprünglich, erzählt sein Schüler Ferdinand Ries, habe Beethoven die Sinfonie dem Korsen nicht nur widmen, sondern sie auch nach ihm benennen wollen. Auf dem Titel, so berichten Zeitgenossen, welche die Partitur in Beethovens Arbeitszimmer auf dem Tisch haben liegen sehen, soll groß der Name Bonaparte gestanden haben, darunter kleiner der Name Beethovens. Ries ist der erste, der Beethoven von der Kaiserkrönung des Ersten Konsuls im Mai 1804 unterrichtet. Der Komponist gerät außer sich: »Ist der auch nicht anders wie ein gewöhnlicher Mensch!« soll er ausgerufen haben. »Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!« Auch ob er das Titelblatt danach tatsächlich zerriss, ist zweifelhaft. Es gibt eine Titelblattkopie, auf der jemand Napoleons Namen, gerade noch lesbar, mit der Rasierklinge derart gründlich zu entfernen trachtete, dass das Papier an dieser Stelle ein Loch hat. Später kritzelte der Komponist mit Bleistift erneut die Worte »Geschrieben auf Bonaparte« auf die Partitur. Als der Bewunderte 1821 starb, meinte Beethoven, den Marcia funebre der »Eroica« im Sinn, er habe die Musik dazu schon vor langer Zeit komponiert. Sein Verhältnis zu Napoleon schwankt bis zuletzt.

Napoleon ist das Idol des politisch erwachenden Bürgertums. Aufgestiegen wie niemand vor ihm von einer der unteren bis zur höchsten Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie, zieht er Träume auf sich. Und nicht zu vergessen: Er liquidiert ein seit dem Mittelalter verhasstes Gewaltsystem und setzt an seine Stelle mit großer Genialität ein moderneres.

Musik der Utopie

In der »Eroica«, an der Beethoven seit etwa 1803 arbeitet, höre ich das Selbst- und Zeitgefühl der neuen Klasse – zwiespältig, kompliziert und heroisch wie das Bild ihres korsischen Helden. Gleich nach den zwei resoluten, die Tonart befestigenden Jetzt-rede-ich-Schlägen des Beginns hebt das Thema des ersten Satzes an. Im engeren Sinn ist es kein Thema, es erfüllt und rundet sich nicht, darin ähnelt es den Ideen des jungen Bürgertums. Aber durch sein ständiges Wiederauftauchen hält es, ein Motor der Entwicklung, den ersten Satz zusammen. Der ist so lang, wie beim heranwachsenden Mozart eine ganze Sinfonie. So etwas verstört die Leute. Das Riesengebilde hat, wie die Leinwand eines großen Zeppelin, allerdings unzählige, wohlüberlegte Spanten und Streben, die den gewaltigen Bau aufspannen und stabilisieren, damit er fliegt. Das dynamische Nichtganz-Thema nimmt die verschiedensten Gestalten, Farben und Haltungen an. Von tastend umdunkelt und pastoral erleuchtet über sprungbereit und heiter bis zu aggressiv herrscherlich, in der Schlussapotheose triumphal. Kluge Leute hören im ersten Satz auch eine schon hier zu bemerkende, die Ambivalenz seiner Napoleon-Sicht reflektierende, komische Distanz Beethovens zum heldischen Pathos. Das Finale hat für zweihundert Jahre die Interpreten auf eine nebennapoleonische Zweitspur gebracht. Sein Material verdankt sich einem Kontretanz aus Beethovens Ballettmusik »Die Geschöpfe des Prometheus« und deren Basslinie. Auch der Prometheus-Mythos, ein Lieblingsbild der aufgeklärten Elite, taugt ergiebig zu außermusikalischer Interpretation der »Eroica«. In beiden Mythen geht es ums Ethos starker, den herrschenden Welt- und Himmelsordnungen trotzender Menschen. Idee und Herz gehen in vielen Arbeiten Beethovens ineinander auf; Hymne und Lyrik, Manifest und Beichte verschmelzen. In der »Eroica« behalten auf Höhe widerstreitender Bewegung die Ideen die Oberhand. Die Behauptung, Heroen machten Geschichte, ist ohnehin so unbewiesen wie die Wiedererkennbarkeit einer im Zentrum einer Komposition stehenden Persönlichkeit Glücks- oder Ansichtssache.

Mit der »Eroica« sprengt Beethoven alles, was an der mit Mozart und Haydn gerade erst konsolidierten Form der Sinfonie für ihn zur Fessel geworden ist. Während aber bei den beiden anderen die einzelnen Abschnitte der Expositions- und Reprisenteile noch eine verhältnismäßig lockere strukturelle Gliederung aufweisen, erscheinen sie bei Beethoven zu geschlossenen, eng miteinander verklammerten und aufeinander bezogenen Komplexen zusammengefasst, die bewusst in den Verlauf einer zielgerichteten Gesamtentwicklung eingebaut werden und in ihrer expansiven Dynamik zu immer neuen Höhepunkten bzw. Spannungsentladungen drängen (Joachim Hecker). In diesem, die Welt der Sinfonie erschütternden Werk eilt Beethoven einer Geschichte voraus, deren Gegenwart – von ihm mitkomponiert – nur Enttäuschungen zu bieten hat. Er verliert Illusionen. Wie vieles, was ihr noch folgt, ist die Quintessenz der »Eroica« die Utopie. Sie nimmt vorweg, »was noch nicht da ist« (Ernst Bloch), vollendet das Thema, ohne es zu vollenden.

Adlige Förderer

Das Palais Lobkowitz in Wien befand sich von 1745 bis 1980 im Besitz der Familie gleichen Namens. Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz (1772–1816), ein vorzüglicher Geiger, findet sein Glück offenbar darin, ein unermessliches Vermögen mit vollen Händen zur Förderung der Musik aufs Spiel zu setzen. Er wird unsterblich durch seine Großzügigkeit Beethoven gegenüber; ihm hat der Tonsetzer mit der 3., der 5. und 6. Sinfonie gleich drei seiner wichtigsten Werke gewidmet. Für die Proben zur »Eroica« stellt Lobkowitz einen sich damit in ein Symphony Lab verwandelnden Saal seiner Wiener Großimmobilie zur Verfügung. Beethoven experimentiert im Palais Lobkowitz. Er sammelt abends die »Eroica«-Stimmen ein und legt sie morgens mit den frisch eingetragenen Veränderungen einer oft gänzlich innovativen Satztechnik und Kombination der Instrumente wieder auf die Pulte. Lobkowitz erwirbt für am Ende rund 1.100 Gulden die Widmung und für ein über die üblichen sechs Monate weit hinausgehendes Jahr die exklusiven Aufführungsrechte. Am 7. April 1805 wird die Sinfonie im Theater an der Wien erstmals öffentlich. Zuvor kann der Fürst sich in mehreren vor der eigentlichen Uraufführung in seinen prachtvollen Schlössern und Stadtpalais im nordböhmischen Raudnitz an der Elbe, in Wien und Prag stattfindenden Privataufführungen als Großmäzen in Szene setzen. Zu Gast auf Schloss Raudnitz ist 1804 der hochmusikalische Preußenprinz Louis Ferdinand. 1796 begegnete ihm Beethoven erstmals anlässlich seines Aufenthalts am Berliner Hof. Er widmet ihm 1803 sein 3. Klavierkonzert. Das Leben des aristokratischen Musikfreunds, er ist zwei Jahre jünger als Beethoven, wird 1806 auf dem Schlachtfeld enden. Den Königssohn und den genialen Sohn eines gescheiterten Kleinbürgers verbindet eine vor Kenntnis pulsierende Liebe zur Musik; sie begegnen einander auf Ohrenhöhe. Louis Ferdinand ist so begeistert von der neuen Sinfonie, dass er die Aufführung nach dem ersten Hören gleich zweimal wiederholen lässt.

Die Orte der »Eroica« sind Allegorien der Veränderung. Die Sinfonie wird in den kostbaren Gated areas des Spätfeudalismus zur Vollendung gebracht. Uraufführung ist im Theater an der Wien, vormals das kleine Freihaustheater in der Vorstadt Wieden, wo Mozarts Zauberflöte das Bühnenkerzenlicht der Welt erblickte, jetzt ein Neubau am nahen Fluss Wien, der wahr gewordene Lebenstraum Emanuel Schikaneders, des Tausendsassas der damaligen Schaubühne. Mehr als 1.000 Plätze. Denn im Zuge bürgerlicher Identitätsfindung und wachsenden Wohlstands des Mittelstands beginnt sich das Publikum am Anfang des 19. Jahrhunderts zu erweitern.

Bei Lobkowitz geben sich derweil die Protagonisten die musikalischen Welt und ihre adeligen Bewunderer und Förderer die Klinke in die Hand. Die Mitglieder des Hofs und Hochadels, die Lichnowskys, Schwarzenbergs, Kinskys, Palffys und die Esterhazys lassen sich dort nichts entgehen. Beethoven bewegt sich zwischen ihnen wie ein Fisch im Wasser. Er ist abhängig vom Adel. Über den Adel entscheidet sich immer noch alles, was er zum Leben braucht. Zugleich bleibt er, der Privilegierte, sich in oft halsbrecherischer Weise treu, »in ihm lebt verlässlich ein erhaben plebejischer, dem Höfischen feindlicher Widerwille« (Adorno). Bei Lobkowitz hat er gleichwohl in gediegener Atmosphäre Gelegenheit, berühmte und von ihm interessiert beobachtete ausländische Kollegen wie Luigi Cherubini oder den Exwiener und jetzigen Pariser Ignaz Pleyel ­willkommen zu heißen, den er mit lässig dargebotenen Beweisen größter Kunst in Verlegenheit bringt.

Abwehr von Zudringlichkeiten

Beethovens Verhältnis zum Adel ist uneinheitlich. Fürst Lichnowsky und seine Frau bemühen sich um ihn. Sie bilden für lange Zeit eine der vielen Ersatzfamilien, in denen Beethoven die gerade für einen Einsamen wie ihn in manchen Momenten nötige Nähe und Vertrautheit findet. Aber sie mischen sich auch distanzlos in seine Herzens- und Berufsangelegenheiten ein. Als die Franzosen 1805 das Kaiserreich und seine Hauptstadt besetzen, bittet Fürst Lichnowsky um des lieben Friedens willen französische Offiziere in sein Schloss im mährisch-schlesischen Grätz. Beethoven weilt auch gerade dort, und natürlich will man ihn präsentieren, er soll vorspielen. Wo ist er? Auf seinem Zimmer. Man lässt ihn freundlich bitten. Er will nicht. Als der Fürst allzu heftig in ihn dringt, geht sein Schützling mit erhobenem Barocksessel gegen ihn vor. Nur Dank der beruhigenden Umsicht des Freiherrn von Gleichenstein wird Schlimmstes verhindert. Beethoven verlässt bei Nacht und Regen das Haus, er flieht ins nahe Troppau. Das erhalten gebliebene Autograph der »Appassionata« in seiner Tasche weist bis heute Wasserspuren auf. »Se non è vero, è ben trovato«, sagt der Italiener nach einem Diktum Giordano Brunos: »Ist es nicht wahr, so ist es trefflich ausgedacht.«

Gut belegt dagegen ist Beethovens Beziehung zum gesellschaftlich höchstgestellten seiner Schüler, Erzherzog Rudolph (1788–1831), jüngster Bruder des Kaisers Franz. Über die bei allen Habsburgern übliche musikalische Ausbildung hinaus hat er ungewöhnlich viel Sinn für die Musik. Er wird, wahrscheinlich 1808, Klavier-, später auch Kompositionsschüler Beethovens. Ihm sind wichtige Werke wie das 4. und 5. Klavierkonzert, das »Erzherzog-Trio« und wichtigste wie die »Hammerklaviersonate«, die »Missa solemnis«, die Sonate c-Moll op. 111 (ursprünglich Antonie Brentano zugeeignet) und die Große Fuge op. 133 gewidmet. Die Sonate »Les Adieux«, entstanden 1809 und 1810, verdankt sich den Empfindungen Beethovens während der »Flucht« des Erzherzogs vor den Wien nach einer vom noch Pariser Gesandten Fürst Metternich eingefädelten, dummdreisten Kriegserklärung Österreichs an Frankreich zum zweiten Mal besetzenden napoleonischen Truppen (der alte Haydn stirbt in dieser Zeit). Eine hübsche Geschenkidee für einen Zurückgekehrten. Beethoven weiß, was ihm der hohe Herr wert ist. Rudolph regelt im Hintergrund manches Problem für ihn, seine kaiserlich hoheitliche Hand bietet Schutz vor der Geheimpolizei; Beethoven ist berühmt, er ist ein Exot, man lässt ihn gewähren. Rudolph ist die sicherste Bank für einen Freiberufler, der sich ökonomisch, begründet und unbegründet, trotz seiner Erfolge vogelfrei fühlt.

Finanzielle Absicherung

1809 spielt Beethoven mit dem Gedanken, ein Angebot des Napoleon-Bruders Jérôme, König von Westfalen, anzunehmen und als hochbezahlter Hofkapellmeister nach Kassel zu gehen. Auf Vermittlung Gleichensteins und der guten jungen Beethoven-Freundin Gräfin Erdödy – er fährt oft hinüber auf ihr Gut in Jedlesee – bilden die Fürsten Kinsky und Lobkowitz mit dem Erzherzog ein Mäzenatentrio. Als Beethoven einen Vertrag unterschreibt, der ihm gegen nichts als seine Anwesenheit in Wien jährlich 4.000 Gulden zusichert (ein Wiener Lehrer verdient 75 Gulden), erfüllt sich – zumindest sieht es zunächst danach aus – eine andere seiner Utopien: Er kann sozial abgesichert, nur seinem Werk leben. Aber er lebt im Vorfrühling marktdominierter Herrschaft: 1811 lässt sich der Kaiser im »Finanzpatent« per Geldabwertung die im Interesse seiner Dynastie geführten Kriege wie üblich vom Volk finanzieren. Beethovens vertraglich zugesicherte Einkünfte verlieren erheblich an Kaufkraft. Kinsky stirbt 1812 bei einem tragischen Reitunfall. Lobkowitz steuert seit langem auf die Insolvenz zu. Beethoven prozessiert erfolgreich und erhält 1815 schließlich 3.400 Gulden zugesprochen. Nur hat die »Wiener Währung« seit dem Finanzpatent extrem an Wert verloren, ihm bleiben von seiner Rente 1.360 Gulden. Erzherzog Rudolph ist bis zuletzt die einzig zuverlässige Geldquelle. Man mag erwägen, ob es Freundschaft war, die den Musiker und den nicht unsympathischen jüngsten Kaiserbruder verband – oder doch eher die kluge Umsicht des trotz seiner Berühmtheit ökonomisch und politisch nie wirklich abgesicherten Untertanen?

Verstörte Auftraggeber

Noch ganz im althergebrachten Verhältnis des subalternen Künstlers zum feudalen Auftraggeber steht Beethoven zum Fürsten Esterhazy, einem knapp unter dem Kaiser rangierenden Mächtigen aus dem ungarischen Teil der Donaumonarchie. Die 1807 für ihn komponierte Messe C-Dur ist ein Namenstagsgeschenk für die verstorbene Fürstin. Entworfen im Geist der großen Messen Haydns, ist sie dem Riesenschatten der »Missa solemnis« in 200 Jahren nicht entkommen. Von ihr, der C-Dur-Messe, glaubt er, »dass ich den Text behandelt habe, wie er noch wenig behandelt worden«. Der Anspruch auf musikalische Neulandgewinnung kommt damit nun auch in einer Kirchenmusik zum Tragen, in der das Sinfonische ins Sakrale vordringt. Über den Chören ab dem Gloria hängt nicht mehr das Erlöser- oder Madonnenkreuz, sondern die Trikolore von vor dem Thermidor. Verkündigung wird zu Kündigung. Der Blick der Singenden richtet sich nicht mehr nach oben, er ist geradeheraus. Keine Überraschung, dass der Auftraggeber nach der Aufführung in aus seiner Sicht verständlicher Verstörung auf den Komponisten zutritt und in der kongenial zum Sprechen gebrachten, leicht trotteligen Überheblichkeit seiner Klasse fragt: »Na, lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht?« Beethoven, so wird erzählt, ist längst verärgert über das ihm zugewiesene unfürstliche Quartier und dreht sich brüsk um, er reist ab; den Dokumenten nach verlässt er Eisenstadt zwar erst drei Tage später. Aber die Widmung an den Fürsten Esterhazy zieht er bei Drucklegung der Messe zurück. Er widmet sie dem Fürsten Kinsky.

Stefan Siegerts Band »Beethoven. 100 Seiten« erscheint im Reclam-Verlag. In der 100-Seiten-Reihe werden aktuelle und populäre Themen anschaulich präsentiert: Neben »Karl Marx«, »Feminismus« und »Antisemitismus« stehen dabei Themen wie »Plastik« und »Seuchen«, jeweils verständlich und unterhaltsam aufbereitet und mit Infografiken versehen.

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