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Aus: Ausgabe vom 17.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Es fliegen Tierchen durch die Luft

Konzertreihe: Erik Leuthäuser spielt in der Berliner Bar jeder Vernunft
Von Markus von Schwerin
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»Musst nicht pünktlich sein, ich bin hier, habe Zeit, keine Angst«

»Wenn du zu mir kommst, so verlang’ ich nichts, bring’ nur dich, bring’ kein Zeug, bring’ nur dich / Auf dem Weg keine Hast, musst nicht pünktlich sein, ich bin hier, habe Zeit, keine Angst.« Die milden Worte wurden nicht etwa von einer mütterlichen Chansonnière reiferen Alters, sondern 2018 von einem sanft phrasierenden Jazzgesangstudenten angestimmt, »inspiriert von seinen Erfahrungen als junger schwuler Mann in der Großstadt Berlin«, wie es der 1996 in Freital/Sachsen geborene Erik Leuthäuser auf seiner Website beschreibt.

Hauptstadtbewohner, welche die öffentlichen Semesterabschlusskonzerte des Jazz-Instituts Berlin (JIB) regelmäßig besuchen, könnten den schlaksigen Brillenträger mit der Vorliebe für violette Overalls und bauchfreie Westen schon als Vocal-Loop-Virtuosen oder genialen Ivan-Lins-Interpreten am Piano erlebt haben. Dass derlei Talent auffiel, überrascht nicht, wohl aber, dass seine zweite CD »Wünschen« gleich beim wiederbelebten MPS-Label erschien. Leider um den Preis, dass das Genre sprengende Artpopalbum fast nur in der verzopften Fachpresse rezipiert wurde.

Der Fangemeinde der seit anderthalb Jahrzehnten populären Musikerin Dota, die auf »Wünschen« mit gleich drei Kompositionen vertreten ist, scheint es jedoch entgangen zu sein. Dabei enthält es neben »Zuhause« und ihrer Mascha-Kaléko-Adaption »Chanson von der Fremde« mit »Gleißende Helle« ein Exklusivstück, das unter den elf Liedern besonders hervorsticht. Wie hier zu einem treibenden Beat aus Cymbals und Tom-Toms das Abschütteln von Scheuklappen und das langsame Schärfen der Sinne nachgezeichnet wird, ist nicht zuletzt dank des romantischen Resümees (»All diese Schönheit war stets da / wir haben’s nur noch nicht gewusst / Ein Zwitschern und ein milder Wind / Es fliegen Tierchen durch die Luft«) repräsentativ für das ganze Album.

In die Rotation der Kultursender kam es dennoch nicht. Vielleicht erschienen die verspielten Gitarrengirlanden von Kurt Rosenwinkel den Programmmachern nicht frühstückskompatibel. Tatsächlich gibt es auf der CD mehrere Momente, wo der illustren Musikerschar um den produzierenden Kontrabassisten Greg Cohen (wie Rosenwinkel Fachbereichsleiter am JIB) die Gäule durchgegangen sind und manch lyrisches Detail – etwa in der titelgebenden Friedrich-Hollaender-Verbeugung – übertönt wurde. Doch seit »Wünschen« 2018 erschien, hat Erik Leuthäuser die Songs in vielen verschiedenen Besetzungen präsentiert.

In der für ihn in der Bar jeder Vernunft eigens geschaffenen Konzertreihe gleichen Namens (sie findet alle zwei Monate statt) wird er von dem Gitarristen Peter Meyer und dem Bassisten Paul Santner begleitet, die sich bereits als versierte Genrehopper zwischen Progrock, Freejazz und Torch Song profiliert haben. Als Gast des ersten »Wünschen«-Abends darf man sich auf Erik Leuthäusers Kommilitonen Atrin Madani (der vergangenen Sonntag bei der »Singers‹ Night« im JIB als Gershwin-Interpret glänzte) und den Kölner Gitarristen Peter Fessler freuen, dessen Vertonungen bisher unbekannter Liedtexte von Miriam Frances (die in den 70ern u. a. für Mary Roos und Daliah Lavi schrieb) sich bestens in den Abend einfügen werden.

Premiere der Konzertreihe »Wünschen« mit Gästen: heute, 17.1., Berlin, Bar jeder Vernunft, 20 Uhr

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