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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die Angst und die Kälte

»Erinnerung an den Wald«: Roman von Damir Karakas über eine trostlose Kindheit im kroatischen Hinterland
Von Roland Zschächner
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Wer kann, verlässt den Ort seiner Jugend – den Wald, das Dorf

Es ist ein tristes Leben, das Damir Karakas in seinem Roman »Erinnerung an den Wald« nachzeichnet. Der namenlose Ich-Erzähler, ein Bauernjunge, beschreibt seinen Alltag im kroatischen Hinterland. Der Vater ist ein jähzorniger Patriarch, stets bereit, seinem Sohn eine Tracht Prügel zu verpassen, wenn der nicht spurt. Die Mutter kann ihrem Mann nichts entgegensetzen, reibt sich mit der Arbeit und dem Haushalt auf, verliert sich im Kleinkrieg mit der Schwiegermutter. Die hat sich des Jungen angenommen, versucht ihn nach Kräften zu unterstützen. Und dann ist da noch die Schwester – klein, unauffällig, und wenn sie mal auftritt, dann als Anhängsel des Bruders.

Der kroatische Autor taucht ein in das Leben in der Gegend von Letinac, er wuchs selbst dort auf. Die Handlung spielt im sozialistischen Jugoslawien, doch der Staat ist nur sporadisch präsent – und dessen Ideale liegen in weiter Ferne. Denn der Großteil der Dorfbewohner – wie auch die Familie des Jungen – war während des Zweiten Weltkrieges Anhänger der faschistischen Ustascha. Von deren Greueltaten erfährt der Erzähler erst bei einem Schulausflug, danach ist er verstört; er lehnt das auch aus persönlicher Betroffenheit ab. Er ist krank, hat irgend etwas mit dem Herzen, will es aber lieber nicht so genau wissen, zu groß ist die Angst, deshalb nicht in der Jugoslawischen Volksarmee dienen zu dürfen.

Als Soldat oder als Basketballspieler dem Dorf endlich den Rücken zuzukehren, ein eigenes Leben zu führen, das sind seine Zukunftspläne. Und so treibt er sich an, will sich aus eigener Kraft aus dem Wald befreien. Er ist fleißig in der Schule, ohne dass es seine Eltern zu interessieren scheint, trainiert mit selbstgebasteltem Ball und Korb bis tief in die Nacht, stemmt Gewichte, damit seine Muskeln wachsen.

Bleibt die Frage, für wen er das alles wirklich tut. Zu groß ist der Vater, der ihn kleinhält und maßregelt, wo er kann. Doch auch dieser Übervater ist fehlbar, etwa an dem Tag, als er mit seinem Sohn auf die Jagd geht. Beide warten im Gras auf die passende Gelegenheit: »Vater legt sich neben mich auf die Seite; ich erinnere mich nicht, dass wir irgendwann einmal so nahe nebeneinander gelegen hätten.« Zwar trifft der Schuss, es ist aber nur ein Dachs, der stinkt und schließlich vergraben werden muss.

Die Angst vor dem Vater ist beklemmend präsent. Nach einem Elternabend verprügelt dieser seinen Sohn vor den Augen des Lehrers, weil der behauptet hat, der Junge hätte einen Kugelschreiber gestohlen. Als der Vater einmal von einer Krankheit niedergestreckt wird und unklar ist, ob er sie überleben wird, wünscht sich der Sohn, der Erzeuger möge das Zeitliche segnen.

Der Kontakt zwischen den Menschen im Dorf ist kühl, wird aufs Nötigste beschränkt, körperliche Nähe lässt sich nicht erfahren, so dass der Junge beim Besuch seiner Tante in Zagreb von deren Offenherzigkeit völlig überrascht ist. »Vater und Mutter küssen mich nie; sie geben nur die Hand. Sie küssen mich auch nicht zum Geburtstag, weil ich ihn nie feiere. Bei mir im Dorf habe ich nie gesehen, dass irgendwer irgendwen küsst. Und Vater habe ich auch nie weinen sehen; ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen.«

Der Alltag ist geprägt von Schulbesuchen, dem Weiden der Kühe, der harten Arbeit auf dem Hof. Die Welt hat nur wenig Freuden zu bieten – gelegentlich mal eine Flasche Coca-Cola, das Kräftemessen mit anderen Jungen oder ein heimlicher Besuch im Kino in der nächsten Kleinstadt. Der Junge flüchtet sich in Träume, die sich sich immer öfter um einen Bären drehen, der die Gegend unsicher macht. Der Wunsch, das Raubtier zu erlegen, um es allen – vor allem dem Vater – zu zeigen, lässt erahnen, wie sich Anerkennung und Respekt in dieser archaischen Gesellschaft erwerben lassen.

Der Fortschritt kommt langsam ins Dorf, zumindest materiell. Die Familie baut sich ein Wasserklosett ins Haus ein, später folgt ein Fernseher, der noch mit einer blauen Folie abgeklebt wird; damit sind sie die ersten mit einer farbigen Mattscheibe. Vertreter der Staatsordnung erscheinen lediglich in Form von Polizisten und Lehrern. Sie werden mit »Genosse« angesprochen, doch der Sozialismus ist fern. Denn während in anderen Ländern das bäuerliche Leben durch die Kollektivierung der Landwirtschaft revolutioniert wurde, ließ sich dieser Schritt in Jugoslawien nicht durchsetzen.

Zwar verschwanden die Großbauern, doch die kleinen Familienhöfe blieben. Ebenso überkommene und reaktionäre Vorstellungen. Während der Veterinär angesehen ist, wird bei den Leiden der Menschen nicht etwa der Arzt gerufen, sondern eine Wunderheilerin, die orakelt, die Welt werde bald untergehen. Zwar hilft man sich im Dorf gelegentlich gegenseitig, doch bleiben alle auf ihre Scholle beschränkt und damit in ärmlichen Verhältnissen gefangen.

In einer realistischen, eindrücklichen und schnörkellosen Sprache beschreibt Karakas das dörfliche Leben. Es ist eine melancholische Abrechnung, ohne zu verurteilen. Wer kann, verlässt den Ort seiner Jugend, ohne ihn jedoch hinter sich lassen zu können. So geht es heute noch vielen, die aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens in den Westen zogen, um ihr Glück zu suchen. Karakas gehört auch dazu.

Damir Karakas: Erinnerung an den Wald. Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof.
Folio-Verlag, Wien/Bozen 2019, 152 Seiten, 20 Euro

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