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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Endstation Sehnsucht

Nach rauschenden Jahren ist der FC Barcelona auf der Suche nach sich selbst
Von Rouven Ahl
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Es war einmal: 2015 gewann Barça zuletzt die Champions League

Ein schönes Fußballspiel zu beobachten kann eine ähnliche Wirkung entfalten wie das Ansehen eines bewegenden Films oder die Lektüre eines beeindruckendes Buch: Man fühlt sich nach dessen Ende eigenartig erschöpft, emotional ausgelaugt – aber auch glücklich.

Der FC Barcelona hat in der Zeit zwischen 2008 und 2012 einige dieser Spiele geboten. Quasi als Referenzwerk dieser Phase steht für immer das Finale der Champions League 2011 gegen Manchester United in den Fußballannalen, als Barca beim 3:1-Erfolg das Kunststück schaffte, sich am eigenen Spiel zu berauschen, ohne dabei den Kopf zu verlieren.

Der gegnerische Trainer Alex Ferguson sagte in der anschließenden Pressekonferenz, nie eine bessere Mannschaft gesehen zu haben. Beim Blick auf die aktuelle Situation des katalanischen Vereins fällt es als Fußballfans schwer, nicht in Melancholie zu schwelgen. Unter Trainer Pep Guardiola zelebrierte man die hohe Kunst des ballbesitz- und kurzpasslastigen Positionsspiels. Nach dessen Abgang 2012 wich es Stück für Stück dem Pragmatismus.

Das wirkte sich letztlich auch auf den sportlichen Erfolg aus. Im Endspiel der Königsklasse, immer das erklärte Ziel der Katalanen, gewissermaßen ihr Sehnsuchtsort, stand der Klub zuletzt 2015. Damals schlug das Team von Luis Enrique dank des Dreiergespanns Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar Juventus Turin mit 3:1. Ein letzter Gruß.

Der Erzrivale Real Madrid gewann den Henkelpott seitdem dreimal in Folge (2016–18). Auch wenn die Madrilenen dabei nicht ansatzweise das Flair und die Großartigkeit des früheren FC Barcelonas versprühten – der Stachel sitzt tief. Vor allem da man selbst in den letzten beiden Jahren gegen den AS Rom und den FC Liverpool nach guter Ausgangsposition jeweils im Rückspiel grandios scheiterte.

Momentan liegt der FC Barcelona hinter Real Madrid zudem nur auf dem zweiten Platz der spanischen Liga, zuletzt flog man gegen Athletic Bilbao aus dem Pokal. Bereits zuvor musste Trainer Ernesto Valverde gehen, unter dem nicht mehr viel übrig blieb vom klassischen Spiel Barcas, der aber immerhin zwei Meisterschaften holte.

In der Außendarstellung gibt der Verein, der von sich stets behauptet »mehr als ein Klub« zu sein, ebenfalls kein gutes Bild ab. Zuletzt zoffte sich Sportdirektor Eric Abidal öffentlich mit Teilen der Mannschaft. Der Spiegel schrieb im Zuge dessen, der FC Barcelona stünde »am Rande einer Explosion«.

Wie ein Blick in die Geschichte zeigt, sind solche Zustände nichts Ungewöhnliches beim 26fachen spanischen Meister. »Der FC Barcelona ist traditionell eigentlich ein sehr rastloser Verein, der immer wieder durch chaotische Strukturen und Machtkämpfe auffiel«, so Alex Truica, Chefredakteur des Internetportals Barcawelt.de, gegenüber jW. Die so strahlende Zeit unter Guardiola stellt laut Truica daher eine »Anomalie in der 120jährigen Geschichte dar«. Diese Ära »war etwas ganz Besonderes, der absolute Gipfel und damit eine Ausnahme und ein Sonderfall, der höchstwahrscheinlich nie mehr wiederholbar ist«.

Dafür spricht, dass damals mit u. a. Carles Puyol, Xavi, Andrés Iniesta und Lionel Messi gleich mehrere in der eigenen Jugendakademie »La Masia« ausgebildete Spieler das Rückgrat der Mannschaft bildeten. Dass selbst eine so renommierte Talentschmiede in kürzester Zeit wieder zwei der besten Mittelfeldspieler aller Zeiten (Xavi und Iniesta) hervorbringen könnte, ist höchst unwahrscheinlich.

Jeder Verein der Welt würde sich schwertun, Spieler dieser Art ersetzen zu müssen. Der FC Barcelona probierte es damit, viel Geld für große Namen auszugeben – Spieler wie Philippe Coutinho oder Ousmane Dembélé konnten die Erwartungen aber bislang nicht erfüllen. Auch der millionenschwere Transfer von Antoine Griezmann im vergangenen Sommer war nur schwer nachzuvollziehen. Die Jugendarbeit dagegen wurde in der jüngeren Vergangenheit eher vernachlässigt.

Auch die Suche nach dem passenden Trainer fiel schwer. Jetzt soll es zunächst Quique Setién richten, dessen Spielphilosophie eher der Barca-DNS entspricht. Schenkt man jedoch der Gerüchteküche Glauben, ist der 61jährige trotz eines Vertrags bis 2022 nur Platzhalter für einen Exspieler: Xavi.

»Xavi gilt als designierter Barca-Coach der Zukunft – die Frage ist, wie nah diese Zukunft sein wird«, erklärt Truica. Seine Rückkehr wäre ein nostalgischer Akt, Ausdruck einer tiefsitzenden Sehnsucht nach alter Glorie. Und ein Versprechen: Auch der Trainer Xavi gilt als Pep Guardiolas Meisterschüler.

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