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Aus: Ausgabe vom 14.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Wenn Bücher brennen

Konsequent übersteigert: Ray Bradburys »Fahrenheit 451« am Berliner Ensemble
Von Erik Zielke
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Plastische Beschreibung einer bedrückenden Welt (Theaterszene)

Der dystopische Roman »Fahrenheit 451« ist ein herausragendes Werk – sowohl im Œuvre des US-amerikanischen Autors Ray Bradbury als auch für das gesamte Genre der phantastischen Literatur. Wesentlich zur Bekanntheit des Buches hat François Truffauts gleichnamige Adaption des Stoffes von 1966, sein Film-noir-Klassiker mit Oskar Werner und Julie Christie in den Hauptrollen, beigetragen.

451 Grad Fahrenheit (etwa 233 °C) ist bei Bradbury die Temperatur, bei der Papier zu brennen anfängt. Der Roman handelt von einer gleichgeschalteten Gesellschaft, in der es verboten ist, Bücher zu lesen oder zu besitzen. Die Hauptfigur ist männlich und heißt Montag. Anfangs ist Montag stolzes Mitglied der Feuerwehr, der hier gerade nicht die Aufgabe zukommt, Feuer zu löschen, sondern Bücher und Bibliotheken zu verbrennen. Im Verlauf der Handlung – die Zerrüttung seiner Ehe, das Interesse an seiner widerständigen Nachbarin, schließlich die Zeugenschaft bei einem Mord an einer Büchernärrin durch die Feuerwehr säen Zweifel in ihm – wird er zum Staatsfeind. Er landet bei den dissidentischen »Büchermenschen«.

In einer Welt, in der das geschriebene Wort verboten ist, dürfte es auch keinen Platz für das Theater geben. Es scheint daher naheliegend, »Fahrenheit 451« auf die Bühne zu bringen, das Verschwinden von Diskurs und Öffentlichkeit an einem Ort zu verhandeln, der dafür wie geschaffen ist. Am Berliner Ensemble haben nun neun Studenten der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin den Stoff zur Darstellung gebracht. Regie führte Alexander Simon, Professor an genannter Ausbildungsstätte.

Wo im Buch ein Lesesog durch die plastische Beschreibung einer bedrückenden Welt sowie einer von Sehnsüchten überlagerten Gegenwelt entsteht, wo Truffauts Verfilmung ganz auf Pathos vertraut, da setzt der Theaterabend auf Ironie – manchmal bis hin zum Klamauk. Gleichwohl ist es interessant, junge Schauspieler im »Neuen Haus« der erst kürzlich eröffneten Studiobühne des Berliner Ensembles zu erleben. In retrofuturistischen Feuerwehranzügen (Kostüme: Lotta Zeit) nehmen sie selbstbewusst die von Wiebke Bachmann kühl und funktionalistisch ausgestattete Bühne ein, füllen die knapp zwei Stunden unterhaltsam aus. Insbesondere die Darstellerinnen (Lisette Holdack, Alida Stricker, Rebecca Lindauer, Yanina Cerón) fallen durch differenziertes Spiel und Ideenreichtum auf.

Weil identische Rollen auf verschiedene Spieler verteilt wurden, sind Verwandlungskraft und rascher Rollenwechsel gefragt. Auch diese Idee dürfte von Truffaut inspiriert und dann konsequent übersteigert worden sein. So wurde ein einfaches, aber wirksames Bild für die Austauschbarkeit des einzelnen in einem durchrationalisierten Überwachungsstaat gefunden. Kühn ist es, die Hauptfigur Montag gleich mehrfach zu zeigen. Ist auch der Held des Widerstands letztlich austauschbar? Schafft sich der repressive Staat seine Gegner selbst? Wer das sein wird, ist dann vielleicht gar nicht mehr so wichtig.

Nächste Vorstellungen: 27. Januar, 15., 16., 20. Februar

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