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Aus: Ausgabe vom 17.01.2020, Seite 4 / Inland
Parteimitgliedschaft

Ansturm auf Ökopartei

Mitgliederentwicklung: Grüne legen stark zu, AfD und FDP leicht. Linke verliert, strebt aber perspektivisch 100.000 Mitglieder an
Von Kristian Stemmler
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Altgedient: Anders als Annalena Baerbock ist rund ein Drittel der Grünen-Mitglieder erst seit 2018 oder später in der Partei

Was bei den Wahlen an politischen Trends zu erkennen ist, zeigt sich auch bei der Entwicklung der Mitgliederzahlen der im Bundestag vertretenen Parteien. Dank der Allgegenwart des Themas Klimaschutz haben Bündnis 90/Die Grünen zuletzt nicht nur viele Prozentpunkte bei Wahlen, sondern auch deutlich an Mitgliedern gewonnen. Auch FDP und AfD registrierten ein Plus, wie am Donnerstag die Nachrichtenagentur dpa nach Anfragen in den Parteizentralen verbreitete. Einen Mitgliederrückgang verzeichneten dagegen die CDU und – kaum überraschend – die SPD, ebenso Die Linke.

Die Grünen gewannen in zwei Jahren rund 30.000 Mitglieder hinzu – das sind fast so viele, wie die AfD bundesweit an Mitgliedern hat. Seit Anfang 2018, als Annalena Baerbock und Robert Habeck die Führung der liberalen Ökopartei übernahmen, erhöhte sich die Mitgliederzahl von rund 65.000 auf rund 95.000. Ein gutes Drittel des Mitgliederbestandes stellen damit Neumitglieder. Bei der SPD ging es dagegen weiter abwärts. Ende Dezember 2019 hatten die Sozialdemokraten einer Sprecherin zufolge etwa 419.000 Mitglieder. Verglichen mit dem Vorjahr waren das 18.500 Mitglieder weniger; gegenüber dem Jahr 1990 hat sich die Mitgliederzahl mehr als halbiert.

Einen Rückgang gab es auch bei der anderen »Volkspartei«. Die CDU verlor im vergangenen Jahr rund 9.200 Mitglieder: Ende November 2019 waren es etwa 407.000. Die CSU freute sich dagegen über ein leichtes Plus und hat jetzt knapp 141.000 Mitglieder. Die FDP hatte Ende Dezember 2019 rund 65.500 Mitglieder – 1.600 mehr als ein Jahr zuvor. FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg erklärte, diese Entwicklung stimme sie »sehr positiv, gerade in Zeiten, in denen illiberale Tendenzen von links und rechts wieder Konjunktur haben«. Auffällig ist, dass der Mitgliederzuwachs der AfD deutlich bescheidener ausfällt als ihr Zuwachs an Wählerstimmen: Die Partei gewann 2019 bundesweit nur 1.600 Mitglieder hinzu und hatte damit zum Jahreswechsel etwas über 35.100 Mitglieder.

Die Linke verlor 2019 als einzige unter den »kleinen« Parteien im Bundestag Mitglieder. Nach den aktuellsten Daten von Ende September 2019 gehörten ihr bundesweit 61.055 Beitragszahler an. Gegenüber 2018 sind das etwa 1.000 weniger. In Thüringen, Brandenburg und Sachsen, wo 2019 Wahlkämpfe stattfanden, schrumpfte die Zahl der Mitglieder von Quartal zu Quartal. In einigen westdeutschen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen gewann die Partei dagegen Mitglieder dazu.

Für die Partei setzt sich damit ein Abwärtstrend fort. Im Jahr 2009 hatte sie noch mehr als 78.000 Mitglieder, seither wurden es fast jedes Jahr weniger. 2017 gab es durch rund 8.500 Neueintritte eine leichte Erholung, doch seither sinkt die Mitgliederzahl wieder: Kein gutes Vorzeichen für das Vorhaben, das die Kampagnenabteilung der Partei in einem jW vorliegenden internen Papier präsentiert. In dem Dokument mit dem Titel »Perspektive Mitgliederentwicklung – Ausblick 2019 bis 2028« wird als »Vision« formuliert, dass Die Linke bis 2028 eine Mitgliederzahl von 100.000 erreicht. Die Autoren konstatieren, dass die Partei im Durchschnitt zwar »immer jünger« werde, aber »überproportional viele Junge und vor kurzem Eingetretene« wieder austreten. Eine Ursache dafür sei, dass der Kontakt zu den Mitgliedern oft nur unpersönlich und indirekt – etwa per E-Mail – gehalten werde. »Wir müssen den persönlichen Kontakt, die praktische Einbindung in das Parteileben und bei politischen Aktionen, ausbauen«, erklärte Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler gegenüber jW.

Mit den Kreisvorsitzenden sei man über diese Ziele im Gespräch. Kampagnen etwa zur Mietenpolitik oder Pflege und das Projekt »Linksaktiv« würden genutzt, um auch von der Bundesebene aus zusätzliche Beteiligungsmöglichkeiten anzubieten. Auch Patenschaften für Neumitglieder seien ein Modell, das diskutiert werde, so Schindler. »Gleichzeitig wollen wir im aktivistischen und persönlichen Umfeld verstärkt Menschen zur Mitgliedschaft motivieren«, sagte er. Mit einer besseren Einbindung von Mitgliedern solle die Zahl der Austritte und Bereinigungen halbiert, die Zahl der Neueintritte zugleich um die Hälfte gesteigert werden.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Lüko Willms: Linke sterben aus Wenn die Partei Die Linke (PDL) besonders in der Ex-DDR an Mitgliedern verliert, gleichzeitig aber immer jünger wird, dann steckt dahinter wohl der biologische Abbau der verbissenen SED-Mitglieder, de...

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