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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
»Kommando Bodo Ohneland«

Erster Erfolg für neues Aussteigerprogramm: Linke Terrororganisation aufgeflogen

Von Pierre Deason-Tomory
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Die Attentäterin zeigte Nerven, ließ den vergifteten Blumenstrauß fallen und ist dann in einer schwarzen Limousine geflüchtet. Fahndung eingeleitet.

In Nordrhein-Westfalen haben Innenministerium und Verfassungsschutz ein Aussteigerprogramm für Linksextremisten gestartet (jW berichtete am 7. Februar). Antifas, Autonomen und anderen Radikalen werden Hilfen und Schutz angeboten, wenn sie die linke Szene verlassen wollen. Im Gegenzug erhoffen sich die Sicherheitsbehörden in NRW von den Aussteigern brisante Informationen über ihre Organisationen. Das Programm ist erfolgreich angelaufen, wie eine Dienstbesprechung der vergangenen Woche belegt.

Wie viele haben schon angerufen?

Zehn offensichtliche Trittbrettfahrer, Herr Abteilungsleiter, acht, die uns eine Zahnzusatzversicherung verkaufen wollten, sechs depressive Sozialdemokraten und vier Nazis, die das Ausstiegsangebot falsch verstanden haben.

Was haben Sie denen gesagt?

Dasselbe wie immer: Schön weitermachen, Kameraden!

Gut. Sonst? Keine brauchbaren Fälle?

Doch, Herr Abteilungsleiter, zwei dicke Fische. Freke Kurras und Dagobert Urbach von der Berliner »Bewegung 14. Februar«.

Tatsächlich!

Die beiden sind direkt ins Büro gekommen und haben sich gegenseitig vorgeworfen, den anderen zu bedrohen, weil er aus der Gruppe aussteigen wolle.

Was haben Sie mit ihnen gemacht?

Sie werden seit 24 Stunden getrennt voneinander befragt.

Sehr gut. Haben Sie sie zum Reden gebracht?

Ja, mit der Sonderbehandlung »B. K. A. zehntausend.«

Mhm?

Bier, Koks und Amaretto, Herr Abteilungsleiter, obendrauf 10.000 Euro aus dem Projektfond »Dönermorde«.

Glaubwürdig?

Unbedingt. Ihre Aussagen stimmen alle überein.

Erkenntnisse?

Wir wissen jetzt schon fast alles. Terroraktionen, Hintermänner, Strukturen.

Der Reihe nach.

Jawohl, Herr Abteilungsleiter. Die Terroraktionen: Ein »Kommando Egon Krenz« sollte Friedrich Merz entführen, geriet aber in eine Verkehrskontrolle. Die Terroristen mussten das Fluchtauto stehenlassen, weil der Fahrer seinen Führerschein vergessen hatte. Wir überprüfen gerade, wer dieser Friedrich Merz ist.

O. k.

Ein »Kommando Pol Pot« sollte das Bundeskriminalamt in die Luft jagen. Der Plastiksprengstoff entpuppte sich aber als ein Polenböller, und als das auf dem Kommandoplenum ausgewertet wurde, haben die Terroristen zwölfeinhalb Stunden darüber diskutiert, ob man »Polenböller« noch sagen darf. Bei der anschließenden Prügelei wurde dem Genossen Otto Feige das linke Ohr weggesprengt.

O. k.

Ein »Kommando Achim Mentzel« hat am Landwehrkanal in Berlin drei Schwäne vergiftet zum 50. Jahrestag vom, Moment – zum 52. Jahrestag des Puddingattentats vom Chicago Haymarket.

Beweismittel beschlagnahmt?

So gut wie, Herr Abteilungsleiter. Die Berliner Kollegen suchen den Kanal ab und haben bisher einen erdrosselten Waschbär, zwei rituell gekreuzigte Enten und eine verweste Frauenleiche gefunden.

Sonst noch was?

Ein »Kommando Bodo Ohneland« hat einen Anschlag auf den eben erst gewählten Thüringer Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich verübt. Die Attentäterin zeigte aber Nerven, ließ den vergifteten Blumenstrauß fallen und ist dann in einer schwarzen Limousine geflüchtet. Fahndung eingeleitet.

Hintermänner?

Die »Bewegung 14. Februar« erhält internationale Unterstützung, unter anderem vom FSB, der Hamas, dem Mossad und den Inglourious Basterds.

Strukturen?

Die Terrororganisation wird von einer Imbissbude namens »Futterluke« im Wedding aus gesteuert. Inhaber sind eine gewisse Brigitte Mira und ihre lesbische Freundin Agathe Konnopke. Sie verbinden als Kommunikationszentrale die 30 Kommandos mit dem untergetauchten »Genossen Nummer eins«.

Und wer ist das?

Das haben die Aussteiger noch nicht verraten, Herr Abteilungsleiter. Der eine will mehr Koks und der andere ein Sakko von Vanzetti.

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