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Aus: Ausgabe vom 15.01.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Zaghaft

»Ich bin durch mit der Kohle«

Gewerkschafter Vassiliadis »mahnt« Bundesregierung und lobt Klimaaktivisten
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Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

Interessenvertretung für die arbeitende Klasse in Zeiten von »Energiewende« und »Dekarbonisierung« ist ein hartes Brot für die deutschen Industriegewerkschaften. Doch statt als knallharte Lobbyisten der Arbeiter präsentieren sich deren Anführer eher als zaghafte Mahner für ein »Sowohl, als auch« statt als Klassenkämpfer. So auch Michael Vassiliadis. Wirtschaft und Politik müssen den »Schwung der Klimadebatte« nutzen, um die Energiewende in Deutschland entschlossener anzupacken. Der Umbau der gesamten Industrie sei ein Kraftakt, in dem aber auch große Chancen für die technologische Erneuerung des ganzen Landes steckten, sagte der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) am Montag abend auf einer IG-Veranstaltung in Hannover.

»Wir stehen inmitten einer Zeitenwende, getrieben durch Digitalisierung, Globalisierung und Klimapolitik«, so Vassiliadis und kritisierte auch ein wenig die Bundesregierung. Von der wünscht er sich eine schlüssigere Ökostromstrategie. Angesichts des Atom- und Kohleausstiegs bleibe nicht viel Zeit, tragfähige Pläne für eine sichere Energieversorgung zu entwickeln: »Ich habe den Eindruck, dass vor allem Abschaltpläne diskutiert werden.«

»Meine Forderung ist, einen Einschaltplan vorzulegen.« Hunderttausende Jobs könnten in Gefahr geraten. Der Gewerkschaftschef plädierte indirekt für mehr Windräder. Vor allem bei der Windkraft an Land erschwerten Regulierungen, umstrittene Abstandsregeln für Anlagen und Akzeptanzprobleme eine stärkere Nutzung.

Er kritisierte, dass hierzu bei schrittweise wegfallendem Atom- und Kohlestrom die nötigen Konzepte noch nicht vorlägen, er könne sie »im Moment noch nicht greifen«. Dabei sei am Kohle-Aus bei den geplanten Hilfen für die betroffenen Regionen nicht mehr zu rütteln: »Ich bin durch mit der Kohle, wenn wir es sozialverträglich hinkriegen«. In dieser Woche laufen in Berlin weitere Spitzengespräche zum Kohleausstieg.

Für die als Klimaretter angetretenen Aktivisten von »Fridays for Future« fand Vassiliadis anerkennende Worte. Angesprochen auf seine Haltung zu den jüngsten Protesten etwa gegen Siemens, sagte er: »Fridays for Future ist eine prägende Kraft.« Etliche Positionen der Bewegung hätten inzwischen nicht nur »emotionale«, sondern auch »faktische Unterstützung« durch die Wissenschaft erhalten.

Die Notwendigkeit, langfristige eine Industrie aufzubauen, die die Umwelt weniger schädigt, sei inzwischen auch in weiten Teilen der Belegschaften anerkannt, sagte der IG-BCE-Chef. Die Mitarbeiter wünschten sich aber mehr Begleitung durch Wirtschaft und Politik. So sprachen sich in einer Umfrage unter mehr als 17.000 Mitgliedern und Beschäftigten 56 Prozent für ein »aktiveres Angehen« der Themen Klimaschutz und Digitalisierung aus. Mehr als 63 Prozent erklärten, dass die Unternehmen bei Klimafragen »mehr in die Pflicht genommen werden müssen«. Zum Knackpunkt des Ganzen sagte er eher nebenbei: Die Ergebnisse zeigten aber auch, »dass die Unsicherheit groß ist«. Für 42 Prozent bedeute mehr Klimaschutz beispielsweise mehr Risiko für die eigene Branche.

Vassiliadis ist für eine bessere Abstimmung von Unternehmen und Politik bei der »Verkehrswende«. Es gebe mittlerweile ein wahres »Autogipfelwesen« mit immer weiteren Spitzentreffen – doch in den Belegschaften vor allem der Zulieferer »kommt eher nur der Druck an«. Die Entscheidungsträger müssten klarmachen, dass der Wandel auch Zeit brauche.

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