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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Verdrängungsopfer des Tages: Berliner CDU

Von Marc Bebenroth
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An Spendern dürfte es der CDU im Notfall nicht mangeln

Steigende Mieten, knapper werdender Wohnraum: Die Segnungen des »freien Marktes« spüren Millionen Menschen in der Bundesrepublik täglich. Gegen Spekulanten und Immobilienkonzerne scheint kein Kraut gewachsen. An der sogenannten Mietpreisbremse scheinen sie nicht zu scheitern, allen Untergangsprophezeihungen zum Trotz. Metropolen wie Berlin suchen nach wie vor verzweifelt nach Wegen, diesen Spuk zu beenden – oder den Mietwucherern zumindest einen über den Deckel zu ziehen.

Die nimmersatten Miethaie haben nun ein Opfer gefunden, das bislang treu an ihrer Seite für den Bau weiterer Eigentumswohnungen und Luxusapartments gekämpft hat. Der Berliner Landesverband der CDU muss seine Zentrale am Wittenbergplatz in bester »Citylage« räumen, wie die Berliner Morgenpost am Mittwoch berichtete. »Die Wege des Marktes sind unergründlich«, mag man sich beim Landesverband gedacht haben und fügte sich seinem Schicksal. Seit zehn Jahren zahlte die CDU dem Bericht zufolge zehn Euro pro Quadratmeter. Traumhaft günstig im Vergleich zu den demnach nun fälligen 30 Euro.

Doch wo die lohngedumpten und anderweitig ausgebeuteten Massen in solchen Situationen die Wahl zwischen Obdachlosigkeit oder Auswanderung haben, muss sich die Berliner Union lediglich von großzügig bemessenen Büroräumen verabschieden. Man fällt weich und zieht sich nach Charlottenburg zurück, dem prototypischen Westberlin für Menschen mit reich gefüllten Bankkonten. Ab März will man »in einem schlichten 50er-Jahre-Bürohaus an der Suarezstraße residieren«, wie die Morgenpost schreibt. Solche Bescheidenheit muss man sich erst mal leisten können. »Wir zahlen weniger für Büromiete und nutzen das Geld lieber für die politische Arbeit«, wird CDU-Generalsekretär Stefan Evers zitiert. Den Kampf gegen Wuchermieten wird er mit Sicherheit nicht gemeint haben.

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