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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Härtere Gangart

Strategie des deutschen Kapitals
Von Simon Zeise
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VDMA-Präsident Carl Martin Welcker fordert von der Bundesregierung, schärfere Töne gegen China anzustimmen

Der Schreck sitzt den Konzernchefs tief in den Knochen. Das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik siecht dahin. Um schlappe 0,6 Prozent hat das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr nur noch zugelegt, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch verkündete – und die Aussichten werden nicht besser.

Das macht für das deutsche Kapital ein Umdenken erforderlich. Jahrelang gab der Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauunternehmen (VDMA), Carl Martin Welcker, das liberale Gewissen seiner Zunft. Der Vorsitzende der deutschen Schlüsselindustrie, die von den boomenden deutschen Exporten profitierte wie kaum eine andere, wollte nichts von Protektionismus wissen. Alles Hasenfüße, die ewigen Hetzer gegen China. »Wir haben das bessere System, und das bessere System wird sich durchsetzen«, gab er zum besten.

Doch die konjunkturelle Tristesse kratzt am Selbstbewusstsein des deutschen Kapitals. Gegenüber der Konkurrenz braucht es eine härtere Gangart. Seit Montag gilt für den VDMA: »Skepsis gegenüber chinesischen Unternehmen ist keine Hysterie, sondern angebracht. Wir waren aus heutiger Sicht zu optimistisch.« China sei aufgrund seiner »politisch gesteuerten Wirtschafts- und Investitionspolitik, den klaren strategischen Interessen sowie der enormen Kapitalkraft kein internationaler Investor wie jeder andere«. Deutschland und die EU sollten gegenüber den Staaten, die sich an der chinesischen Belt and Road Initiative beteiligten »selbstbewusster auftreten und ihre eigenen erbrachten finanziellen und Beratungsleistungen besser vermarkten«.

Gesagt, getan, kommt die Bundesregierung der Forderungen der Konzerne nach. Am Mittwoch verabschiedete das Kabinett die Rohstofftstrategie. Das Papier beinhaltet 17 Maßnahmen, darunter unter anderem Kreditgarantien für Rohstoffprojekte (»Ungebundene Finanzkredite«), Forschungsförderung für Rohstoffverarbeitung und Stärkung der Kooperation mit rohstoffwirtschaftlich interessanten Ländern. Ziel sei es, »die Unternehmen bei einer sicheren, verantwortungsvollen und nachhaltigen Rohstoffversorgung zu unterstützen«. Die Interessen werden mit veränderten globalen Machtverhältnissen unterlegt. In einer früheren Erklärung, der »Rohstoffstrategie 2010« wurde das Eingreifen der schützenden Hand über den deutschen Monopolen noch mit hohen Marktpreisen begründet. Doch heute seien »vor allem die Nachfrageveränderungen durch disruptive Technologien, Handelsstreitigkeiten, hohe Marktmacht einzelner Akteure sowie gestiegene Anforderungen, sozial- und umweltgerechte Lieferketten und die Achtung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten zu garantieren« – orchestriert mit einem Trommelwirbel für die »Freiheit« Hongkongs und der in China lebenden Uiguren. Insbesondere Kobalt gehöre zu den Rohstoffen mit den höchsten Beschaffungsrisiken. Die hohe Konzentration von Förderung und Vorkommen in »Risikoländern« wie Russland und Kuba sei dabei ausschlaggebend.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Eigene Rohstoffstrategie »Wir haben das bessere System, und das bessere System wird sich durchsetzen«: Wer so argumentiert, ist gleich auf der Verliererstraße! Die späte Einsicht: »China sei aufgrund seiner ›politisch gesteue...

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