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Aus: Ausgabe vom 27.01.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Gedenken an die Schoah

»Rekonstruktion wäre Grenzverwischung«

Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Über das Gedenken an die Naziverbrechen am historischen Ort. Ein Gespräch mit Susanne Willems
Von Stefan Huth
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Besuchergruppe in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau (2015)

Am 27. Januar 1945 befreiten Einheiten der vorrückenden Roten Armee die im Vernichtungslager Auschwitz verbliebenen Menschen. Heute, 75 Jahre später, ist Erinnerungspolitik, das Gedenken an das Menschheitsverbrechen, mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Es gibt nur noch wenige Überlebende, die jungen Leuten von dem berichten können, was Menschen dort angetan wurde. Gebäude und andere Teile des Lagers sind zudem vom Verfall bedroht. Wie lässt sich künftig unter solchen Bedingungen die mahnende Erinnerung wachhalten?

Das Lamento, die letzten Zeugen der an Menschen in der Nazizeit begangenen Verbrechen sterben, höre ich seit ziemlich genau 35 Jahren. Ja, was denn sonst? Jahrtausende hindurch sind menschliche Erfahrungen tradiert worden, vor allem mündlich. »Werdet Zeugen der Zeugen«, hat Maurice Goldstein uns in den 1990er Jahren aufgefordert. Er war damals Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Als Jugendlicher war er aus Brüssel deportiert worden. Sein 23. Geburtstag am 27. Januar 1945 war zugleich der Tag seiner Befreiung in Auschwitz durch die Rote Armee.

Überlebende der Naziverbrechen in Polen und der Sowjetunion, auch in beiden deutschen Staaten und in allen Ländern rund um den Globus, in denen sie nach ihrer Befreiung eine Heimat suchten, haben seither literarisch oder autobiographisch Zeugnis abgelegt. Ist es zuviel verlangt von Nachgeborenen, wenigstens mal zu einem dieser Bücher zu greifen? Oder frühe, politisch und künstlerisch ambitionierte Filme oder Theaterstücke wieder anzusehen?

Viele Zeitzeugenberichte sind inzwischen auf elektronischen Speichermedien gesichert und dort für die Nachwelt aufbewahrt …

Es existieren kaum gehörte Tonaufnahmen und selten wieder gesichtete Videoaufzeichnungen von Begegnungen Überlebender der Naziverbrechen mit der jüngeren Generation. Inzwischen sind in elektronischen Archiven Gespräche mit Überlebenden abgelegt – mehr, als ein einzelner überhaupt zur Kenntnis nehmen kann. Weil die digitale Technik es ermöglicht, wird heutzutage versucht, die letzten Überlebenden in Hologrammen quasi unsterblich und gleichsam für die Ewigkeit befragbar zu machen.

Ich halte das für den völlig falschen Weg. Hier werden um einer künstlich erzeugten emotionalen Ansprache willen nachgeborene Lernende betrogen. Betrogen um ihre Freiheit, sich anzunähern – und Abstand zu nehmen, was Voraussetzung allen Lernens ist. Solche Versuche unterminieren zudem die Aufforderung, sich eingreifend der Gegenwart zuzuwenden, sie verhindern die grundlegende Einsicht: Wir gehören zu den 1945 vom damaligen Krieg und Faschismus Befreiten – was ist unsere Aufgabe heute?

Wie verhält es sich dann mit dem Bemühen um den baulichen Erhalt der Gedenkstätte Auschwitz? Ist das in Ihren Augen auch ein pro­blematisches Unterfangen?

Nein. Denn es waren Gefangene des Lagers, die nach der Befreiung an diesen Ort ihrer Peinigung zurückkehrten, um das Gelände zu schützen und die Relikte des Lagers zu erhalten – als Beweise für die in Auschwitz an mehr als einer Million Menschen begangenen Verbrechen. Sie setzten durch, dass das Museum dort errichtet wurde.

Es sollte unverfälschte Dokumente zugänglich machen, die vor der Beseitigung geretteten Teile der Registraturen des Lagers, die Gefangenenfotos. Auch das noch vorhandene Raub- und Plünderungsgut sollte dort bewahrt werden: Koffer, Textilien, Schuhe, Bürsten, medizinisches Gerät, Prothesen, Blechtuben, Dosen, Brillen, Frauenhaar … Ab Mitte 1947 war das Museum gesetzlich gesichert, es existiert seit der frühen Nachkriegszeit dank staatlicher Unterstützung. Bildungsarbeit, Führungen und Ausstellungen etwa waren Sache der Überlebenden. Mit jungen Wissenschaftlern bauten sie das Archiv und die Sammlung auf und brachten die Forschung in Gang – zu Zeiten also, als in Westdeutschland einstige Konzentrationslager noch als Nudelfabrik, Jugendgefängnis, Polizeikaserne und Truppenübungsplatz »nachgenutzt« wurden.

Die SS sprengte in den letzten Tagen des Lagers die Krematorien und Gaskammern in Birkenau. Die meisten Baracken auf dem Gelände wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit demontiert, das Material andernorts zur Behausung von Obdachlosen eingesetzt, die es ja in Massen gab. Doch fortan sollten zumindest die vielen Kamine und die Zaunanlagen erhalten werden. Letztlich aber haben solche Bemühungen bei Relikten, die Wind und Wetter ausgesetzt sind, ihre Grenzen. Doch solange es möglich ist, werden in mitunter sehr aufwendigen Verfahren die Holzplanken von Baracken konserviert, deren labile Konstruktionen gestützt, die Pfosten der Zaunanlagen stabilisiert. Immerhin lässt sich der Zeitpunkt des völligen Verfalls so weiterhin um das ein oder andere Jahrzehnt verschieben.

Eine Rekonstruktion, die Nachgeborene in eine Illusion vergangener Wirklichkeit versetzt, haben die das Museum bis in die 1990er Jahre betreibenden Überlebenden nie gewollt. Es geht ja vor allem um die Lehren für die heutige Zeit. Rekonstruktion wäre Grenzverwischung.

Gibt es heute eine länderübergreifende Institution, die Einfluss nimmt auf die Gedenkpolitik auf dem historischen Gelände, die inhaltlich-politische Ausrichtung der Dauerausstellung etwa?

Nein. Das Museum ist ein staatliches Museum, und es liegt in der freien Entscheidung der zuständigen polnischen Institutionen, auch des Museums, beratende Gremien zu bilden und in diese Mitglieder aus dem In- und Ausland zu berufen. Aber selbstverständlich hat es immer schon eine internationale Zusammenarbeit gegeben, insbesondere über die nationalen Sektionen des 1952 gegründeten Internationalen Auschwitz-Komitees.

Seit den 1990er Jahren spiegeln sich die Verbindungen des Museums zu Verbänden und zu Gedenkstätten rund um den Globus in dem als ständiges beratendes Gremium berufenen Internationalen Rat des Museums. Es hat seit den 1950er Jahren partikularen und nationalen Perspektiven auf die Geschichte des faschistischen Völkermords in separaten Dauerausstellungen Raum gegeben, darunter der polnischen. Die Hauptausstellung des Museums hatte dagegen die Aufgabe, Dokumentation zu sein und sich einer universalen Sprache zu bedienen, frei von jeglichem politischen Opportunismus.

In der Vergangenheit gab es Kritik an einer geschichtspolitisch motivierten Verengung des Gedenkens am historischen Ort, an dem mindestens eine Million Juden ermordet wurden. So wurde der polnischen Seite vorgeworfen, das dort katholischen Geistlichen widerfahrene Leid zu Lasten der mit Abstand größten Opfergruppe überzubetonen und dadurch die historische Wahrheit zu verfälschen. Die israelische Staatsführung dagegen, so ein anderer Vorwurf, missbrauche die Gedenkstätte für Regierungspropaganda und zur Rechtfertigung ihrer völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik. Und von deutscher Seite, im Land der Täter also, ist generell nur wenig Offizielles zum Thema zu hören. Bezeichnend vielleicht, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sich erstmalig Anfang Dezember 2019 bequemte, die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zu besuchen. Besteht die Gefahr einer Instrumentalisierung des Gedenkens? Droht unter solchen politischen Vorzeichen Auschwitz gar seine Bedeutung als Mahnmal für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verlieren?

Das Museum Auschwitz-Birkenau und auch die Stadt Oswiecim haben sich in den 1990er Jahren in einer ganzen Reihe von Konflikten gesehen, die international Aufsehen erregten, zugespitzt wurden, aber doch irgendwann einvernehmlich beigelegt werden konnten. Die Träger der medialen Aufregung aber sind selten oder nie die vielen Menschen aus aller Welt, die die Gedenkstätte besuchen, um sich auf das in Jahrzehnten bewährte Angebot des Museums, die leise Konfrontation mit den an Menschen in Auschwitz begangenen Verbrechen, der Tortur und der Vernichtung, einzulassen.

Im übrigen wird der Umgang mit Geschichte immer ein Anlass für Streit sein. Und Gedenkstätten sind ja keine politikfreien Räume. Gerade das konfrontierende und aufklärende Angebot, das sie machen können, führt doch immer wieder zu intensiver Auseinandersetzung um den richtigen politischen Weg. Da muss kein einheitliches Ergebnis vorweggenommen werden.

Die perfide »Vernichtung durch Arbeit« – die Auspressung der KZ-Häftlinge für die Profitinteressen deutscher Konzerne, die zentrale Rolle des dortigen Buna-Werks für die deutsche Kriegswirtschaft – wird in Ausstellungen auf dem Gelände allenfalls am Rande thematisiert. Allgemein sind die Kenntnisse über dieses »rationale Element« der Vernichtungspolitik der Nazis eher gering. Wie steht es um den Erhalt der noch verbliebenen Teile des Buna-Werks der IG Farben?

Das Museum hat alle Mühe, das Areal des einstigen Stammlagers Auschwitz und des zweiten Lagers Birkenau für die Nachwelt zu bewahren. Und es ist das Mindeste, dass sich die Bundesrepublik Deutschland an den Kosten dafür beteiligt. Diese werden ansonsten vom polnischen Staat und aus ausländischen Mitteln von einer eigens gegründeten Stiftung aufgebracht. In diesem Industrie­revier konnten nach dem Krieg unmöglich die gigantische Chemiewerksbaustelle der IG Farben, die Produktionsstätten des Bergbaus und der Elektroerzeugung unter Denkmalschutz gestellt werden. Dort waren Zehntausende KZ-Häftlinge als Sklavenarbeiter zu Tode geschunden worden. Insgesamt gab es rund 40 zuletzt an die Verwaltung des dritten Auschwitzer Lagers Monowitz angebundene Außenlager.

Als Akt der Befreiung von der deutschen Okkupation eigneten sich die Polen das ihnen entzogene und durch industriellen Raubbau der deutschen Industrie verwüstete Land mit allen Ressourcen und Produktionsstätten wieder an. Das ist absolut richtig. Und infolge der Privatisierung seit den 1990er Jahren sind eben auch diese Betriebe Übernahmen, Zerschlagungen, Stillegungen ausgesetzt gewesen. Verwaiste Gebäude wurden dem Verfall preisgegeben. Gerade deshalb haben Fritz und Frank Schumann ihre Fotos von solchen Relikten der Lagerzeit in unser gemeinsames Buch zur Geschichte des Vernichtungslagers Auschwitz aufgenommen.

Die deutschen Industrieverbände beschweigen dieses blutige Kapitel ihrer Geschichte …

Als ich im Frühjahr 1980 zum ersten Mal bei einer Gruppenreise für mehrere Tage die Gedenkstätte Auschwitz besuchte, fragte ich mich, warum nicht die deutsche Industrie einen Erinnerungstag an die von ihr in Auschwitz begangenen Verbrechen begeht. Und die Forschung belegt: Es war die IG Farben, die seit Februar 1941 kontingentierte Baumaterialien für den Ausbau und die Erweiterung des Stammlagers zur Verfügung stellte. Birkenau sollte als Kriegsgefangenenlager gebaut werden, doch Anfang 1942 wurden Facharbeiter und Maschinen externer Firmen abgezogen. Die SS konnte in Birkenau nichts mehr bauen. Im September 1942 machte dann das Rüstungsministerium, das die gesamte deutsche Kriegswirtschaft organisierte, Birkenau auf Betreiben von Albert Speer zur Drehscheibe eines Sklavenarbeitsmarkts für die deutsche Industrie.

Birkenau war fortan ein kriegswichtiger Ort. Hierher wurden die europäischen Juden vom Säugling bis zum Greis deportiert, und hier wurden die als arbeitsfähig Selektierten zu Zehntausenden zur Verfügung der Industrie gehalten. Voraussetzung war die Vernichtung der für die Zwecke des Lagers Untauglichen. Das dazugehörige und von Speer bewilligte Bauprogramm in Birkenau mit vier Krematorien und Gaskammern, der bis an die Todeszone des Lagers führenden Eisenbahnrampe, der »zen­tralen Sauna« zur Durchschleusung der zur Sklavenarbeit Verdammten, einem weiteren Barackenareal und einem neuen Kommandanturkomplex nannte die SS folgerichtig »Sonderprogramm Prof. Speer«.

Die Historikerin Susanne Willems befasst sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit der Geschichte des deutschen Faschismus. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher »Auschwitz. Die Geschichte des Vernichtungslagers« (mit Fotos von Fritz und Frank Schumann, Berlin: Edition Ost 2015) sowie »Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnraumpolitik für den Berliner Hauptstadtbau« (Berlin: Das Neue Berlin, 2. Aufl. 2018)

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