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Aus: Ausgabe vom 24.01.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Neoliberalismus

Verhältnisse à la Manchester

Zahl der Milliardäre in Großbritannien in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. 14 Millionen Briten leben in Armut
Von Christian Bunke, Manchester
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Der Neoliberalismus beschwört die Geister der Vergangenheit herauf (Plakat in London, 16.11.2011)

Neue Studien zeigen, dass die soziale Spaltung in Großbritannien auch im vergangenen Jahr zugenommen hat. Für die konservative Regierung unter Premierminister Boris Johnson wird das trotz einer parlamentarischen Mehrheit von 80 Abgeordneten mittelfristig Probleme mit sich bringen.

Am 22. Januar stellte der »Sutton Trust« eine Studie über die soziale und geographische Mobilität britischer Wirtschaftseliten vor. Haupterkenntnis ist die wachsende soziale und wirtschaftliche Abkopplung der Hauptstadt London vom Rest des Landes. London sei eine »wesentliche Arena für Eliten und hat seine Position als Elitenepizentrum weiter ausgebaut«. Für jüngere Menschen im Alter von 30 bis 36 Jahren »mit nicht-privilegiertem Hintergrund« sei es aufgrund überproportional hoher Mieten und Lebenshaltungskosten faktisch unmöglich, nach London zu ziehen. Demgegenüber seien es Personen privilegierter Herkunft, die sich zunehmend in der Hauptstadt niederlassen und dort auch bleiben. Hier zeige sich die wirtschaftliche Dominanz Londons.

Die wird auch aus einer Ende Dezember erschienenen Studie des »Equality Trust« über Milliardäre in Großbritannien ersichtlich. Laut diesem Bericht ist das Vermögen der fünf reichsten Familien Großbritanniens größer als das zusammengerechnete Vermögen von 13,2 Millionen Einwohnern Großbritanniens. Die reichsten Briten (ein Prozent der Bevölkerung) besitzen soviel wie 80 Prozent ihrer Landsleute zusammen. Die Zahl der Milliardäre in Großbritannien hat sich im Laufe der letzten zehn Jahre fast verdoppelt, deren Vermögen ebenfalls. Dagegen leben 14 Millionen Briten in Armut, 1,5 Millionen davon sind finanziell nicht in der Lage, Grundbedürfnisse zu befriedigen. Austeritätspolitik macht Reiche reicher und Arme ärmer.

Wenig verwunderlich – die fünf reichsten britischen Familien agieren von London aus, auch wenn sie ihre offiziellen Wohnsitze teilweise in Steueroasen angemeldet haben. An der Spitze der Liste steht die Hinduja-Familie mit einem Vermögen von 13,1 Milliarden Pfund. Die vier Brüder stehen einem weltweiten Konsortium von Öl- und Gaskonzernen, Banken und Medienunternehmen vor. Hinzu kommen diverse Medienunternehmen. In London besitzt die Familie vier miteinander verbundene Häuser im Wert von 500 Millionen Pfund.

James Arthur Ratcliffe, der zweite auf der Liste, wohnt nicht mehr in Großbritannien. Er ist 2019 nach Monaco umgezogen, um Steuern zu sparen. Sein Geld verdient er mit der Zerstörung der britischen Umwelt. Ratcliffe ist Gründer und Eigentümer des Petrochemiekonzerns Ineos. Laut »Equality Trust« ist Ineos außerdem der größte Betreiber von Frackinganlagen in Großbritannien, deren Errichtung immer mit vermehrter Polizeigewalt gegen wütenden Protest der Lokalbevölkerung durchgesetzt werden muss.

Auf Platz drei der Reichenliste kommt endlich ein Investmentbanker ins Spiel. Michael Platt ist Mitbegründer und CEO von Bluecrest Capital, einem der größten Hedgefonds der Welt. 2010 zog er von Genf nach London. Seine Firma operiert jedoch von der Insel Jersey aus. Die Insel ist im Kronbesitz und deshalb nicht britischem Steuerrecht unterworfen. Zahlreiche in der City of London aktive Spekulanten agieren deshalb offiziell von dort aus, um Steuern zu sparen.

Die Plätze vier und fünf werden von den Reuben-Brüdern belegt. Diese Private-Equity- und Großgrundbesitzinvestoren leben als sogenannte »Non-Doms« in London. Das heißt, sie müssen dort keine beziehungsweise nur wenige Abgaben entrichten, solange sie ihr Vermögen offiziell im Ausland verdienen.

Die Kombination aus Superreichtum, Steuervermeidung und Austeritätspolitik hat drastische soziale Auswirkungen. Das zeigt der »Christliche Verein Junger Menschen« (YMCA) am Beispiel der Jugendsozialarbeit in England und Wales auf. In einer im Januar veröffentlichten Studie werden die Konsequenzen der Sparpolitik in diesem Bereich seit 2010 aufgeführt. Das Ausmaß der Einsparungen sei lange ignoriert worden, erst jetzt würden die Folgen: erhöhte Gewalttätigkeit, Messerstechereien, psychische Belastungen und Vereinsamungsphänomene öffentlich besprochen.

Wurden in England im Jahr 2010 noch 1,357 Milliarden Pfund für die Jugendarbeit ausgegeben, waren es 2019 nur noch 398 Millionen. Allein in der Industrieregion der West Midlands seien die Ausgaben für die Arbeit mit Jugendlichen im Lauf der Jahre um 80 Prozent reduziert worden. In Wales wurden 2010 noch 50 Millionen Pfund für Jugendarbeit ausgegeben, 2019 lag die Summe bei nur 31 Millionen Pfund. Ein Ende der Kürzungen sei nicht in Sicht, so der YMCA. Die Londoner Superreichen berührt das derzeit nicht. Das wird sich erst ändern, wenn dereinst die wütende Bevölkerung vor ihren Luxusvillen auftaucht.

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