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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Bildende Kunst

Diese Kunst geht nicht unter

»Der sachliche Blick in der DDR« – eine Ausstellung in der Rathaushalle Frankfurt (Oder)
Von Peter Michel
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Monika Geilsdorf: Selbstbildnis, 1976, Öl und Tempera auf Hartfaserplatte, 51,8 mal 38,8 cm

Manch Ausstellungsmacher hat Schwierigkeiten beim Betiteln seiner Exposition. Man will Neugier wecken, möglichst viele Besucher anlocken – die Kosten der Präsentation von Kunstwerken wenigstens teilweise wieder hereinbekommen –, also wählt man Titel, die am Wesen des Gezeigten vorbeigehen. Und wo es sich um Werke aus der DDR handelt, gibt man gern noch die gewünschte Rezeptionsrichtung vor, auch wenn die Exponate das nicht hergeben.

»Aufstieg und Fall der Moderne« hieß vor Jahren eine Ausstellung in Weimar, in der Nazikunst freundlich behandelt und Kunst aus der DDR in den Orkus der Geschichte verbannt werden sollte. Der Titel hatte mit der Ausstellung nichts zu tun. »Vor der Kunst« war die Überschrift einer Schau an der Kunsthochschule Dresden mit Arbeiten von Absolventen aus den Jahren 1967 bis zur »Wende«, die das hohe Niveau der Ausbildung zu DDR-Zeiten deutlich machte; der Titel war ein Resultat schlichten, mechanistischen Denkens – als sei man nach dem Diplom automatisch Künstler.

»Utopie und Untergang« hieß eine Bilderschau im Kunstpalast Düsseldorf; womit suggeriert wurde, die Kunst aus der DDR sei untergegangen. Das ist sie nicht. »Ende der Eindeutigkeit« nannten Ausstellungsmacher ihre Präsentation von Malerei der X. Kunstausstellung der DDR im Dresdener Stadtmuseum, so als sei die »Eindeutigkeit« – verstanden als von der Partei gefordertes plakatives, agitatorisches Denken, also platter »sozialistischer Realismus« – erst mit der X. Kunstausstellung 1987/88 beendet gewesen (vergleiche jW vom 30.10.2019).

Muss es immer eine Schublade sein, in die man unterschiedlichstes künstlerisches Denken und individuelle Handschriften zwängt? Dessen waren sich die Organisatoren der Ende Januar in der Rathaushalle Frankfurt (Oder) eröffneten Ausstellung »Der sachliche Blick in der DDR« durchaus bewusst. Wer sich in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ein wenig auskennt, verbindet mit diesem Titel sofort Gedanken an die »Neue Sachlichkeit« und den »Verismus« (von lateinisch verus, wahr) der 1920er Jahre. In den Texten zur Ausstellung wird herausgearbeitet, dass die ausgewählten 80 Bilder und Plastiken von 46 Künstlern keine einheitliche stilistische Haltung repräsentieren, sondern bei aller Differenziertheit etwas Gemeinsames haben: einen kritischen Bezug zur Realität, »verbunden mit einer gleichzeitigen Verankerung in einer akademisch-handwerklichen Tradition des Gegenständlichen«.

Konsequent durchgehalten wird diese Konzeption nicht. Den Plastiken von Christa Sammler, Gerhard Lichtenfeld und Heinrich Drake und dem Gemälde »Charitas« von Susanne Kandt-Horn fehlt der kritische Blick; da wird die Schönheit des Lebens gefeiert. Und Konrad Knebel poetisiert bei aller Detailtreue seine Stadtlandschaft in einer Weise, die das Sachliche weit hinter sich lässt und zu einer Elegie wird auf erhaltenswerte, mit Menschenschicksalen erfüllte Altbauten.

Der Gesamteindruck der Ausstellung aber wird von Werken bestimmt, die ihrem Titel vollkommen entsprechen. Es ist ein Genuss und eine Herausforderung, sie wiederzusehen: die Selbstbildnisse von Monika Geilsdorf, Erich Gerlach, Ulrich Hachulla, Rudolf Nehmer, Curt Querner und Volker Stelzmann oder die konsequent in der Tradition eines Otto Dix stehenden veristischen Malereien von Clemens Gröszer und Harald K. Schulze. Uwe Pfeifers Werke gegen Konsumdenken, Spießertum, Verantwortungslosigkeit der natürlichen Umwelt gegenüber, gegen Entfremdung und Tristesse haben ihre Aktualität ebensowenig verloren wie die scheinbaren Bilderrätsel von Wolfgang Mattheuer, in denen Gesellschaftliches und Privates aufeinanderprallen.

Alle Arbeiten stammen aus dem Bestand des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst. Sie zeigen den Reichtum einer Sammlung, die als »Galerie Junge Kunst« 1965 gegründet und bis 1983 vom verdienstvollen Leiter Karl-Heinz Maetzke geleitet worden war. Ostdeutsche Kunst steht auch heute im Mittelpunkt. Und es ist eine Freude zu erleben, dass man diese Werke nicht als politisches Vehikel gegen die DDR nutzt, sondern mit kunstwissenschaftlicher Akribie interpretiert, also ernst nimmt.

Noch bis 3. Mai, Di. bis So., 11 bis 17 Uhr, Rathaushalle Frankfurt (Oder), Marktplatz 1, Eintritt vier, ermäßigt drei Euro

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