Gegründet 1947 Sa. / So., 29. Februar / 1. März 2020, Nr. 51
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Wo ist die Indianertasche?

Claudia Kaisers und Martin Lickleders Kinderbuch »Im Reich der verlorenen Dinge«
Von Stefan Wimmer
Brand_eines_Wohnhaus_58389544.jpg
Brumm-brumm: Der Bär ist jedenfalls noch da

Auch wenn man üblicherweise einen großen Bogen machen sollte um Bücher, die vom Münchner Kulturreferat unterstützt wurden: Bei diesem kleinen, zauberhaften Werk – Martin Lickleders und Claudia Kaisers Kinderbuch »Im Reich der verlorenen Dinge« – kann man eine Ausnahme machen. Alles andere wäre ein Verlust.

Womit wir beim Thema wären, denn der Verlust ist das zentrale Thema dieser charmant bebilderten Fibel: das Verschwinden, Verlieren und Verjuxen von Gegenständen und anderen Entitäten. Ich, der ich zeitlebens ein Grundproblem mit abhanden gekommenen, vergessenen und unwiederbringlich verlorenen Dingen hatte (wahrscheinlich bin ich deswegen Schriftsteller geworden), war daher schon vom ersten Satz des Lickleder/Kaiser’schen Buchs in den Bann gezogen worden: »Erstes Kapitel, in dem viel gesucht, wenig gefunden und zu allem Überfluss auch noch etwas verloren wird.«

Meine Obsession mit sich verdünnisierenden Dingen ist nämlich so groß, dass ich selbst im Traum Situationen des Abhandenkommens durchlebe, und ich glaube fest an die Existenz von mächtigen Widersachern wie dem Sockenplaneten, dessen ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet ist, sämtliche Socken der Welt an sich zu saugen. Es sind also keine spleenigen Wahnvorstellungen, um die sich »Im Reich der verlorenen Dinge« dreht, sondern handfeste Wirklichkeiten.

Und so sieht es auch das zehnjährige Münchner Vorstadtkind Yvonne alias Ivi, die Protagonistin des Romans. Wie ehedem Paulinchen ist sie allein zu Haus, ohne viel elterliche Kontrolle. Ivi ist zwar sehr selbständig, aber auch sehr unordentlich, und so hat sie Tag für Tag ein gravierendes Problem: »Aber wo war der Stift dann hingekommen? Auf jeden Fall gehörte er auch zu den verschwundenen Dingen, Ivi schrieb also seufzend ›Schiffstift‹ auf ihre Liste. Und dann fiel ihr das Allerärgerlichste ein: die Indianertasche! Ivi verstand gar nicht, warum sie da jetzt erst drauf kam. Aber dann erinnerte sie sich: Letzte Woche war das passiert, und als sie entdeckt hatte, dass die Tasche verschwunden war, hatte sie sich den ganzen Tag grün und blau geärgert und an gar nichts anderes mehr denken können – und dabei musste wohl das mit Papas Zehner passiert sein. Und das hatte dann wiederum für so einen Aufstand gesorgt, dass sie das mit der Indianertasche ganz vergessen hatte. Dabei war diese Tasche ihre absolute Lieblingstasche gewe­sen: ganz aus gelben und roten Lederflecken, die mit gro­ben Stichen zusammengenäht waren, unten mit ganz vielen Fransen dran, dazu ein roter Riemen zum Umhängen, und zum Zumachen zwei riesige silberne Schnallen. So eine rich­tig tolle Indianertasche, das stand fest.«

Da das Schlüsselkind Ivi nun allerdings ein mutiges Mädchen ist, bricht es auf zu einer kleinen Heldenreise, und es ist beinahe magisch zu lesen, wie Lickleder und Kaiser es schaffen, die kindliche Gefühlswelt ihrer Pro­tagonistin sprachlich einzufangen und den Zauber der Kindheit nachzubilden, diese eigentümliche Mischung aus Pensée sauvage, Drolligkeit und Urängsten.

Zeitweilige Begleiter Ivis sind dabei die schrullige Nachbarin Frau Öttinger, die vermeintlich nicht ganz richtig unterm (Cowboy-)Hut ist, sowie Ivis Stofftier, der Bär – mit seinem so »verschmuddelten und abgeschabten« Fell, dass Ivi »ihn selbst nur noch Armer Bär« nennt.

Verschiedene Abenteuer müssen die Figuren bestehen, Reiche werden durchwandert, und in bester Tradition von E. T. A. Hoffmanns »Nussknacker und Mausekönig« strotzen Gegenstände vor Eigenleben, Armeen von Dingen marschieren auf, und die geöffneten Wirklichkeitsschleusen gebieren Ungeheuer. Dabei bemühen sich Lickleder und Kaiser bewusst, Kinderbuchklischees zu durchbrechen: Der Bär spricht wie ein pubertierender Halbstarker und nicht wie ein Schmusetier, und die Nachbarin Frau Öttinger hat beängstigend authentisch ihren Verstand verloren. Nirgends findet man das Zirkushaft-Menschelnde, das Kitschig-Naive, das dem magischen Realismus oftmals so unangenehm anhaftet.

Der ganze Text ist daher so ulkig-anarchisch wie eine Mischung aus Françoise Cactus und Tobias Smollett. Denn das schräge Autorenduo weiß, was bei einer fiebrig-absurden Märchenstunde zu tun ist. Nicht umsonst haben die beiden in diversen Popbands wie den Moulinettes und The Sound of Money widerborstige Musik gemacht.

In einem Showdown trifft Ivi dann den König Futsch – Verwalter diverser Imperien –, und das Buch endet mit einem Loblied auf Übermut und Abenteuer. Insofern hätte »Im Reich der verlorenen Dinge« es sogar verdient, verfilmt zu werden. Vom frühen Disney, von Georges Méliès oder von Victor Fleming, die alle drei ja leider ebenfalls schon unwiederbringlich vom Erdboden verschluckt sind.

Martin Lickleder und Claudia Kaiser: Im Reich der verlorenen Dinge. Hagebutte-Verlag, München 2019, 272 Seiten, 14,90 Euro

Mehr aus: Feuilleton