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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 6 / Ausland
Sahelregion

Mali geht eigenen Weg

Regierung verhandelt mit Dschihadisten. Frankreich ignoriert Protest gegen Militärpräsenz und stockt weiter auf
Von Ina Sembdner
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Frankreich raus: Die malische Bevölkerung hat mehr Vertrauen in die eigene Armee (Ndaki, 29.7.2019)

Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ungeachtet aller Proteste weiter sein Truppenkontingent im Sahel erhöht, geht Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keïta einen anderen Weg. Er schickt seinen Vorgänger im Amt und derzeitigen Hohen Vertreter für die zentralen Regionen, Dioncounda Traoré, aus, um die Sicherheitskrise im Land mit Verhandlungen zu lösen. Beauftragt wurde er damit bereits am 20. Juni 2019, besondere Aufmerksamkeit erhielt das Thema aber erst diese Woche, als Keïta in einem Interview über erste Kontakte zu dschihadistischen Anführern sprach. Namentlich zu Iyad Ag Ghaly und Amadou Koufa. Ghaly führt die »Ansar Dine« an, deren Mitglieder für die Einführung der Scharia in Mali kämpfen. Koufa steht der islamistischen Miliz »Katiba Macina« vor, einer mit »Ansar Dine« verbündeten Gruppe, die vor allem in Zentralmali terroristisch aktiv ist. Traoré folgt dabei einem festgelegten Zehnpunkteplan.

Zehnpunkteplan

Zunächst soll die malische Armee die Kontrolle über alle Regionen des Landes, vor allem über Zentral- und Nordmali zurückerlangen. Im Hintergrund steht dabei das am 24. Juli 2014 ausgehandelte »Abkommen für Frieden und Versöhnung in Mali resultierend aus dem Algiers-Prozess«, in dem unter anderem vereinbart wurde, dass Exkombattanten in eine sogenannte rekonstituierte Armee integriert und alle Regionen des Landes wieder unter staatliche Kontrolle gebracht werden sollen. Das betrifft auch die Stadt Kidal, aus der sich die malische Armee 2014 zurückgezogen hatte und die seitdem von dschihadistischen Gruppen kontrolliert wird.

Ein neues Bataillon dieser rekonstituierten Armee ist nun seit Montag von Gao aus unterwegs, um das 300 Kilometer entfernte Kidal als ersten strategisch wichtigen Punkt wieder einzunehmen, wie die malische Nachrichtenagentur Amap am Dienstag meldete. Zu dieser 428 Mann umfassenden Truppe zählen neben regulären Soldaten Exkämpfer der »Koordination von Azawad-Bewegungen« (CMA) und der »Plattform«. Zu der CMA hatten sich 2014 die weitgehend säkulare Tuareg-Befreiungsbewegung MNLA und arabische Nationalisten zusammengeschlossen, nachdem sich die MNLA 2012 nicht mit der Ausrufung eines unabhängigen Staates Azawad im von Bamako vernachlässigten Norden Malis gegen internationale, vor allem aber französische Interessen, hatte durchsetzen können. Dies begünstigte das Vordringen und die bis heute andauernde gewaltvolle Präsenz dschihadistischer Gruppen nicht nur im Norden Malis. Die »Plattform« vereint laut der Denkfabrik »European Council on Foreign Relations« wiederum mehrere Gruppen, die grundsätzlich die staatliche Autorität Malis begrüßen, jedoch in lokale Scharmützel verwickelt sind und nach Macht auf kommunaler Ebene streben.

Gleichzeitig kündigte Frankreichs Verteidigungsministerium am 2. Februar an, statt der wie noch im Januar beim Gipfel in Pau angegebenen 220 Soldaten, jetzt weitere 600 Militärs in die Sahelregion zur Unterstützung der »Operation Barkhane« zu entsenden. Insgesamt wird dann allein dieses rein französische Kontingent nach eigenen Angaben 5.300 Personen umfassen. Daneben sind weitere 15.000 Soldaten und Polizisten über den UN-Einsatz Minusma im Sahel stationiert, rund 5.000 in der gemeinsamen Eingreiftruppe »G 5 Sahel«. Diese Entscheidungen fallen ungeachtet der Tatsache, dass es in Mali zunehmend heftigeren Widerstand gegen die französische Militärpräsenz im Land gibt und die Zahl der dschihadistischen Attacken in den vergangenen Jahren zudem deutlich zugenommen habt.

»Frankreich raus«

Am 10. Januar demonstrierten nach Angaben der Organisatoren mehrere tausend Menschen in Malis Hauptstadt Bamako für den Abzug aller ausländischen Truppen. Insbesondere wurde auf dem Platz der Unabhängigkeit der Rückzug Frankreichs gefordert (siehe jW vom 10.1.). Wie die französische Tageszeitung Ouest-France am selben Tag berichtete, war auf Transparenten unter anderem zu lesen: »Frankreich raus, Barkhane raus, die Fama (Forces armées malienne, Malische Streitkräfte, jW) können Mali schützen.« Für März ist bereits ein weiterer landesweiter Protest geplant.

Malis Regierung arbeitet indes weiter an ihrem Zehnpunkteplan. An zweiter Stelle ist die Entwaffnung aller Milizen und feindlichen Kräfte vorgesehen. Um die Ziele zu erreichen, kündigte Traoré an, zunächst die innergemeinschaftlichen Konflikte beenden zu wollen, wie das malische Nachrichtenportal Lindependant-Mali am 4. Februar berichtete. Der Krieg gegen den Dschihadismus werde dagegen lang und schwierig sein. Dies rechtfertige seine Entschlossenheit, auf die Anführer der Milizen zuzugehen.

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