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Aus: Ausgabe vom 17.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Stichwort Udo-Karaoke

Der Kinofilm »Lindenberg! Mach dein Ding« über das knuffigste Rockmaskottchen der BRD
Von Maximilian Schäffer
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»Konsequent treudoof« mimt Jan Bülow den Titelhelden

Egozentrik und Selbstbeweihräucherung gehören zum Wesenskern des Popstars. Im neuen Spielfilm über Udo Lindenberg wird korrekt resümiert: »Du bist alleine und gehörst allen!« – deswegen muss man den Bühnendarstellern ganz besonders verzeihen, dass sie übermäßigen Gefallen am Kult um die eigene Person finden. Weil das ausgreifende Geliebtwerdenwollen nur sparsamsten Raum für Kontroverse und Kritik lässt, stellt »Lindenberg! Mach dein Ding« seinen Protagonisten als grundsympathischen, empathischen, volksnahen Helden dar. Der schafft es, sich ohne Ellenbogen und Niedertracht, mit eigenem Kopf und Träumerei vom Klempnersohn zum umjubelten Musiker von Bundesformat emporzuringen. Das Herz am rechten Fleck, politisch »realistisch« und mit nicht allzu vielen Idealen ausgestattet, gefällt er Menschen, die den Begriff »kultig« für aktuelle Jugendsprache halten. Einsprüche kann niemand erheben, weil Udo eben das knuffige Rockmaskottchen der BRD ist, der nix will außer »keine Panik« und »Peace«.

Hermine Huntgeburth, die sich bisher vor allem als Fernsehfilmregisseurin bewies, bleibt niveaumäßig bei ihrem Format, bietet gut zwei, gefühlt aber fünf Stunden Langeweilekino, passend fürs Abendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen. Alles ist sehr brav inszeniert – vom Vollsuff bis zum LSD-Trip, von der Gewalt im Elternhaus bis zur deutschen Teilung. Huntgeburth macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt, schafft ganz nebenbei reinstes Propagandakino für durchschnittsdeutsche Sprechautomaten. Die unerträglichsten Szenen sind jene, in denen die vollends opportunistische Weltsicht des Film-Udo uneingeschränkte Zustimmung bekommt. Im ganzen läuft das so ab: Udo lebt im Hamburger Künstlerprekariat, zieht zufällig in eine Hippie-Kommune, weil das Geld knapp ist, und als der Plattenboss winkt, kommt Sozen-Udo zur Besinnung. Das brotlose Künstlerzeug und die freie Liebe bringen natürlich nix. Richtig entscheidet sich Udo für die Plattenfirma Teldec, aber als die ihn zum Kommerz zwingen will, wirft er vor Wut die goldenen Schallplatten kaputt und geht aus Trotz in die DDR. Dort gibt es schöne Frauen und warme Wohnungen, aber die Stasi holt einen dauernd ab. Also wieder zurück in den Westen, doch eine Schlagerplatte machen und als B-Seite voll den Rock ’n’ Roll draufschmuggeln. Dann natürlich Welterfolg und nur noch »düp-düp-düp-düp« mit Doppelkorn im Hotel Atlantic.

Nicht einmal, wenn man Lindenbergs pseudocoole Haus-Maus-Reime für lässige Arbeiterpoesie hält oder sein niedliches Varietégedudel für gute Musik; nicht einmal, wenn man ihn für den ersten deutschsprachigen Rockstar hält oder mehr als eine Platte von ihm hören kann, ohne zu würgen; nicht einmal, wenn man von der Schnute und der Sonnenbrille nicht genug bekommen kann, kann man diesen höchst manipulativen Merchandise-Film ohne Langweile und Kopfschütteln ertragen. Jan Bülow, bisher vor allem als Theaterschauspieler in Erscheinung getreten, bemüht sich stark, das peinliche Drehbuch nicht noch peinlicher zu machen, mimt den Sänger aber so konsequent treudoof und dümmlich, dass man meinen könnte, es bräuchte nur eine kleine Eingebung des Himmels, damit man vom Dorftrottel zum Star wird.

Folgender Liedtext fasst den Film zusammen und kann im Grunde über jeden x-beliebigen Udo-Song geträllert werden.

*

Der Nuschelhans vom Nordseestrand

hat jetz n Film über sich selbst

da gehts ums Rauchen

und auch ums Saufen

und um das große Geld

*

Ja, Udo heißt er

der Sangesmeister

mit seiner Rockkapelle

der trägt n Hut und ne Sonnenbrille

und zieht ne Schnute wie ne Forelle

*

Als Klempnersohn hat ers nich leicht

sein Vadder sagte: Das geht nich

du kannst nich werden

was dein Alter nich is

jeder Versuch is vergeblich

*

Doch Udo wollts wissen

ging nach Hamburg

und trommelte für die Miete

düp-n-düp-düp-düp-düp

düp-n-düp-düp-düp-düp

n-düp-n-düp-düp-düp-düp

*

Am Ende war Udo dann n Star

und isses heute immer noch

Talent zahlt sich aus

deswegen mach was draus

reim einfach Haus auf Maus

Keine Panik

»Lindenberg! Mach dein Ding«, Regie: Hermine Huntgeburth, D 2020, 135 min, gestern angelaufen

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Mario Bohnert, Berlin: Was soll das? Hallo, ich möchte mich über den Bericht über Udo äußern, ich bin der Meinung, man kann über alles seine Meinung sagen, wenn sie objektiv ist, aber euer Beitrag über Udo ist das letzte, da waren ja eur...
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