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Aus: Ausgabe vom 04.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Läuft da was?

Schöner wohnen: Nicolas Godins Album »Concrete and Glass«
Von Alexander Kasbohm
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Bleibt an der Oberfläche: Nicolas Godin

Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel waren mit Air kurz vor der Jahrtausendwende die Band der Stunde – ihr Debüt »Moon Safari« ein wunderschönes, so nie gehörtes Album von schaumbadgleicher, retro-futuristischer Nos­talgie. »Moon Safari« war so schön, dass die Platte wirklich jedem gefiel, niemand ein böses Wort äußerte, quer durch alle subkulturellen Schichten. Mal abgesehen von einigen Altpunks mit Hund und Lederjacke, für die alles ohne Gitarren als Fahrstuhlmusik galt, auch weil sie nicht begriffen hatten, dass Punk eine permanente Revolution ist, ihr »Punk« indes längst zum Rock ’n’ Roll geworden war. »Moon Safari« indes lief alsbald in jeder Bar, dann in jeder Boutique, wurde langsam aber sicher zum Inbegriff gefälligen »Schöner-wohnen-Pops«. Man muss Air zugute halten, dass sie nie dem Versuch erlagen, ihr erstes Album zu kopieren, sondern, im Gegenteil, mit jeder Veröffentlichung bewusst gegenzusteuern schienen. Gleichwohl waren sie nie wieder so gut wie auf »Moon Safari«.

Nicolas Godins neues Album heißt »Concrete and Glass«. Thematisch geht’s um Musik und Architektur. Beides interessante Künste. Dummerweise kommt bei Musik über Architektur selten was Gutes heraus. So auch hier. Die Platte ist nett und unaufdringlich, aber belanglos. Es dudelt freundlich vor sich hin, niemand wird die Boutique, die Bar verlassen. Aber es wird auch niemand fragen, was da gerade läuft. Vermutlich wird den meisten nicht einmal auffallen, dass überhaupt Musik läuft.

Der Wohlklang von »Moon Safari« war seinerzeit einzigartig. Er schmeichelte und ließ doch aufhorchen. Außerdem passte er zu dem damaligen Interesse für vergangene Zukunftsvisionen. Die rührend optimistischen Utopien, die vor knapp zwanzig Jahren ein nahezu heimeliges Gefühl vermittelten, erzeugen heute – im Kontrast zu unserer Gegenwart – vor allem Bitterkeit. Unweigerlich stellt man sich da die Frage, wann zur Hölle alles so katastrophal falsch zu laufen anfing. Nicolas Godin stellt, zumindest auf diesem Album, diese entscheidende Frage nicht. »Concrete and Glass« bleibt an der Faszination für die Oberfläche hängen.

Erstaunlich, dass ausgerechnet Godin, als studierter Architekt, vergisst, dass Architektur mehr ist als bloß »Ambience«. Der Musik fehlt jede Andeutung von Radikalität. Und das, obwohl das Album aus einem Projekt hervorging, bei dem Godin Musik für Installationen in Häusern von Richard Neutra, John Lautner, Mies van der Rohe, Claude Parent, Konstantin Melnikow, Pierre Koenig und Le Corbusier schreiben sollte. Allesamt radikale Denker und Neuerer. Trotzdem klingt »Concrete and Glass« weder radikal noch neu – und mitnichten nach großer Architektur. Eher schon nach einer stilvoll eingerichteten, penibel aufgeräumten Architektenwohnung.

Gelungen sind erstaunlicherweise eher die Popsongs als die atmosphärischeren Stücke. »Back to Your Heart«, gesungen von der russischen Experimentalpopkünstlerin Kate NV, ist wirklich catchy, in »We Forgot Love« channelt Kadhja Bonet die späte Kate Bush. »What Makes Me Think About You« erinnert mit seiner Vocoderstimme an Air. Das Ins­trumentalstück »Cité Radieuse« lässt einen kurz vor Schluss noch einmal aus dem Schlaf hochschrecken. Es fängt an mit einem an Steve Reichs Minimal-Music-Kompositionen erinnernden Pulsieren, wird dann aber leider von einer gesättigten Zuckerlösung erstickt. Man könnte von einer Platte der verschenkten Möglichkeiten sprechen, doch das wäre falsch: Es sind kaum Ansätze auszumachen, die zu verfolgen sich gelohnt hätte. Aus dem zugrundeliegenden Thema hätte man wohl was machen können, aber dazu hätte es einer ganz anderen Herangehensweise, eines anderen Blicks auf das Thema bedurft. So ist »Concrete and Glass« kein Album über Architektur, sondern tatsächlich: ein weiterer Soundtrack zum Wohnen.

Nicolas Godin: »Concrete and Glass« (Because Music)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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