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Aus: Ausgabe vom 13.02.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

»Wir wollen Größenwahn«

Big City Club oder Investmentruine? Der Berliner Fußballverein Hertha BSC steht am Scheideweg
Von Jakob Hayner
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Vertrauter von »dem Lars«, wie er sagt: Extrainer Jürgen Klinsmann

Hertha BSC sei »das spannendste Fußballprojekt Europas«, sagte Jürgen Klinsmann. Doch nach nur elf Wochen verkündete er am Dienstag via Facebook und zur großen Überraschung der Vereinsspitze das Ende seiner Ära als Cheftrainer der »alten Dame«. Er beklagte fehlendes Vertrauen. Das überrascht vor allem, weil er in den letzten Wochen bei den Spieltransfers nahezu freie Hand hatte. Zwölf Millionen Euro bezahlte der Klub beispielsweise für Santiago Ascacíbar aus der Zweiten Liga, von Klinsmann prompt als einer der besten Bundesligaspieler auf der Sechserposition geadelt. Ein schwer haltbare Einschätzung. Aber eine teuer bezahlte.

Weltweit hat kein Fußballverein in der Winterpause mehr Geld für neue Spieler ausgeben als Hertha BSC. 25 Millionen Euro für einen defensiven Mittelfeldspieler aus Lyon, 18 Millionen Euro für einen Stürmer aus Leipzig und nochmals 23 Millionen Euro für einen Stürmer aus Mailand. Macht insgesamt fast 80 Millionen. Und das, nachdem man im Sommer mit der Verpflichtung eines mäßig talentierten Flügelstürmers für 21 Millionen Euro alle vereinsinternen Rekorde gebrochen hat. Dass das möglich wurde, hängt an dem Einstieg des Investors Lars Windhorst. Der galt als einst als von Helmut Kohl gefördertes Wunderkind der Tech-Branche, bevor er mit dem Platzen der Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre spektakulär pleite ging. Im Anschluss gründete er die Investmentgesellschaft Sapinda, die nun Tennor heißt. Mit der übernahm er 49,9 Prozent der Anteile der Hertha. Dass sich dieses Investment lohnen soll, hat Windhorst nie verschwiegen. Ein »Big City Club« solle der Verein werden – wie Manchester, Madrid oder Mailand. Hauptsache groß. Windhorst sei inzwischen sogar Fußballfan geworden, heißt es.

Eine der ersten Maßnahmen des Investors war, »den Jürgen« im Aufsichtsrat zu installieren. Klare Ansage: Auch in sportlicher Hinsicht wird künftig kein Weg mehr an Windhorst vorbeiführen, der die Mannschaft auch schon mal auf seine Luxusyacht in Florida zum Essen einlädt. Klinsmann ist ein Vertrauter von »dem Lars«, wie er ihn nennt. Als Klinsmann im vergangenen Herbst den Trainerposten übernahm und Neuverpflichtungen forcierte, versuchte Manager Michael Preetz sich in der Presse noch als Bremser und Mahner zu inszenieren. Ein durchschaubarer Versuch, den eigenen Absturz umzudeuten. Hinter den Kulissen haben sich die Machtverhältnisse gründlich geändert. Und bremsen ist in der neoliberalen Logik von Lars und Jürgen nicht vorgesehen. Wer bremst, verliert. Doch die sportliche Realität hinkt den Ansprüchen hinterher. Der Verein befindet sich im Abstiegskampf, aus dem Pokal ist man ausgeschieden.

Die Vorgeschichte: 2015 droht der hochverschuldeten Hertha der dritte Abstieg innerhalb weniger Jahre, der Trainer wird entlassen. Pal Dardai, der als ehemaliger Hertha-Rekordspieler bereits die Jugendmannschaften der Berliner und das ungarische Nationalteam trainiert, wird als Nachfolger berufen. In den folgenden Jahren stabilisiert sich der Verein. Mit dem Abstieg hat man nichts mehr zu tun, sondern schafft es mit einer Mischung aus defensiver Stabilität und offensiver Effektivität gar einmal bis in die Europa League und in die Qualifikation. Die Mannschaft wurde punktuell verstärkt, statt auf spektakuläre und teure Transfers setzte man auf Talente aus der eigenen Jugend. Mit beschränkten Mitteln erreichte Dardai überzeugende Ergebnisse. Das war nicht visionär, aber effektiv. Und reichte bald nicht mehr. Als säße noch Dieter Hoeneß in den Gremien, begann man von Champions League, Pokalsieg, gar Meisterschaft zu träumen. Dardai wurde entlassen, Windhorsts Einstieg beschlossen. Der beförderte Trainer der zweiten Mannschaft, Ante Covic, blieb glücklos, die Mannschaft konnte seine konfusen Vorgaben nicht umsetzen. Unruhe setzte ein.

Unter Klinsmann tönte man wieder von Champions League und Meisterschaft. Mit der Realität hatte das nichts zu tun. Die Mannschaft spielte schlechter als zu den Hochzeiten des Dardaischen Hochsicherheitsfußballs. Jedoch weitaus weniger erfolgreich. Die millionenschweren Neuverpflichtungen haben das Mannschaftsgefüge erschüttert. »Wir wollen Größenwahn«, sagte Arne Friedrich, der neue Performance-Manager des Klubs, wobei niemand so genau weiß, was für ein Posten das sein soll. Noch so eine Idee von Klinsmann. Es ist offensichtlich, dass Teile des Vereins mit aller Macht Hertha BSC als internationale Marke etablieren wollen. Seit Jahren müssen die Fans peinliche Werbe- und Imagekampagnen über sich ergehen lassen, während das Stadion zugleich nur voll wird, wenn die Bayern oder der BVB als Gast kommen. Ein eigenes Fußballstadion ist geplant, doch auch hier hat sich die Vereinsspitze bisher ausgesprochen ungeschickt angestellt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen meilenweit auseinander.

Doch der große Erfolg, die Lektion lernt man gerade im Berliner Westend, läuft im Profifußball nur noch über Millioneninvestments. Und zwar dauerhaft. Da dürften die bisherigen Summen – immerhin 225 Millionen Euro – nur eine einmalige Anzahlung gewesen sein. Sollte Windhorst einmal die Geduld verlieren, droht die stolze »alte Dame« als Investmentruine zu enden. Und nun braucht der selbsternannte »Big City Club« erstmal wieder einen Trainer.

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