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Aus: Ausgabe vom 29.01.2020, Seite 12 / Thema
Österreichische Literatur

Erfolglos brisant

Zur Lehre, zur Erinnerung: Leben und Werk des kommunistischen Schriftstellers Karl Wiesinger aus Anlass einer Ausstellung in Linz
Von Erich Hackl
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Karl Wiesinger, geboren am 13. März 1923 in Linz, Österreich, gestorben am 10. Februar 1991 ebenda (Aufnahme um 1970 in Vela Luka auf Korcula, Jugoslawien)

»Alles festhalten, was so geschieht, auch wenn es nichts Besonderes ist. Jede Zeit soll ihre Berichterstatter haben.« Diesen Vorsatz trägt der jüdische Scherz- und Glücksartikelhändler Isaak Schneidewind – den der Schriftsteller Karl Wiesinger zum Protagonisten seines vielstimmigen Romans »Achtunddreißig. Jänner–Februar–März« gemacht hat – am 5. Jänner 1938 in sein Tagebuch ein. Schneidewind lebt mit Frau und Kind in Linz, kommt als Handelsreisender aber weit herum, zumal jetzt in der Faschingszeit, in der seine Girlanden, Masken, Papierorden, Knallerbsen und Zaubertinten Hochkonjunktur haben. Er besitzt einen scharfen Blick und ein feines Gehör fürs Politische wie fürs sogenannte Zwischenmenschliche, er ahnt die Tragödie voraus, auf die Österreich zusteuert, und seine einzige Illusion besteht im Glauben, dass er seine kleine Familie in Sicherheit bringen kann, ehe der nationalsozialistische Terror sowohl das herrschende austrofaschistische Regime als auch die illegale Opposition – Sozialdemokraten und Kommunisten – erfassen und zerschlagen wird. Politisch aktiv zu werden, sich gegen den Lauf der Ereignisse zu stemmen, mitzuhelfen, alle antinazistisch gesinnten Teile der Bevölkerung zur Volksfront, eigentlich einer Art temporäre Notgemeinschaft, zusammenzuführen, dafür fehlt ihm die Zuversicht. Das überlässt er anderen, allen voran seinem einzigen Freund und Vertrauten, dem arbeitslosen Kommunisten Ernst Hainisch. Außerdem muss Schneidewind schauen, wie er selbst über die Runden kommen, die Medikamente für die kranke Frau besorgen, das Schulgeld für den halbwüchsigen Sohn aufbringen kann. Aus Not nimmt er sogar Hakenkreuze aus Papier in sein Sortiment auf. Aber er ist keiner von denen, die im Wissen um das böse Ende alle Anstrengungen, es zu verhindern, wenigstens hinauszuzögern, als naiv verlachen. Er ist weder zynisch noch sentimental. Seine Position ist die des Chronisten, sein Medium das Tagebuch. Ihn bekümmert die eigene Unzulänglichkeit, dass er nämlich zu sehr verstrickt ist in das, was um ihn herum geschieht. »Turmbeobachter müsste man sein. Das Auge am Rohr und alles sehen, was da geschieht, zur Lehre und zur Erinnerung.«

Wie sehr Karl Wiesinger mit dieser Wunschvorstellung seinen eigenen literarischen Anspruch formuliert hat, erweist sich dem Besucher einer großen Ausstellung, mit der das Linzer Stifter-Haus Leben und Werk des vielfach unterschätzten, nur durch eine Eulenspiegelei von der literarischen Öffentlichkeit wahrgenommenen Schriftstellers würdigt. Dort, im Stifter-Haus, wird seit 2012 Wiesingers Nachlass aufbewahrt, aus dem die beiden Kuratoren der Schau, die Germanisten Helmut Neundlinger und Georg Hofer, eine kluge Auswahl getroffen haben. Dabei kam ihnen zugute, dass Wiesinger über Jahrzehnte Tagebuch geführt hatte. Der größere Teil seiner Aufzeichnungen ist zwar verschollen; aber die vorhandenen Typoskripte aus den Jahren 1961 bis 1973 bilden den roten Faden durch das lebens- und werkgeschichtliche Labyrinth eines ebenso dogmatischen wie unorthodoxen Kommunisten, der seine Verzweiflung über den Gang der Geschichte 1990 – ein Jahr vor seinem Tod – mit Galgenhumor zur Sprache gebracht hat: »Vorwärts, Genossen, es geht überall zurück!«

»einer der ihren«

Wiesinger, Jahrgang 1923, wurde als Sohn eines Zahntechnikers und einer Hausfrau in Linz geboren. Nach der Volksschule besuchte er als Internatszögling das Stephaneum, eine katholische, von den Schulbrüdern geführte Hauptschule in Goisern, 115 Kilometer südlich der oberösterreichischen Hauptstadt. Es ist möglich, aber nicht erwiesen, dass er sich schon damals mit Franz Kain anfreundete, der das Stephaneum als Externer besuchte. Anders als bei seinem späteren Genossen und Schriftstellerkollegen, der seine Widerstandskraft aus der Beharrlichkeit handwerklicher Tätigkeit zu schöpfen schien, erfolgte Wiesingers Politisierung sprunghaft, in Auseinandersetzung mit seinem bürgerlichen Herkunftsmilieu. Mit fünfzehn riss er von zu Hause aus und verdingte sich als »land-, hilfs-, zirkus- und fabrikarbeiter«, ehe er auf Drängen seines Vaters eine Ausbildung zum Zahntechniker begann. 1941 wurde er zum Wehrdienst einberufen, meldete sich freiwillig zur Transportbrigade Speer und verübte an seinem Einsatzort im hohen Norden Finnlands zahlreiche Sabotageakte. Er wurde festgenommen und vom Feldgericht wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt, trotz mehrerer Belastungszeugen freigesprochen und erst in der Berufungsverhandlung zu einer Kerkerstrafe von acht Monaten, deren Verbüßung bis nach Kriegsende aufgeschoben wurde, verurteilt. Den unverhofften Ausgang des Verfahrens führte Wiesinger auf die hartnäckigen Bemühungen seiner Eltern zurück, die ihm einen tüchtigen Anwalt verschafft und in einflussreichen Kreisen interveniert hatten. »wäre ich ein arbeiterkind gewesen«, notierte er 1968 in sein Tagebuch, »wäre meine mutter verschüchtert und arm gewesen – ich lebte nicht mehr. (...) so aber wurde ich freigesprochen als ›einer der ihren‹. wie viele einfache leute aus arbeiterkreisen haben sie ermordet wegen geringfügiger taten.«

In Finnland hatte Wiesinger einen Lungensteckschuss erlitten, während der Untersuchungshaft war er an Tuberkulose erkrankt. Als er, im Oktober 1944, als Kontaktmann einer kommunistischen Widerstandsgruppe in Wels inhaftiert wurde, erstickte er beinahe an einer schweren Lungenblutung, deren Folgen ihn für den Rest seines Lebens beeinträchtigen sollten. Sofort nach der Befreiung trat er der KPÖ bei und leitete die Linzer Zweigstelle der Freien Österreichischen Jugend. Im Jahr darauf begann er für die Tageszeitung Neue Zeit, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Oberösterreichs, zu schreiben, im Kulturressort, das bis 1950 von Arnolt Bronnen geleitet wurde. Hier, in der Redaktion der Neuen Zeit, traf er auf Franz Kain, der nach einer wahren Odyssee durch Einzelzellen, Gerichtssäle und Schlachtfelder – um der Einlieferung in ein Konzentrationslager zu entgehen, hatte er sich nach seiner Verurteilung wegen Hochverrats zum Fronteinsatz in der Strafdivision 999 gemeldet – im Februar 1946 aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Oberösterreich zurückgekehrt war.

So unterschiedlich die beiden in ihrem Naturell, ihrem künstlerischen Vermögen und ihrem Sozialismus-Verständnis auch waren, verband sie bald eine tiefe Freundschaft – und bis zuletzt auch die Überzeugung, dass ihnen die gebührende Anerkennung als Schriftsteller deshalb versagt blieb, weil sie Kommunisten waren. »immer wieder staunendes erstarren«, schrieb Wiesinger, »wenn ich mich irgendwo vorstelle als kw, neue zeit, kommunistisches organ. so groß ist die abscheu vor dem kommunismus, so sehr ist der kapitalistische klassenstaat installiert, dass die leute angst vor dem haben, was allein ihnen helfen könnte.«

Die These vom Antikommunismus als Ursache ihrer jahrzehntelangen Diskriminierung hat schon einmal, vor mehr als zehn Jahren, für Diskussionen gesorgt, in Zusammenhang mit dem Aufsatz »Ausgegrenzt, totgeschwiegen und diffamiert?« des Schriftstellers und Drehbuchautors Walter Wippersberg, der darin die Meinung vertrat, nicht die parteipolitische Ausrichtung seiner älteren Kollegen habe deren Karriere behindert, sondern der Entschluss, sich auf Dauer in Linz – einer mittelgroßen Stadt, die trotz ihrer industriellen Bedeutung lange als Inbegriff des Provinzialismus galt – einzurichten. Bis weit in die siebziger Jahre hinein habe jeder Mann und jede Frau, der oder die literarisch reüssieren wollte, nach Wien oder in eine westdeutsche Metropole ausweichen müssen. Wiesingers eigener Werdegang scheint diese Auffassung zu bestätigen: Von den Mitgliedern des »Clubs der Todesnahen«, der sich um das Jahr 1950 als neodadaistisch angehauchte Gruppe debattenfreudiger und trinkfester Nachtschwärmer gebildet hatte, blieb er als einziger in seiner Geburtsstadt wohnen; alle anderen – Schauspieler, Regisseure, Kritiker – machten auf Bühnen und in Zeitungsredaktionen in Wien oder im Ausland Karriere.

»warum nicht weg von linz?«

»warum nicht weg von linz? ich liebe die umgebung, ich bin schon zu bequem zum übersiedeln und es würde mich zuviel geld kosten. und mein bequemes heim auszutauschen gegen snobkontakte in snobkellern in münchen oder wien, das schiene mir ein schlechter tausch. wenn was erreichbar ist, dann muss es auch von linz aus erreichbar sein. kann ja reisen. habe auto, in bälde, und die zeiten krankhaften ehrgeizes sind vorbei.« Der Eintrag stammt aus dem Jahr 1961. Drei Jahre zuvor hatte Wiesinger die durch Krieg, Krankheit und Parteiarbeit unterbrochene Berufsausbildung abgeschlossen und die Praxis seines Vaters übernommen. Doch nach einer neuerlichen Lungenblutung sah er sich gezwungen, den ohnehin ungeliebten Brotberuf aufzugeben. Seit 1953 war er mit der Modistin Eva Blaschke verheiratet; abgesehen von einer kleinen Invalidenrente und den unregelmäßigen Einkünften aus journalistischer Arbeit war es ihr Einkommen, das es ihm ermöglichte, als freier Schriftsteller zu leben.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen Wiesingers langjähriger Parteifrömmigkeit und den geringen Skrupeln, mit denen er sich beim Schreiben in allen möglichen Genres (auch auf dem Gebiet der Heftchenromane) versucht hat – nicht aus innerem Drang offenbar, sondern in der Hoffnung, bei einem Verlag, einer Agentur oder einem Theater unterzukommen. Kurios, dass er neben Spionageromanen, Kriegsgeschichten, absurden Theaterstücken und dramatischen Parabeln (die ihm wegen ihrer »Wurzellosigkeit« und »weltanschaulichen Heimatlosigkeit« einen Rüffel seines Freundes Kain einbrachten) unter Pseudonym auch ein Stück verfasst hat, das sich unter dem Titel »Die rote Hilde. Und es wird nicht der Milchmann sein« mit der umstrittenen Justizministerin der DDR, Hilde Benjamin, auseinandersetzte. Zuspruch erhielt Wiesinger, für sein verschollenes Romanprojekt »Die goldene Sphinx«, just vom Kritiker und Übersetzer Hans Weigel, einem rabiaten Antikommunisten, der zusammen mit dem Schriftsteller Friedrich Torberg 1953 den Brecht-Boykott auf österreichischen Bühnen initiiert hatte. »Ich finde«, schrieb Weigel im Juli 1952 an Wiesinger, »Sie sollten in Zukunft Dinge beschreiben, die Sie genau kennen, das wäre die eine Möglichkeit, oder Sie sollten alles steigern, überhöhen. Vor allem mehr auf Spannung hin arbeiten, nicht so drauflos erzählen!«

Die Ausstellung betont – und das macht sie so außergewöhnlich – das Missverhältnis zwischen der langjährigen Erfolglosigkeit des Autors und der politischen Brisanz seiner zeitgeschichtlichen Romane. Mit den fremdbestimmten Faktoren Antikommunismus und Provinzialismus wollen sich die Kuratoren nicht begnügen. Neundlinger verweist auf die fehlende psychologische Durchdringung der Figuren, die grobe Schwarz-Weiß-Schraffierung und die allzu simple, kolportagehafte Sprache. Der Verleger Franz Steinmaßl, der Wiesingers Roman »Der Verräter und der Patriot« postum veröffentlicht hat, rechtfertigte seine radikalen Kürzungen mit erheblichen Schwachstellen: »Die Handlung war viel zu langatmig, viele der ›Dialoge‹ waren in Wirklichkeit politisch-weltanschauliche Predigten, und vor allem gegen Schluss zu gingen auch die äußeren historischen Fakten hinten und vorne nicht mehr zusammen.«

Bleibt die Frage, ob die ästhetischen Mängel nicht doch auf Wiesingers gesellschaftliche Isolation zurückzuführen sind, wie er selbst es in seinen Aufzeichnungen mehr als einmal nahegelegt hat. »schreiben, das einsamste abenteuer, ist gerade für mich eine ungeheure seelische strapaze, da ich gegen zu viele widerstände an muss. abtreten, aufhören, dann und wann ein geschichtchen, tagebücher, zeitchronik – aber sonst – schluss.«

»und neu anfangen?«

1961 hatte Wiesinger an dem eingangs vorgestellten Romanprojekt über die letzten Wochen und Monate vor der Annexion Österreichs im März 1938 zu arbeiten begonnen. Im Gegensatz zu früheren literarischen Vorhaben, die er schnell und schlampig angegangen war, nahm er sich diesmal viel Zeit, stellte umfangreiche Recherchen in allen politischen Lagern an und suchte sogar den Kontakt zu Kurt Schuschnigg, dem unseligen letzten Kanzler der Republik, und zu Peter Revertera-Salandra, der von 1934 bis 1938 Sicherheitsdirektor des Landes Oberösterreich gewesen war. Das Manuskript hatte einen Umfang von 700 Seiten angenommen, als es 1964 vom Berliner Aufbau-Verlag angenommen wurde. Wegen umfangreicher Überarbeitungen dauerte es noch einmal drei Jahre, bis der Roman endlich erscheinen konnte – praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, jedenfalls der österreichischen, für die er so heilsam gewesen wäre, weil er das pseudoprogressive defätistische Geschichtsbild korrigierte, demzufolge sowieso alle Österreicher Nazis oder Nazimitläufer gewesen seien und niemand den Mut aufgebracht habe, sich mit anderen gegen die Invasoren zusammenzuschließen.

»Achtunddreißig. Jänner–Februar–März« ist ein ungemein packender, vielschichtiger, erschütternder Roman und zugleich das rare Beispiel einer Literatur des Widerstands, die ihre Stärke, paradoxerweise, aus verlorenen Kämpfen bezieht. Wiesinger wird der Dramatik der sich überstürzenden Ereignisse gerecht, indem er Dutzende Personen – erfundene oder verdichtete, aber auch historisch verbürgte wie führende Politiker und hohe Militärs – in seiner Heimatstadt, in Wien, Graz und auf dem Land handeln und miteinander reden lässt. Sie tauchen im Strudel der Ereignisse auf, werden knapp und anschaulich vorgestellt, agieren, verschwinden, erscheinen aufs neue; unter ihnen sind solche mit absteigender, andere mit aufsteigender Karriere. Brutale, Abwartende, Ängstliche, Feige, Gleichgültige, Unnachgiebige, Kampfentschlossene. Und viele, die gleich mehrere solcher Eigenschaften in sich vereinen. Niemand unter ihnen, der einen kalt lässt. Und einer, den man nie wieder vergessen will: den jüdischen Scherzartikelhändler Isaak Schneidewind.

Die ausbleibende Resonanz muss den Autor tief getroffen und in eine Sinnkrise gestürzt haben. »und neu anfangen?«, schrieb er 1969. »ich sehe da texte der jungen. ich bin als alter schreiber zu sehr eingefahren auf die alten gleise. aber neu anfangen, als junger, etwa 26 jahre alt, max maetz. das wärs. das müsste mit meiner erfahrung doch zu machen sein.«

Es gehört zur Ironie der österreichischen Literaturgeschichte, dass Wiesinger gerade mit dieser vergleichsweise harmlosen literarischen Mystifikation das einzige Mal in seinem Leben überregionalen Erfolg hatte: dem »Bauernroman« (1972) eines künstlerisch ambitionierten, orthographisch unbekümmerten, sexuell unausgelasteten Traktoristen namens Max Maetz, dem er eine kühne Biographie mit glücklichem Ausgang (Knecht heiratet Großbäuerin und wird Großbauer) andichtete, ehe er ihn eines unerwarteten Todes sterben ließ. »Dieser merkwürdige Großbauernroman ist ja eine Provokation in vielerlei Hinsicht«, schrieb Kain, vielleicht eine Spur zu gutwillig, »eine Rache für erlittene Unbill in der Anerkennung eines eigenwilligen Literaten. Er war ein von Literaturpäpsten Verfolgter und, nennen wir das Kind beim Namen, ein politisch Verfolgter. Jetzt werde ich euch einmal gründlich hinters Licht führen, ihr Klugscheißer und Speichellecker im Gewand der Literaturrichter; das war sein Ansporn.«

Ein paar Jahre nach dem »Bauernroman« brachte der maoistische Westberliner Oberbaum Verlag zwei Romane heraus, »Der rosarote Straßenterror« und »Standrecht«, mit denen Wiesinger an sein Hauptwerk über das Jahr Achtunddreißig anschloss, indem er sich weiteren entscheidenden Ereignissen der österreichischen Zeitgeschichte widmete: dem Arbeiteraufstand vom Februar 1934 und seiner blutigen Niederwerfung durch das austrofaschistische Regime sowie dem Massenstreik gegen das vierte Lohn-Preis-Abkommen im Oktober 1950 und der darauffolgenden Repressionswelle, beispiellos in der Zweiten Republik.

Während »Standrecht« in der Fülle literarisch ambitionierter Darstellungen der Februarkämpfe untergeht, ist »Der rosarote Straßenterror« schon deshalb lesenswert, weil er – von einer Erzählung des Wiener Kommunisten Otto Horn abgesehen – kein Pendant in der österreichischen Literatur hat. Man könnte heute meinen, die Streikbewegung in den Großbetrieben der US-amerikanischen Besatzungszone habe es überhaupt nicht gegeben, und die Integration Österreichs in das kapitalistische System sei eine Art Rutsche ins Wunderland der Sozialpartnerschaft gewesen, gäbe es nicht Wiesingers Roman, der – wie unzulänglich auch immer – an das Ausmaß an politischer Gewalt erinnert, die zur Disziplinierung der Arbeiterschaft eingesetzt worden war. Die Veröffentlichung des Romans hatte ein gerichtliches Nachspiel; der damalige ÖGB-Vorsitzende Franz Olah, der gegen die Streikenden mit einer Schlägertruppe vorgegangen war, erließ ein Verbreitungsverbot für Österreich, das erst nach einer Ehrenerklärung des Autors aufgehoben wurde.

»gagarin las molière«

Es kommt einen schwer an, Wiesingers politische Ansichten im Lauf der Jahrzehnte ernst zu nehmen. Sie sind voller Widersprüche und muten oft leichtfertig geäußert, geradezu frivol an. 1966 machte er zum ersten Mal Urlaub in Jugoslawien, auf der durch die Sommerschule der Praxis-Gruppe bekanntgewordenen Insel Korcula, auf der er sich ein kleines Ferienhaus errichten ließ und, seiner Lungenkrankheit wegen, von nun an die Sommermonate verbrachte. Er legte sich ein Boot zu, das er, als Zeichen seiner politischen Präferenz, auf den Namen Mao Tse Tung taufte. Seine Sympathie für Tito, der ihm »zu weich« war, hielt sich in Grenzen. Die Kuratoren der Ausstellung in Linz weisen darauf hin, dass Wiesinger sich mindestens zweimal bemüht hat, zusätzlich zur österreichischen Staatsbürgerschaft auch die der DDR zu erwerben. »mein ansuchen um zweite staatsbürgerschaft an die ddr kam zurück, ihren ansuchen kann nicht entsprochen werden. kurz und bündig, schade.« Im September 1961 fuhr er mit einer Delegation der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft zu einem Länderspiel UdSSR gegen Österreich nach Moskau, wo er sich vom Aufbau des Sozialismus tief ergriffen und beeindruckt zeigte. »gagarin las molière vor seinem weltraumflug. was werden die amerikaner lesen, wenn es dort einmal klappen wird? sicher comics. beides entspricht dem bildungsniveau der entsprechenden völker.«

Als sich, acht Jahre später, in der KPÖ der Konflikt zwischen den Reformern und der sowjettreuen Fraktion immer mehr zuspitzte, zögerte er im Gegensatz zu Franz Kain keinen Augenblick, sich gegen die Erneuerer zu positionieren. Es wirkt hinsichtlich der Folgen geradezu tragisch, dass er den Bruch innerhalb der Partei an ihrem XX. Parteitag im Jänner 1969 als »Erfolg des Versuches der alten Kommunisten« wertete, »den Kern der Ideologie aufrecht zu erhalten in einer Umgebung, die allem revolutionären und marxistisch ideologischen abhold ist«.

Es nimmt nicht wunder, dass Wiesinger am Ende seines Lebens bar jeder Hoffnung dastand. In einem Brief an den damaligen Vorsitzenden Franz Muhri erklärte er 1990 seinen Parteiaustritt. Er nannte Gorbatschow einen »Zerstörer«, bedauerte, dass »Menschen wie Stalin halt dünn gesät« seien und räsonierte über die Frage, warum man es nicht verstanden habe, die kommunistische Idee so zu propagieren, »dass sie die Menschen ergreift. (...) Der Sieger CIA hat Recht bekommen und Recht behalten. Er hat seinen Herren, dem internationalen Kapital, die Bühne freigefegt. Mit Hilfe des Besens Gorbatschow. Weiter in der Partei bleiben wäre sicher sinnlos. Ich kenne etliche junge Leute, die sich (jetzt) Kommunisten nennen. Sie werden sicher auch bald mit Gesundbeten und Kerzlein in den Händen ans Werk gehen, Sozialismus zu predigen. Nur: So geht es halt nicht. Sie sollten die Geschichte der Kirche, die Geschichte des Kapitalismus näher kennen mit ihren Brutalitäten, ihren perversen Machtkämpfen, ihrer unersättlichen Gier, die über Myriaden Leichen ging. Aber alle diese jungen Leute sind ja auf den Demokratie-Leim gegangen. Heute gilt auch (vielleicht aus taktischen Gründen) die Demokratie als Muster aller politischen Welten. Zu meiner Zeit war sie noch ein Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie, des Kapitals, die Demokratie des Volkes allein die wahre Demokratie, was ja auch heute noch stimmt.«

Karl Wiesinger starb wenige Monate später, am 10. Februar 1991, an den Spätfolgen der Krankheit, die er sich als Gefangener des Naziregimes zugezogen hatte. Zu seiner Beisetzung auf dem Linzer Barbara-Friedhof sprach Franz Kain: »Karl Wiesinger, so oft ein Opfer von Verfolgung und Missverständnis, war selbst oft hart, schroff und kantig. Er gehörte zu den Schwierigen, wie alle eigenwilligen Persönlichkeiten. Dabei war er nicht nur streitbar, sondern auch streitlustig, und wenn es einmal an Reibebäumen mangelte, schuf er sich stets neue.« Nach Kains Rede sang der Liedermacher Gust Maly Wiesingers Lieblingslied, »Bam im November«. Dann wurde dem Verstorbenen die Schiffsglocke der »Mao Tse Tung« ins Grab gelegt.

Die Ausstellung »›Vorwärts, Genossen, es geht überall zurück.‹ Karl Wiesinger (1923–1991)« ist im Stifter-Haus Linz, Adalbert-Stifter-Platz 1, von Dienstag bis Sonntag 10-15 Uhr zu sehen. Zur Finissage am 28.Mai 2020 erscheint ein Katalog.

Wiesingers Romane »Achtunddreißig«, »Standrecht«, »Der rosarote Straßenterror« und als Max Maetz: »Bauernroman. Weiling Land und Leute« sind im Promedia-Verlag, Wien erschienen.

Erich Hackl ist Schriftsteller (jüngst: Im Leben mehr Glück. Reden und Schriften, Zürich 2019). Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 15. Oktober 2019 über die Zeitschrift Österreichisches Tagebuch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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