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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Blind für die Welt

Laura Linnenbaum inszeniert Maxim Gorkis »Kinder der Sonne« am Staatsschauspiel Dresden
Von Erik Zielke
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Wo bleibt sie bloß, die große Veränderung? (Szenebild)

»Kinder der Sonne«, jenes Drama, das Maxim Gorki 1905 unter dem Eindruck des Sankt Petersburger Blutsonntags schrieb, hatte in einer Neuinszenierung von Laura Linnenbaum am vergangenen Sonnabend am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Gorkis Stück ist ein Text aus vorrevolutionären Zeiten – und er kreist unaufhörlich um dieses Thema. Wo bleibt die große Veränderung, die doch dem Glauben der Intellektuellen an den Fortschritt so sehr entspricht? Wo bleibt die große Veränderung angesichts der hereinbrechenden Katastrophen in der Welt?

Die Hauptfigur Pawel Fjodorowitsch Protassow, in Dresden von Oliver Simon dargestellt, widmet sein Leben ganz der Forschung. Er ist Chemiker und überzeugt von der Allmacht der Wissenschaft und davon, dass sie letztlich das Leben zum Besseren wandeln wird. Er steht im Mittelpunkt des Geschehens – und interessiert sich kaum für das Geschehen um ihn herum. Auch nicht für seine Frau Jelena Nikolawjena, die sich ungeliebt dem Studienfreund ihres Mannes, Dimitrij Sergejewitsch Wagin, hingibt. Wagin ist den Naturwissenschaften abtrünnig geworden und sucht sein Glück in der Malerei. Auch Protassow wird begehrt, nämlich von der reichen Witwe Melanija, deren Begeisterung obsessiv und blind wird. Sie ist die Schwester von Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj, einem grundsätzlich optimistisch gestimmten Tierarzt, der allerdings am Leben scheitert. Er ist verliebt in Lisa, Protassows Schwester, die ihn jedoch abweist. Tschepurnoj sieht seinen Ausweg allein im Freitod.

Im Grunde aber sind sie alle Kinder der Sonne, kraftvoll, strahlend – und doch endlos um sich selbst kreisend. Sie alle sehen der Zeitenwende entgegen – in ihrer Wissenschaft, in ihrer Kunst –, und doch gelingt ihnen keine soziale Beziehung. Sie alle sind blind für die Bedürfnisse der Menschen in ihrem Umfeld und sehen noch weniger, was in der Welt draußen vor sich geht. Die Choleraepidemie fordert Todesopfer, und für Protassow und seine Wegbegleiter ändert sich scheinbar nichts. Erst als ihn Vorwürfe treffen, er bliebe untätig, die Cholera sei eine Verschwörung, sieht er sich mit der Realität konfrontiert – und bleibt abermals passiv.

Der Blick auf die Fabel des Stücks offenbart viele Parallelen zur Gegenwart: Wem fielen nicht entsprechende Phänomene im Hier und Jetzt ein, wenn es um die Ignoranz gegenüber den »einfachen Menschen« geht, um grassierende Epidemien, die Selbstbezogenheit der Intellektuellen, die Adressierung der falschen Schuldigen angesichts von Katastrophen? Laura Linnenbaum macht daher nicht den Fehler, pädagogisch Aktualisierungen vorzunehmen. Sie siedelt ihre Inszenierung von »Kinder der Sonne« in einer unbestimmten Zeit an und vertraut auf Gorkis Text. Die Kostüme sind reduziert, erinnern an ein vergangenes Gestern und werden mit modernen Elementen kontrastiert (Kostüme: David Gonter). Der Bühnenbildner Valentin Baumeister hat ein einfaches, aber doch zutiefst wirksames Bild für die Situationen in Gorkis Stück gefunden: Die Drehscheibe auf der Dresdner Bühne lässt er beleuchten. Die Sonnenmetapher wird unaufdringlich transportiert. Und auch das ewige Kreisen, das einem Stillstand gleicht, wird durch die beharrlich drehende Bühne deutlich. Nicht zuletzt zeigt sich bei dieser Bühnenanordnung die Teilung der Gesellschaft: Die Intellektuellen um Protassow stehen im Rund, verschließen die Augen vor allem, was draußen vor sich geht, und empfinden die wenigen Berührungen mit der ihnen fremden Welt als Eindringen in ihr Terrain.

Linnenbaum nimmt die durch den Text aufgeworfenen Probleme sehr ernst. Die Erzähllust der Regisseurin ist zu spüren. Schwächen sind da verzeihlich: Im ersten Drittel der Premiere bleiben die Figuren zum Teil etwas leblos; gelegentlich hätte man sich hier einen etwas stärkeren Regiezugriff gewünscht. Spätestens nach der Pause aber nimmt die Inszenierung deutlich an Fahrt auf. Die trennenden Linien werden scharf ins Spiel übertragen. Am Ende des Abends, die persönlichen Katastrophen haben die Figuren längst ergriffen, treten 19 Kinder auf die Bühne. Stumm blicken sie auf das Geschehen, das doch jedem verächtlich, im besten Fall lächerlich vorkommen muss. Vielleicht handelt es sich um eine Reminiszenz an die Fridays-for-Future-Bewegung, sicher aber um ein Sinnbild der Verantwortungslosigkeit der scheinbar Engagierten mit einem scheinbar richtigen Bewusstsein. In einem letzten Bild, bevor der Premierenapplaus beginnt, treten die Kinder an den Bühnenrand und mahnen: »Hört auf über die Zukunft zu reden, wenn es um unsere Gegenwart geht!«

Nächste Vorstellungen: 15. und 24.2., je 19.30 Uhr

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