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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Fotografie

Am Strand

Fotofgrafien von Akinbode Akinbiyi im Berliner Martin-Gropius-Bau
Von Maximilian Schäffer
S 10.jpg
Aus der Serie »Sea Never Dry«: Bar Beach, Victoria Island, Lagos (2006)

Ganz oben, im Dachgeschoss des Martin-Gropius-Baus zu Berlin, gibt es seit dem 7. Februar eine sehenswerte Fotoausstellung: »Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air« (dt.: Sechs Gesänge, die anmutig durch die spöttische Luft wirbeln). Der britisch-nigerianische Künstler Akinbode Akinbiyi lebt seit den frühen 90er Jahren selbst in Berlin. Die sechs Serien, ausgestellt in sechs Räumen, reflektieren u. a. die sich wandelnde Hauptstadtmetropole im Vergleich zur übrigen Welt. In »African Quarter« etwa dokumentiert Akinbiyi das Leben im »Afrikanischen Viertel«. Noch vor dem Ersten Weltkrieg von Carl Hagenbeck als rassistisches Zooprojekt mit »Menschen und Tieren in authentischer Umgebung« geplant, steht der Ortsteil Wedding heute für multikulturelles Neben- und Miteinander. Nicht nur dunkelhäutige Mitbürger fühlen sich beim Flanieren in der Togostraße wegen der deutschen Kolonialgeschichte unangenehm berührt. Dass im U-Bahnhof Afrikanische Straße eine Mercedes-Benz-Werbung im Stil traditionsreicher kongolesischer Schildermalerei prangt, ist da nur ein weiteres zynisches Zeichen von vielen.

Dem Kapitalismus auf der Spur ist der 74jährige, Teilnehmer der Documenta 14 (2017), in einer fotografischen Untersuchung zu Kaugummiautomaten und Sofortbildern. Kinder wie Erwachsene wollen bekanntlich schnell und viel kaufen – eine Entwicklung, die bei Süßigkeiten anfängt und beim Sex nicht aufhört. Die Angebote ähneln sich weltweit, die Leute konsumieren mehr oder weniger das gleiche, ob in Nigeria oder Deutschland. Interessanter als die in Deutschland entstandenen Bilder sind die mitunter ausgesprochen zauberhaften Aufnahmen aus Lagos. Highlight ist eine Kompilation mit dem Titel »Sea Never Dry« (etwa: Das Meer trocknet niemals aus), es geht um Meer und Magie. Profane wie religiöse Rituale an weißen Stränden, Menschenmassen schweifen in die Ferne, schwarze Hengste verstellen Touristen den Horizont. Und der Betrachter der Fotos staunt.

Dieses Staunen über Afrika – diese für europäische Augen beinahe zwangsläufig exotischen Ikonographien des Übernatürlichen – wurde bereits 1989 in der legendären Ausstellung »Magiciens de la terre« im Pariser Centre Georges Pompidou thematisiert. Jean-Hubert Martin stellte dort zum ersten Mal westliche und nichtwestliche Künstler gleichberechtigt nebeneinander, ganz ohne hierarchisierende Vergleichsabsicht (weiße Überlegenheit vs. schwarzer Primitivismus). Referenz im Centre Pompidou war die Documenta 5 (1972), bei der Harald Szeemann den Begriff der »individuellen Mythologien« eingeführt hatte. Auch die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ist weitgehend frei von hierarchisierenden völkerkundlichen Ansätzen – eine nicht zu unterschätzende Leistung der Verantwortlichen Natasha Ginwala, geht es Akinbiyi nicht zuletzt um interkulturelle Transgression. Angesichts einer gegenwärtig von postkolonialen Diskursen geprägten Kunstgeschichte ein durchaus heikles Unterfangen.

Connaisseure der Fototechnik wissen die ausgestellten Arbeiten auch deshalb zu schätzen, weil Akinbiyi ein sehr klassischer Fotograf ist. Die meisten seiner Negative produziert er mit einer zweiäugigen Spiegelreflexkamera der Marke Rollei. Die TLR-Mittelformatmaschine wurde knapp 80 Jahre lang nur minimal verändert. Sie verfügt über ein fest verbautes Objektiv und einen Bauchsucher mit Lupe, was zu interessanten Komplikationen führt: Die »Vorschau« des Bilds ist stets spiegelverkehrt, andere Brennweiten oder Zoom sind nicht oder nur eingeschränkt möglich. Der Fotograf muss deshalb anders denken, ist auch physischer in den Aufnahmeprozess involviert.

Ganz hinten, im letzten Raum, gibt es, sozusagen als Epilog, einen Dokumentarfilm zu sehen: Der Künstler wandert durch Lagos, redet mit Leuten, wirkt ernsthaft, geerdet, sympathisch. Danach kann man noch einmal zurückgehen und darüber staunen, wie dieser Mann es versteht, sein Unterwegssein in der Welt festzuhalten, ohne dass seine Eindrücke zur Postkartenidylle verkommen. Dazu braucht es, neben einiger Routine, große Weisheit.

»Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air«: Martin-Gropius-Bau, Berlin

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