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Aus: Ausgabe vom 14.01.2020, Seite 8 / Ausland
Arbeitslose Akademiker

»Man kann Abschlüsse kaufen und verkaufen«

Akademische Titel als Ware: Auch in Spanien lassen Studenten ihre Arbeiten von anderen schreiben. Ein Gespräch mit Pero Grullo*
Interview: Carmela Negrete
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Volle Hörsäle, gestresste Studenten: Die sogenannte Bologna-Reform hat die Konkurrenz auch an den deutschen Universitäten angeheizt (Tübingen, 2012)

In Spanien floriert das Geschäft des Hausarbeitenschreibens für Studenten. Auf verschiedenen Webseiten bieten Menschen ihre Dienste an, auch Sie tun das. Können Sie Ihren Job beschrieben?

Ich schreibe Hausarbeiten für Studenten. Manchmal sind das auch Abschlussarbeiten für Bachelor- oder Masterstudiengänge.

Wie funktioniert das genau?

Ich bin in Kontakt mit den Betreibern einer spezialisierten Webseite, die diese Dienste anbietet. Dort können sich Studenten melden. Mir werden dann verschiedene Hausarbeiten vorgeschlagen, die in Auftrag gegeben wurden, und ich entscheide, ob ich sie annehme oder nicht.

Wie sieht die Bezahlung aus? Und läuft das über ein offizielles Bankkonto?

Die Überweisungen gehen über die Plattform Paypal. Üblicherweise bekomme ich pro Seite fünf Euro.

Bezahlen Sie Steuern, oder sind Sie als Freiberufler versichert?

Nein, ich bin Mitglied einer sogenannten Anzahlungsgenossenschaft. Dieses Modell ist in Spanien sehr verbreitet unter Leuten, die wie ich zuwenig verdienen. Rechnungen stelle ich dann mit der Steuernummer der Genossenschaft.

Wie lange machen Sie diesen Job bereits?

Seit rund zwei Jahren.

Wie viele Stunden arbeiten Sie, und wie lange brauchen Sie für eine Hausarbeit?

Kommt auf die Arbeit und die Anforderungen der jeweiligen Universitäten an. Im Schnitt schreibe ich eine Woche lang an einer Hausarbeit.

Wieviel verdienen Sie in diesem Zeitraum?

Das sind dann rund 250 Euro. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Wie sind Sie auf diese Verdienstmöglichkeit aufmerksam geworden?

Ich habe einen Beitrag in einer spanischen Nachrichtensendung gesehen. Die Stoßrichtung des Berichts war eine kritische, das Geschäft läuft aber weiterhin nahezu ungestört. Gegen die verschiedenen Webseiten, die da mitmischen, wird nichts unternommen. Warum sollte man auch? Schließlich wird nur angeboten, dass zu einem bestimmten Thema ein Text geschrieben wird. Die eigentliche Straftat begeht der Student, wenn er diese Arbeit als vermeintlich eigene Leistung einreicht und dafür unter Umständen sogar einen Universitätsabschluss erhält.

Ist dieses Geschäftsmodell ein neueres Phänomen?

Zumindest in Spanien ist es das, ja. Die Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Bologna-Reform und der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge. In diesen müssen heute viel mehr Hausarbeiten abgegeben werden als früher. Zu meiner Zeit mussten Studenten vor allem Klausuren schreiben. Hinzu kommen die grassierende Arbeitslosigkeit und die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse, die Menschen wie mich in solche Jobs zwingen. Mit vielen meiner heutigen Kollegen habe ich früher zusammen studiert.

Stört es Sie, dass durch Ihre Arbeit Menschen akademische Titel erhalten, obwohl sie womöglich wenig Ahnung von ihrem Fach haben?

Ich konzentriere mich auf die eigentliche Tätigkeit und versuche, die moralische Seite auszublenden. Als Arbeitsloser habe ich genug eigene Probleme. Universitätsabschlüsse sind heutzutage eine Ware wie alles andere: Man kann sie kaufen und verkaufen. Und an die Universitäten kommen sowieso meist nur diejenigen, die es sich leisten können.

Die Vorstellung, von einem Arzt ohne große Ahnung vom Medizinstudium behandelt zu werden, ist doch grauenhaft.

Mir wurde persönlich einmal angeboten, eine Arbeit in Baustoffingenieurwesen zu korrigieren. Als studierter Sozialwissenschaftler habe ich das aber abgelehnt.

Wie lange wollen Sie dieser Tätigkeit noch nachgehen?

Solange, bis ich einen Job habe.

Sie selbst haben einen Doktortitel, kennen sich also mit wissenschaftlicher Arbeit aus. Welche Chancen hat man in Spanien, eine Universitätskarriere zu durchlaufen?

Keine guten. Nachdem man den Doktortitel erhalten hat, muss man als Lehrbeauftragter Unterrichtsstunden leisten oder eine bestimmte Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen erreichen. Die meisten bekommen aber keine wirkliche Chance dazu.

Pero Grullo (* Name von Redaktion geändert) ist Akademiker mit einem Doktortitel und derzeit arbeitslos

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